Neues System zu teuer? Für den Chef der Lebenswerkstatt Heilbronn zählen Vorteile des BTHG
Zu viele Modelle, zu wenig Digitalisierung: Friedemann Manz von der Lebenswerkstatt über das, was beim Bundesteilhabegesetz nötig ist, damit es nicht aus dem Ruder läuft

Ein Systemwechsel im Sozialen lässt Kommunen und Wohlfahrtsverbände ächzen. Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) sorgt dafür, dass jeder Mensch mit Behinderung individuell Hilfe bekommt. Aber auch, dass die Kosten in die Höhe schießen, wie in Heilbronn. Mit rund zehn Millionen Euro verursachte der Bereich 2025 die höchste Kostensteigerung im Sozialen. Ein Grund: mehr Aufwand in den Ämtern. Und nicht nur da.
Mit 43 Stadt- und Landkreisen rechnet die Lebenswerkstatt ab
Mit sage und schreibe 43 Stadt- und Landkreisen von Konstanz bis Bremerhaven rechnet die Lebenswerkstatt für Menschen mit Behinderung ab. Weil für den Konstanzer, auch wenn er bei der Lebenshilfe in Heilbronn wohnt, immer noch das Sozialamt am Bodensee zuständig ist. Und jeder Kreis sein eigenes Modell ausgearbeitet hat. Ein enormer Aufwand. Auch für die Kommunen. „Wir leiden da gerade beide“, sagt Friedemann Manz, Geschäftsführer der Lebenswerkstatt Heilbronn.Trotzdem. Manz ist glühender Verfechter der Idee hinter dem BTHG. Auch wenn er findet, dass eine Vereinfachung Not tut. Deshalb kämpft er auf Landesebene in einer Modellkonsolidierungsgruppe dafür, dass nicht jeder Kreis sein eigenes Süppchen kocht. Ziel: Sich am Ende mit den kommunalen Vertretern auf bis zu drei Modelle zu einigen. Statt mit 44 allein in Baden-Württemberg zu jonglieren. „Ich bin optimistisch, dass das gelingt.“
Die Zahl der Menschen im ambulanten Wohnen hat sich verdoppelt
Zünglein an der Waage könnte eine Bedingung der Wohlfahrtsverbände sein. Sie pochen auf Digitalisierung beim Procedere. „Momentan schicken wir monatlich eine Rechnung per Post raus. Die pflegt das Amt ins System ein.“ Dann werde das Ganze zur Überweisung freigegeben. „Der gesamte Vorgang ließe sich mit einem Tool vereinfachen.“ Was auch Personal einsparen würde, so Manz.Sein Credo: Verwaltungsschritte verschlanken, Ja. Pauschal kostengünstiger agieren, Nein. Denn: Bei allen Trägern der Eingliederungshilfe in Heilbronn ist die Zahl der Menschen, die im ambulanten Wohnen begleitet werden, von 2015 bis 2025 um 50 Prozent gestiegen. Der Grund: „Die Leute ziehen früher von daheim aus, und sie werden älter.“ Sie blieben länger im Leistungsbezug, hätten höhere Bedarfe. Auch dadurch gehen die Kosten hoch.
Der Personalschlüssel ist durch das BTHG höher
Ebenfalls um 50 Prozent gestiegen ist bei der Lebenswerkstatt in diesem Zeitraum die Zahl der Menschen, die in einer (betreuungsintensiven) Fördergruppe sind. 185 Vollzeitkräfte kümmern sich um 270 Menschen mit Behinderung in acht Wohnhäusern zwischen Heilbronn und Crailsheim.Er begrüßt den höheren Personalschlüssel. „Die Lage hat sich deutlich verbessert.“ Mehr Leistungen, eine bessere Lebensqualität seien die Folge. „Wir haben mehr Personal, um Menschen in Krisen zu begleiten.“ Etwa bei herausforderndem oder aggressivem Verhalten. Dass die Menschen auch vor ihrem Tod in der Palliativphase nicht ins Hospiz oder Krankenhaus müssen, sondern im ambulanten Wohnen bleiben, sei ein weiterer Vorteil.
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