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Polizeidirektor im Interview
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„Ich will kein Opfer sein“ – warum sich junge Männer mit Messer bewaffnen

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Messergewalt ist vor allem ein Problem junger Migranten, sagt Polizeidirektor Jürgen Renz von der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg. Er beobachtet, dass auch junge Frauen statt einem Pfefferspray ein Messer dabeihaben. Sind Messerverbote angebracht?


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Jürgen Renz bildet an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen junge Polizisten aus. Der 63-jährige Polizeidirektor fordert konsequente Messerverbote im öffentlichen Raum. Er ist überzeugt: Werden diese Verbote konsequent kontrolliert, ist das der „Gamechanger“ und das Problem wäre in ein, zwei Jahren nahezu gelöst. 

Was hat sich bei Messergewalt in den vergangenen Jahren verändert?

Jürgen Renz: Das Messer ist ein Problem. Schon im Mittelalter bewaffneten sich junge Männer mit einem Messer und griffen sich gegenseitig an. Im Unterschied zu früher scheint es heute aber normal zu sein, dass junge Männer ein Messer dabeihaben. Nicht mit der Absicht, einen Mord zu begehen, sondern mit dem Gedanken: Ich will kein Opfer sein. Anscheinend gibt es auch immer mehr Frauen mit Messer. Noch vor einiger Zeit hatten sie eher ein Pfefferspray dabei. Die Forschungsergebnisse hierzu sind aber noch nicht ausreichend.

Messer scheinen aus Sicht der Polizei allgegenwärtig.
Messer scheinen aus Sicht der Polizei allgegenwärtig.  Foto: dpa

Was löst das allgegenwärtige Messer bei Polizisten aus?

Renz: Etwa 80 Prozent meiner Studierenden sagen, dass sie auf der Straße schon mit Personen mit Messer zu tun hatten. Das ist eine extrem hohe Zahl. Sobald jemand ein Messer dabeihat, ist ein Angriff auf einen Polizisten denkbar. Das führt zu einer Verunsicherung. Junge Polizisten fragen sich: Hält meine Schutzweste einem Stich Stand, hält sie ein Messer auf, reicht mein Training aus, wie kann ich mit einem Messerangreifer taktisch kommunizieren?

Messerangriffe gegenüber Polizisten: Alkohol und Drogen sind ein Gewaltauslöser

Was sind typische Situationen, in denen Polizisten sich mit einem Messer konfrontiert sehen?

Renz: Typisch sind Einsätze mit Menschen in einem psychischen Ausnahmezustand, und wir haben immer mehr auffällige Menschen. Die Psychiatrischen Krankenhäuser sind voll. Alkohol und Drogen sind ein Gewaltauslöser; bei häuslicher Gewalt ist das Aggressionspotenzial hoch und der Griff zum Küchenmesser nicht weit. Mit einem Messerangriff müssen Polizisten außerdem bei Widerstandshandlungen und in bestimmten Milieus rechnen, Einsätze an Brennpunkten, auch in der Obdachlosenszene sind kritisch. Nur bei einem Verkehrsunfall ist es seltener wahrscheinlich, dass Streifenpolizisten mit einem Messer angegriffen werden. Meist handelt es sich bei solchen Fällen um eskalierende Situationen mit hoher Dynamik.

Jürgen Renz (63) ist Polizeidirektor. Der Dozent an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen lehrt das Fach Einsatzwissenschaften. Nach seiner Ausbildung war Renz zunächst im Streifendienst beim Polizeirevier in Stuttgart. Nach dem Studium an der Hochschule für Polizei stieg er in den gehobenen Dienst als Diplom-Verwaltungswirt und Polizeikommissar auf. Unter anderem war er Dienstgruppenleiter beim Polizeirevier Ulm-Mitte, er leitete die Rauschgiftermittlungsgruppe in Ulm und das Polizeirevier in Friedrichshafen. Im Dezember veranstaltete die Hochschule das Symposium Messerangriffe. Mehrere Hundert Polizisten nahmen teil. Das Symposium sei sehr schnell ausgebucht gewesen.

Laut Kriminalstatistik sind die meisten Tatverdächtigen im Polizeipräsidium Heilbronn Ausländer. Ist das allgemein so?

Renz: Ja, die meisten Tatverdächtigen sind männlich und zwischen 18 und 30 Jahre alt. Der Anteil von jungen Männern mit Migrationshintergrund ist vergleichsweise hoch. Es gibt unterschiedliche Studien zu den sozialen Faktoren, warum Messer mitgeführt und eingesetzt werden. Die lasse ich aber als Begründung so ausschließlich nicht stehen. Wir sollten bei diesem akuten Problem nicht in die Sozialwissenschaften abdriften.

Sondern?

Renz: Wir müssen jedem Menschen deutlich sagen: Hier gibt es keinen Grund, Messer im öffentlichen Raum dabeizuhaben. Jeder Sachbearbeiter in einem Amt sollte bei einem Kontakt beispielsweise mit einem männlichen Flüchtling einen Flyer in verschiedenen Sprachen mitgeben, auf dem klar steht, dass ein Messer im öffentlichen Raum nichts zu suchen hat und was die Folgen sind, wenn eines eingesetzt wird. Unsere Regeln kommen bei bestimmten Personengruppen bislang leider nicht an.

Polizeidirektor: Verbote sind ein sehr gutes Instrument, Messergewalt einzudämmen

Heilbronn hat eine Messer- und Waffenverbotszone, in Baden-Württemberg dürfen Fahrgäste im ÖPNV kein Messer dabeihaben. Die richtigen Schritte?

Renz: Ich habe eine klare Meinung dazu: Verbote sind ein sehr gutes Instrument, Messergewalt einzudämmen. Aber nur, wenn sie konsequent kontrolliert und durchgesetzt werden. Verbote können verbunden mit umfangreichen Kontrollen ein Gamechanger sein, um die Tatwaffe Messer aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Dass Verbote wirken, zeigt zum Beispiel die Einführung des kleinen Waffenscheins für Schreckschusswaffen oder die Verschärfung der Kampfhundeverordnung.

Wie gehen Sie in der Ausbildung von Polizisten mit dem Phänomen um?

Renz: Wenn wir sehen, wie viele Klappmesser zum Beispiel allein auf den Plattformen Ebay und Amazon verkauft werden, müssen wir von einem großen Dunkelfeld von Messerbesitzern ausgehen, das viel größer ist als die in der Kriminalstatistik erfassten Fälle. Bei der Polizei sind alle sehr sensibilisiert. Wir müssen aber viel stärker taktisch schulen. Kommunikationstrainings sind wichtig. Wir sagen: Ein Messerangriff in der Nahdistanz ist so gefährlich, da wirst du höchstwahrscheinlich verletzt. Polizisten können in solchen Situationen nicht abhauen, sie müssen sich ihnen stellen. Wir brauchen besseren, stichwaffensicheren Körperschutz, Distanzwaffen wie ein eventuell stärker wirkendes Pfefferspray, Taser (Elektroschockpistolen Anm. d. Red.), mehr Trainings für den Einsatz der Schusswaffe, Bodycams, die viel öfter eingeschaltet werden.

Was geben Sie Polizisten für ihren Berufsalltag mit?

Renz: Halte dich fit. Trainiere gut. Nutze alle Fortbildungsmöglichkeiten. Sei wachsam. Sei fit im Recht und kontrolliere proaktiv und konsequent auf Messer im öffentlichen Raum, wann immer es rechtlich möglich ist. Die Tatwaffe Messer muss aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. Ich sehe aber auch die Politik in der Verantwortung. Polizisten erwarten Unterstützung. Wir leben in kritischen Zeiten. Wir sollten mehr Waffenverbotszonen aussprechen und Videoüberwachungen temporär zulassen. Das könnte man als Versuch, beispielweise über drei Jahre anlegen und dann evaluieren. Ich bin überzeugt: In ein, zwei Jahren hätten wir so das Problem deutlich eingedämmt.




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