Alt und gleichzeig gesund – ist das möglich?
Bei der 60. Abendvorlesung der Reihe „Medizin hautnah“ spricht Professor Bernd Kleine-Gunk über Krank- und Gesundsein im Alter. Zähneputzen, Fasten, Wildlachs: Schon heute haben Menschen viele Möglichkeiten.

Jahrtausende lang lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen bei rund 30 Jahren – bis zur industriellen Revolution. Inzwischen sagt die Weltgesundheitsorganisation: Ein Mädchen, das im Jahr 2000 geboren wurde, wird 100 Jahre alt. Allerdings ist eine so hochbetagte Frau – nach dem heutigen Stand der Medizin – wohl krank, gibt Professor Bernd Kleine-Gunk zu Bedenken.
In seiner Präsentation bei der 60. Abendvorlesung der Reihe „Medizin hautnah“ zeigt er: Im Alter über 90 liegt die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu leiden, aktuell bei 50 Prozent. Ähnlich sehe es mit Krebserkrankungen aus, erklärt der Gynäkologe und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging-Medizin. Der Titel seiner Vorlesung nutzt die Bezeichnung seines Fachgebiets, die sich anstelle von „Anti-Aging“ derzeit durchsetzt: „Longevity – wird Altern eine behandelbare Krankheit?“
Rauchen, Blutwerte und Alter sind Risikofaktoren
„Für viele Krankheiten haben wir Risikofaktoren erkannt“, erklärt Kleine-Gunk. Zum Beispiel bei kardiovaskulären Erkrankungen – also die des Herz-Kreislauf-Systems: Hoher Cholesterinwert und Blutdruck sind Risikofaktoren und öfters betroffen sind Raucher. „Ich habe gute Werte und bin Nichtraucher, eigentlich müsste ich gut dastehen.“ Ein Diagramm in seiner Präsentation zeigt aber: Allein weil er 66 Jahre alt ist, ist die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung schon sehr erhöht. Altern an sich sei also ein Risikofaktor, auch für andere Krankheiten. Nur wegen des höheren Alterns kenne man zum Beispiel Demenz, die vor 50 Jahren weitgehend unbekannt gewesen sei, „weil nur wenige Menschen so alt wurden, um dement werden zu können“.
„Altern ist die Mutter aller Krankheiten“, sagt Kleine-Gunk. Damit meint er aber in erster Linie die Fehler, die sich im Körper einschleichen. „Altern ist aber verstanden“, betont der Forscher. Es gebe einige Faktoren, und diese „lassen sich sich beeinflussen“. Manche sogar durch einfache Methoden.
Zähneputzen hilft, im Alter gesund zu sein
Ein Faktor sei „silent inflamation“ (so viel wie „schleichende Entzündung“). Entzündungen seien Immunreaktionen, die versuchen, den Körper zu heilen. Wenn sich das Immunsystem aber abarbeite und die Entzündungen im Körper schwelen, zerstören sie Zellen. Zum Beispiel bei einer chronischen Paradontitis. „Wer die hat, dem fallen nicht nur die Zähne aus. Der bekommt auch einen Herzinfarkt“, spitzt Kleine-Gunk zu. Man könne jedoch einfach vorbeugen, mit Zähneputzen und professionellen Zahnreinigungen.
Und über die Ernährung könne Entzündungen vorgebeugt werden: So seien (ungesättigte) Omega-3-Fettsäuren entzündungshemmend. Die kommen zum Beispiel in Kaltwasserfischen wie dem Wildlachs und der Makrele oder – für Vegetarier geeignet – in entsprechenden Algen vor. (Gesättigte) Omega-6-Fettsäuren wirken entzündungsfördernd.
Metformin: Das möglicherweise „erste Longevity-Medikament“
Ein weiteres Risiko ist Zucker: Der verklebe nicht nur die Hände, sondern auch auf molekularer Ebene Eiweiße – dadurch werde zum Beispiel die Wundheilung gestört, wie es sich bei Diabetikern zeige. In der Therapie dieser Krankheit sei man auf das möglicherweise „erste Longevity-Medikament gestoßen“, sagt Kleine-Gunk: Das schon seit Jahrzehnten zur Diabetes-Behandlung eingesetzte Metformin. Diabetiker, die es genommen haben, leben länger als Menschen ohne Diabetes, erklärt der Nürnberger Mediziner. Daran werde gerade geforscht.
Ein weiterer Faktor ist Abfall: Mit dem Stoffwechsel sammele sich um Zellen „Müll“ an. Den könne der Körper eigentlich abbauen, allerdings lasse diese Fähigkeit im Alter nach – die sogenannten Altersflecken seien ein Zeichen dafür. Aber es entstehen auch Fehler, die zu Alzheimer führen können. Fasten sei ein mögliches Gegenmittel: Wenn der Körper keine neue Energie durch Nahrung bekommt, fangen die Zellen an, den „Müll“ abzubauen und daraus die Energie zu gewinnen – bei der sogenannten Autophagie.
Sport machen fördert den Aufbau neuer Zellen
Auch Fehlfunktionen bei der Energieversorgung der Zelle machen krank. Es gebe wirksame Nahrungsergänzungsmittel, sagt Kleine-Gunk, „aber sinnvoller ist Sport!“ Denn wenn der Körper mehr Energie braucht, werde auch die Energieversorgung der Zellen erneuert.
Soziale Kontakte Auf der Erde gibt es „Blue Zones“, in denen Menschen besonders lange leben. Zum Beispiel auf Sardinien. Offenbar liegt das am Lebensstil: Hier gibt es viele Bauern und Hirten, die viel unterwegs sind, sich gesund ernähren (vor allem vegetarisch), gute soziale Kontakte haben und die oft Fasten, einfach weil sie nicht genug zu essen haben. Außerdem spiele Zufriedenheit eine große Rolle.
Viele Künstler, auch schon vor Jahrhunderten, wurden sehr alt, betont Kleine-Gunk. Ihre Arbeit mache sie zufrieden. Als Rat an die Zuhörer sagt Kleine-Gunk: „Wenn Sie etwas haben, das Ihnen Spaß macht, machen Sie auf jeden Fall damit weiter.“ Die persönliche Grundhaltung – „das Mindset“ – sei wichtig, um nicht alt zu werden.
Ethische Probleme sieht Kleine-Gunk kaum – zumindest heutzutage. Nichtrauchen, Fasten, Sport machen, soziale Kontakte: „Für heute kann man die Gefahr einer Zwei-Klassen-Medizin ausschließen“, sagt er im Gespräch mit Moderator Thomas Zimmermann. Zukünftig könne es aber teuer werden.
Therapien der Zukunft: Von Zell-Programmierung bis Einfrieren
Therapien „am Horizont“ seien: Tissue Engineering, bei dem organisches Gewebe künstlich hergestellt wird, oder Programmieren der Epigenetik, um adulte Zellen wieder in Stammzellen zurückzuwandeln. Oder das künstliche Warten auf bessere medizinische Fähigkeiten – durch Einfrieren des Körpers mittels Kryonik.
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