Lemberger läuft Trollinger den Rang ab
Dietrich Rembold, neuer Präsident des Weinbauverbands Württemberg, steht vor großen Herausforderungen. Wie es um die Weinbranche steht, sagte er bei seiner Antritts-Pressekonferenz in Weinsberg.

Die Weinbranche steht mit Absatzproblemen, Klimawandel, Arbeitskräftemangel und Flächenstilllegungen vor dem größten Wandel ihrer jahrhundertelangen Tradition: „So eine Situation habe ich noch nie erfahren. Sie ist vielleicht vergleichbar mit der Einschleppung der Reblaus im 19. Jahrhundert, wobei die Vorzeichen damals andere waren“, zieht Dietrich Rembold gestern vor Medienvertretern Parallelen. Den vor wenigen Tagen einstimmig gewählten neuen Präsidenten des Weinbauverbands Württemberg, der damit die Nachfolge des vor einem Jahr verstorbenen Hermann Hohl antritt, treiben vor allem die rückläufigen Absatzzahlen von Wein und die Sorge um den Erhalt der einmaligen Kulturlandschaft um. Um aus dem Tal herauszukommen, ist für Rembold unstrittig: „Wir müssen noch stärker die Regionalität und hohe Qualität unserer Weine herausstreichen, denn wir werden nie die Preisführerschaft im Billigpreissegment innehaben.“
Anzahl der Weinbaubetriebe nimmt stark ab
Dass es um die aktuelle Wengerter-Generation nicht zum Besten steht, verdeutlichte in der Geschäftsstelle des Weinbauverbands in Weinsberg Magdalena Dreisiebner mit neuesten Strukturdaten. „In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Anzahl der Weinbaubetriebe in Württemberg dramatisch verringert“, stimmte die Leiterin für die Qualitätsprüfung und Weinmarktverwaltung an der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg, auf die unerfreulichen Zahlen ein: „Von einst 18.000 Betrieben existieren derzeit noch 6556.“ Der Rückgang sei vor allem auf die Wengerter mit einer Fläche von unter 0,3 Hektar - entspricht einem halben Fußballfeld - zurückzuführen. Drei von vier Weinbaubetrieben in Württemberg bewirtschafteten eine Fläche kleiner als einen Hektar.
Folgerichtig schrumpft die Rebfläche: Nach ehemals 11.400 Hektar liegt sie nach den Worten von Dreisiebner nun bei 10.848 Hektar. Allein im vergangenen Jahr seien 265 Hektar Weinberge gerodet worden. Aktuell würden in Württemberg rund 426 Hektar nicht bewirtschaftet, weitere 50 Hektar seien dauerhaft verlorenes Ertragspotenzial. Düster ist die Prognose von Verbands-Geschäftsführer Hermann Morast: „Bis 2030 wird sich die Rebfläche in Württemberg wohl um weitere 2000 Hektar reduzieren.“
Der Lemberger ist die wichtigste Rebsorte in Württemberg
Aber es gibt auch kleine Lichtblicke: „2024 wurden 115 Hektar neu bepflanzt“, sagte Magdalena Dreisiebner. 84 Hektar mit weißen und 31 Hektar mit roten Rebsorten. Riesling, Souvignier Gris und Sauvitage seien dabei die am häufigsten gepflanzten Sorten. Gewachsen sei auch der Anteil der mit pilzwiderstandsfähigen Rebsorten bestockten Weinberge auf rund drei Prozent der Gesamtrebfläche. Erstmals hat 2024 der Lemberger den Trollinger flächenmäßig in Württemberg überholt. Wenn auch nur knapp: 1682 Hektar Trollinger stehen 1695 Hektar Lemberger gegenüber. Für Dreisiebner steht fest: „Der Lemberger ist die wichtigste Rebsorte in Württemberg.“
An der Qualitätsweinprüfung haben im vergangenen Jahr 446 Weingüter, 29 Genossenschaften und 27 Kellereien teilgenommen. Stolz ist man beim Weinbauverband, dass Meldungen zwischenzeitlich auch online erfolgen können. Dennoch hat Weinbaupräsident Dietrich Rembold erkannt: „Bei der Digitalisierung gibt es in vielen Themen noch Luft nach oben.“
Sofortprogramm Weinbau des Landes geht in die richtige Richtung
Im Hinblick auf die strukturellen Veränderungen blickte Vizepräsident Peter Albrecht gespannt auf die Koalitionsverhandlungen in Berlin. Am Rande der Pressekonferenz sagte er: „Wir erwarten zeitnah die Einführung einer Rotationsbrache, damit Wengerter mehrjährige Biodiversitätsmaßnahmen auf aufgelassenen Weinbergen vornehmen zu können.“ Als „Ansatz in die richtige Richtung“ bewertete Weinbaupräsident Rembold das „Sofortprogramm Weinbau“ des Landes, das zukunftsorientierte Lösungen zur Bewältigung der aktuellen Herausforderungen vorsieht.
Dass sich der Weinbauverband fast ein Jahr Zeit gelassen hat, um einen neuen Präsidenten zu wählen, erklärte Vizepräsident Bernhard Idler, Vorstand Weinbau und Önologie bei der WZG in Möglingen: „Wir wollten im 200-jährigen Jubiläumsjahr keine Ad-hoc-Lösung und keine Kopie von Hermann Hohl.“ Das Suchverfahren sei im Konsens und geräuschlos gelaufen. Erfreulich sei auch, dass alle Ehrenämter im Verband besetzt seien.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare