Lea (25) über ihren Alltag bei der Kripo Heilbronn: "Es fliegen keine Autos in die Luft"
Lea träumte schon als Kind davon, Polizistin zu werden. Heute ist sie Kriminaloberkommissarin. Im Interview spricht die 25-Jährige über nervenaufreibende Einsätze, Vorurteile und Teamarbeit.
Mord, Totschlag, verdeckte Ermittlungen und Leichen wie im Fernsehen? Lea, Kriminaloberkommissarin beim Kriminaldauerdienst in Heilbronn, gibt spannende Einblicke in ihren Alltag bei der Polizei. Vom Kindheitstraum zur Realität erzählt sie Stimmt-Schreiberin Lea Weißschuh, wie nervenaufreibend Ermittlungen wirklich sind, welche Momente die 25-Jährige emotional fordern – und warum der Polizeiberuf mehr ist als Action und Blaulicht. (Anmerkung der Redaktion. Aus ermittlungstaktischen Gründen sowie Gründen des persönlichen Schutzes wird der Nachname der Protagonistin nicht genannt. Der Redaktion liegt der Nachname vor.)
Was hat dich dazu bewogen, zur Polizei zu gehen und diesen Beruf zu wählen?
Lea: Für mich war der Beruf schon immer ein Kindheitstraum. Ich habe immer gerne Detektivserien wie TKKG und Die drei ??? geschaut und fand es spannend, ein bisschen Detektiv zu spielen.
Wie hast du deine Ausbildung zur Kriminaloberkommissarin erlebt?
Lea: Die Ausbildung war teils sehr anstrengend, aber auch unglaublich spannend und vielseitig. Wie in jedem Studium gab es Phasen mit mehr Freizeit sowie intensivere Lernphasen vor den Prüfungen. Der große Unterschied bei der Polizei ist, dass man neben dem theoretischen Studium auch praktische Anforderungen bewältigen muss – und die haben es in sich. Neben den klassischen Fächern wie beispielsweise Strafrecht, Strafprozessrecht oder Kriminaltechnik hatten wir auch körperliche Herausforderungen. Dazu gehörten Sportprüfungen wie Ausdauerläufe, Ballwurf-Übungen oder Krafttraining wie Bankdrücken und Rudern. Auch das Schießtraining, Abwehr- und Zugriffstechniken und Erste Hilfe sind fester Bestandteil.

Was waren die größten Herausforderungen während des Studiums?
Lea: Eine große Herausforderung war die Kombination aus körperlichen und akademischen Anforderungen. Es kam oft vor, dass man für eine Laufprüfung trainieren musste, obwohl man angeschlagen war – und gleichzeitig Prüfungsstoff lernen musste. Außerdem war der Umfang des Lernstoffs enorm. Fächer wie Strafrecht sind inhaltlich sehr anspruchsvoll, vor allem wenn man wenig Vorkenntnisse im Umgang mit Gesetzen hat. Sich das alles in kurzer Zeit anzueignen und zu verstehen, war definitiv eine große Herausforderung.
Und was waren deine Highlights?
Lea: Ein echtes Highlight war für mich der Moment, als ich meine Uniform bekommen und realisiert habe, dass meine Karriere bei der Polizei jetzt startet. Auch das erste Mal, als ich die Waffe in die Hand bekommen habe und dann Schießtraining hatte. Besonders das Einsatztraining, bei dem man in kleinen Gruppen arbeiten konnte, hat mir sehr gefallen.
Hast du während der Ausbildung Momente erlebt, in denen du gezweifelt hast?
Lea: Besonders der Vorfall in Kusel 2022, bei dem eine junge Anwärterin ums Leben kam, hat mich zum Nachdenken bewegt. Hinzu kam der Vorfall in Mannheim. Es ist ein gefährlicher Beruf und wir tragen nicht ohne Grund eine Waffe sowie eine Schutzweste. Manchmal ist der Gedanke zu schießen und dass einem selbst etwas passieren könnte, etwas weiter weg von einem. Durch die Vorfälle rückt alles sehr nah an einen heran. Allerdings habe ich nie ernsthaft daran gezweifelt, den Beruf weiter auszuüben.

Fühlst du dich durch deine Ausbildung ausreichend auf die Realität des Berufs vorbereitet?
Lea: Insgesamt denke ich, dass wir gut vorbereitet sind. Zu Beginn der Ausbildung hatten wir situative Handlungstrainings, bei denen wir in realistische Szenarien geworfen wurden – oft so krass, dass man dachte, das kann doch nicht wahr sein. Diese Übungen waren jedoch hilfreich, um ein Gefühl für solche Situationen zu bekommen. Natürlich hat man auch durch Praktika und Praxiserfahrungen einiges gelernt, aber man kann nie auf alles vorbereitet sein. In der Realität reagiert jeder anders, und man weiß oft nicht genau, wie man selbst in einem konkreten Moment handeln wird. Durch das Einsatztraining weiß ich, wie ich mich schützen kann, wie ich schießen und wie ich mich selbst verteidigen muss. Ein wichtiger Spruch, den wir immer hören, lautet: 'Rechtssicherheit ist Handlungssicherheit.' Wenn man weiß, was man tun darf, fühlt man sich sicherer.
Was erfüllt dich im Polizeiberuf am meisten?
Lea: Einerseits die Abwechslung und die Action, die der Beruf mit sich bringt. Andererseits gibt mir die Arbeit das Gefühl, einen echten Beitrag für die Gesellschaft leisten zu können. Das mag wie eine Standardantwort klingen, aber es ist mir wirklich wichtig. Die Menschen, die die Polizei rufen, sind meist in schwierigen Situationen. Da hat man die Möglichkeit, durch sein Handeln oder sein Mitwirken die Situation zu verbessern und zu helfen. Besonders bei Opfern von Einbrüchen habe ich oft erlebt, wie viel schon ein einfühlsames Gespräch ausmacht.
Warum hast du dich dann schließlich für die Kriminalpolizei entschieden?
Lea: Die Entscheidung ist mir wirklich schwergefallen, da jeder Bereich der Polizei spannend ist. Bei der Schutzpolizei fand ich die Unvorhersehbarkeit spannend – man weiß nie, was einen erwartet. Beim Bezirksdienst gab es zwar mehr Ermittlungsarbeit, oft aber bei kleineren, alltäglichen Delikten, die mich weniger begeistert haben. Die Kriminalpolizei hat mich besonders fasziniert: Verdeckte Maßnahmen, größere Verfahren und die Möglichkeit, umfassender zu ermitteln. Diese Vielseitigkeit und Tiefe der Arbeit in Kombination mit größeren polizeilichen Maßnahmen haben schlussendlich meine Entscheidung beeinflusst.
Was sind die Hauptaufgaben der Kriminalpolizei?
Lea: Die Kriminalpolizei (Kripo) bearbeitet hauptsächlich mittlere bis schwere Kriminalität. Dabei haben wir es meist mit größeren Verfahren und schwereren Tatvorwürfen zu tun. Häufig geht es um Beschuldigte, bei denen auch eine Inhaftierung möglich sein kann. Das unterscheidet uns deutlich von der Schutzpolizei, die sich oft um kleinere und mittelschwere Fälle kümmert und eine höhere Fallanzahl mit kürzeren Ermittlungsakten bearbeitet. Bei der Kripo dagegen sind die Berichte häufig umfangreicher, da die Fälle komplexer sind und detaillierte Ermittlungsarbeit verlangen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
Lea: Meine Aufgaben variieren je nach Einsatz. Meistens ist es so, dass etwas passiert und die Kollegen der Streifenpolizei alarmiert werden. Wenn es sich dann als Sexualdelikt, Raub, Tötungsdelikt oder ähnliches herausstellt, wird die Kriminalpolizei hinzugezogen. Je nach Einsatz führe ich eine Spurensicherung durch, befrage Personen, stelle Personalien fest oder gebe Informationen an andere Abteilungen weiter. Wir halten oft mit unserem Dienstgruppenleiter Rücksprache, vor allem bei schweren Fällen wie Tötungsdelikten. Zusätzlich gibt es Aufgaben wie Observationen, fotografische Dokumentation und Beratungen von Opfern. Ich helfe auch bei Durchsuchungen oder führe sie selbst durch, wenn es die Ermittlungen erfordern.
Wie häufig stößt du im Beruf an deine Belastungsgrenzen?
Lea: Im Beruf sollte man belastbar sein, aber es gibt schon Herausforderungen. Es kommt jedoch immer auf die Abteilung an. Früher war ich in der Abteilung Wohnungseinbruchdiebstahl (WED), da gab es oft sehr viel zu tun. Besonders wenn es um umfangreiche Verfahren geht, mit vielen Ermittlungen und Fristen, die eingehalten werden müssen, ist der Druck auf die Ermittler*innen hoch. Da muss man oft viele Überstunden leisten und hatte privat weniger Zeit. Diese Hochphasen gleichen sich aber auch wieder aus, in Zeiten, in denen weniger los ist.
In meiner jetzigen Abteilung, dem Kriminaldauerdienst, sind die Einsätze psychisch belastender. Wenn Kinder betroffen sind, sei es bei einem Todesfall oder einem Sexualdelikt, ist es herausfordernder, das emotional zu verarbeiten. Besonders der Umgang mit trauernden Familien kann Spuren hinterlassen.
Wie gehst du mit solchen Einsätzen um, die dich emotional fordern?
Lea: Es gibt eine jährliche Präventionsmaßnahme, aber die hilft in dem Moment nicht direkt. Für mich persönlich hilft Humor, auch wenn es makaber ist. Manchmal gibt es witzige, unerwartete Situationen, die das Ganze etwas auflockern können – natürlich ohne sich über die Opfer lustig zu machen. Wichtig ist auch, dass man mit den Kollegen spricht, wenn einem etwas zu viel wird. Dann wird versucht, die Aufgaben anders zu verteilen, zum Beispiel indem man zu einer Vernehmung statt zur Leiche eines Kindes geschickt wird. Außerdem hilft es, in der Freizeit den Kopf freizubekommen und mit dem privaten Umfeld darüber zu reden.
An welchen Einsatz erinnerst du dich gerne zurück?
Lea: Ein sehr prägender Einsatz war mein erstes großes Ermittlungsverfahren. Hierbei sind zwei Beschuldigte in mehrere Firmen eingebrochen und hatten Baumaschinen entwendet. Ich habe an diesem Fall sehr lange gearbeitet, und das war mein erster Erfolg, bei dem ich auch direkt in die Ermittlungen involviert war. Die beiden wurden schließlich inhaftiert und ich musste meinen ersten Ermittlungsbericht schreiben.
Welche Fähigkeiten und Eigenschaften sind aus deiner Sicht besonders wichtig für eine Karriere bei der Polizei?
Lea: Zum einen muss man körperlich und psychisch belastbar sein. Die Arbeit kann anstrengend sein und in manchen Situationen muss man schnell und sicher Entscheidungen treffen, auch wenn man nicht immer 100 Prozent sicher ist. Ein starkes Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein sind ebenso von Bedeutung, besonders wenn man in schwierigen oder konfliktreichen Situationen klar und bestimmt auftreten muss. Gleichzeitig sollte man empathisch und kommunikativ sein, da der größte Teil der Arbeit aus Gesprächen besteht – sei es mit Verdächtigen, Zeugen oder Geschädigten. Man muss in der Lage sein, gut zuzuhören und Gespräche zu führen, um Informationen zu sammeln oder Konflikte zu lösen. Auch Teamarbeit ist entscheidend, da viele Aufgaben gemeinsam erledigt werden müssen. Zudem sind Vertrauenswürdigkeit und Ehrlichkeit ebenfalls entscheidend.
Was würdest du sagen, ist der größte Unterschied zwischen dem, was Menschen über den Polizeiberuf denken, und der Realität?
Lea: In Filmen wird oft gezeigt, dass ein Ermittler einen Fall in 90 Minuten löst. In der Realität kann das Monate dauern, besonders bei Wohnungseinbrüchen oder ähnlichen Fällen, bei denen wir manchmal gar keinen Täter finden. Auch die Kriminaltechnik ist viel langsamer und detaillierter. Außerdem kniet sich ein Kommissar nicht einfach neben eine Leiche, das machen spezialisierte Kriminaltechniker. Außerdem unterschätzen viele den bürokratischen Aufwand: Ermittlungsberichte und Dokumentation können Monate dauern. Und was die Action betrifft – auch wenn es mal einen Einsatz mit Blaulicht gibt, fliegen keine Autos in die Luft und es gibt keine dramatischen Schießereien. Die Spezialkräfte übernehmen riskante Einsätze, während Ermittler im Hintergrund arbeiten.
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