Bildungsrevolution auf eigene Faust – Mit Künstlicher Intelligenz das Leben lernen
Die 23-jährige Gründerin Ani Tovmasyan baut mit der Extra Academy eine digitale Schule für Lebenskompetenzen auf, in der Empathie und der Umgang mit Finanzen statt Mathe-Formeln auf dem Lehrplan stehen.

Wenn Ani Tovmasyan über ihre Vision spricht, klingt sie nicht wie eine Träumerin, sondern wie jemand, der sich an einem Ziel abarbeitet, das größer ist als jede eigene Karriere. Bildung ist für sie das „fundamentalste Gut“, mit dem sich Denkweisen und ganze Gesellschaften verändern lassen – und sie ist entschlossen, dieses Gut Kindern zugänglich zu machen, die das traditionelle System bislang übersieht.
Heute ist die in Armenien geborene Erstakademikerin Wirtschaftspsychologin, Stanford-Alumna und Gründerin der Extra Academy, einer digitalen Schule für Lebenskompetenzen. Der Weg von der eigenen Schulzeit bis zur Gründung ihrer unkonventionellen Schule war lang und steckte voller Arbeit.
Mit Künstlicher Intelligenz das Lernen lernen – Start-up am Bildungscampus Heilbronn
Mit 16 merkt Ani Tovmasyan, dass etwas nicht stimmt: In der Schule paukt sie Sinus und Kosinus, weiß aber nicht, wie man ein Konto eröffnet, eine Wohnung finanziert oder mit Stress umgeht. Statt sich nur zu beschweren, fängt sie an, nachts Fachbücher zu lesen und das Wissen in Notizbüchern zu sammeln. Aus diesen Aufzeichnungen entsteht später der „Extra Planner“, eine Mischung aus Buch, Kalender und Lebensratgeber, den sie in Armenien auf Armenisch veröffentlicht.
In Armenien ist hochwertige Bildung für viele unerreichbar. Der Extra Planner verkauft sich zunächst 1000 Mal, später werden weitere 3000 Exemplare gedruckt. „Ich möchte Menschen den Zugang zu hochwertiger Bildung ermöglichen, die ihnen auch wirklich etwas nutzt“, sagt Tovmasyan, die als EU-zertifizierte Jugendleiterin über 4.000 junge Menschen in Sommercamps, durch Nachhilfeunterricht und verschiedene Projekte unterstützt hat.
Ein Buch reicht nicht: KI-Welle als Wendepunkt
Doch Tovmasyan merkt schnell, dass ein Buch nicht reicht: „Ein Buch ist schön, verstaubt aber irgendwann im Regal und gerät in Vergessenheit“, erzählt sie. Sie träumt von einer Schule, in der Kinder das lernen, was im Leben wirklich hilft – von Finanzen über Emotionen bis Selbstorganisation. Zunächst wirkt das utopisch, also studiert sie angewandte Wirtschaftspsychologie in Bayern, gibt Nachhilfe für benachteiligte Kinder, reist durch 27 Länder und sammelt Wissen, das sie für eine spätere Gründung brauchen könnte.
Der Wendepunkt kommt mit der KI-Welle und einem Auslandssemester in Kalifornien. In einem Entrepreneurship-Kurs hört ein Stanford-Professor zufällig ihren spontanen 15-Minuten-Pitch und lädt sie in seine Vorlesung ein. Jede Woche pendelt Ani Tovmasyan von Los Angeles in die Bay Area, lernt, wie man ein Produkt entwickelt, einen Finanzplan erstellt und ein Start-up aufbaut. Zurück in Deutschland fasst sie Ende 2024 den Entschluss: Jetzt oder nie. Sie kündigt alle Jobs, lehnt ein gut bezahltes Leitungsangebot ab und konzentriert sich ganz auf ihre Vision.
Die digitale Schule für Lebenskompetenzen nimmt Gestalt an
2025 wird aus der Idee Realität. Tovmasyan baut den ersten KI-Prototypen selbst, findet mit dem Entwickler Johannes Klopp einen Mitgründer und stellt ein kleines Team zusammen. Kurz verdient sie mit KI-Coachings für Erwachsene so gut wie nie zuvor, entscheidet sich dann aber bewusst dagegen: „Für Erwachsene gibt es schon alles. Aber Kinder, die es am meisten brauchen, haben fast keine Angebote – und kein eigenes Geld.“
Den Start finanziert sie über Eltern, die Jahresmitgliedschaften kaufen, bevor es die Plattform überhaupt gibt. Im Oktober geht Extra Academy online, kurz darauf zieht Tovmasyan für das Gründungsprogramm Campus Founders nach Heilbronn – mit einem Koffer, ohne Wohnung, aber mit der Aussicht, endlich Vollzeit-Gründerin zu sein.
Inhaltlich versteht sich die Extra Academy als Ergänzung zur Schule. Kinder und Jugendliche lernen dort Themen wie Selbstmanagement, Zeit- und Energiebewusstsein, finanzielle Intelligenz, Medienkompetenz und zwischenmenschliche Beziehungen. Statt Notendruck und Zwang setzt Tovmasyan auf intrinsische Motivation: Die Module können frei gewählt werden, es gibt Videos, Audios, Karteikarten und Quiz, aber keine Sanktionen, wenn ein Quiz nicht absolviert wird.
Studie zur Lernentwicklung – Mit Künstlicher Intelligenz zu besseren Ergebnissen
Parallel untersucht Tovmasyan in ihrer Bachelorarbeit, ob dieses Lernen wirklich wirkt: In einer Kooperation mit der Josef-Schwarz-Schule vergleicht sie Klassen mit und ohne Extra Academy und misst unter anderem metakognitive Fähigkeiten und Motivation. Eine Zehnjährige erzählt ihr etwa, dass sie vor der Mathearbeit spazieren gegangen sei, „damit mehr Sauerstoff ins Gehirn kommt“ – eine Strategie, die sie auf der Plattform gelernt hat.
Ein standardisierter Test zu Gedächtnisleistung und Lernmotivation wird zu Beginn und am Ende durchgeführt, Zwischenergebnisse präsentiert sie beim Elternabend im Gravity-Gebäude am Bildungscampus in Heilbronn, am Montag, 23. Februar, um 18 Uhr.
Große Ziele: 10 Millionen Kinder sollen mit Extra Academy lernen
Die Gründerin selbst lebt, was sie Kindern vermitteln will: Verantwortung für sich und das eigene Lernen. Sie trinkt keinen Alkohol, keinen Kaffee, kocht meist gesund, spielt Volleyball im Verein, geht regelmäßig ins Fitnessstudio und schützt ihren Schlaf so gut es neben 14-Stunden-Tagen eben geht. Freizeit bedeutet für sie heute vor allem Familie und Freunde.
Ani Tovmasyans Ziel ist groß: Zehn Millionen Kinder weltweit sollen bis 2030 mit Extra Academy lernen, mindestens ein Fünftel davon aus Ländern, in denen Bildung noch Luxus ist. 120 Kinder sind seit Oktober 2025 bereits auf der Plattform angemeldet. Tovmasyan weiß, dass ihre Bildungsrevolution nicht über Nacht passiert. Aber sie hat früh gelernt, dass echte Veränderung nicht in Lehrplänen beginnt – sondern bei Menschen, die nicht mehr akzeptieren wollen, dass Kinder aufs Leben so schlecht vorbereitet sind.
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