Inklusion: Vielfalt gehört in die Regelschulen
Die Stärke einer Gesellschaft zeigt sich in ihrem Umgang mit den Schwächsten.

Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) haben genauso ihre Berechtigung wie Inklusion an Regelschulen. Kinder mit Förderbedarf brauchen beides. Weil nicht für alle Schüler der Unterricht mit den Freunden aus der Nachbarschaft der richtige Weg ist, benötigen sie die besondere Unterstützung an den SBBZ.
Doch egal ob Inklusion oder SBBZ: Schon viel zu lange beklagen Lehrer, dass für beides das Personal fehlt. Das Land will Abhilfe schaffen. Ob alle Maßnahmen aber tatsächlich den gewünschten Erfolg bringen, werden die nächsten Jahre zeigen.
Darin liegt wie auch in anderen Bereichen das Problem: Um mehr Personal in die Schulen zu bringen, braucht es einen langen Atem. Wer jetzt mit dem Studium beginnt, hat das Klassenzimmer längst nicht erreicht. Das System Schule hat diese Zeit. Die Kinder, die aktuell den Unterricht besuchen, haben sie nicht. Sie bekommen nur die Förderung, die es derzeit geben kann.
Aufgrund der Lücken in den Lehrerzimmern bleiben leider zu oft die schwachen Schüler auf der Strecke. Inklusion ist eine Bereicherung an allen Regelschulen. Sie darf nicht daran scheitern, dass die umfassende Unterstützung ausbleibt. Die Gesellschaft lebt von der Vielfalt der Menschen, und die gehört in die Bildungsstätten.
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Kommentare
Helga Grünwald am 13.06.2025 21:07 Uhr
Sehr geehrte Redaktion,
„Die Stärke einer Gesellschaft zeigt sich im Umgang mit den Schwächsten“ – dieser Satz trifft den Kern. Doch die Realität in unseren Schulen sieht leider anders aus. Die Inklusion wird vielfach zur hohlen Phrase, weil es an allem fehlt, was sie notwendig macht: Zeit, Personal, Ressourcen und politische Ehrlichkeit.
Vielfalt in den Schulen ist ein gesellschaftlicher Wert. Aber nur dann, wenn sie nicht zu Lasten der Schwächsten und der Lehrkräfte geht. Es ist unverantwortlich, Inklusion zu propagieren, ohne für die nötigen Bedingungen zu sorgen.
Problem 1: "Fehlende personelle und finanzielle Ausstattung"
Seit Jahren wird beklagt, dass Lehrkräfte, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter sowie sonderpädagogisches Fachpersonal fehlen. Trotzdem bleibt es bei politischen Ankündigungen und halbherzigen Maßnahmen. Ein inklusiver Unterricht funktioniert nicht ohne doppelte Fachbesetzung, ohne multiprofessionelle Teams sowie ohne räumliche und materielle Anpassungen. Unter diesen Bedingungen ist Inklusion zum Scheitern verurteilt.
Wirkungsvolle Lösungen müssen her:
Z.B. ein Sofortprogramm für mindestens 10.000 zusätzliche Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen. Dazu muss es eine beschleunigte, aber fundierte Qualifizierung geben. Die Lehrkräfte benötigen dringend Entlastung, insbesondere durch kleinere Klassen mit höchstens 20 Kindern bei inklusivem Unterricht. Zusätzlich sollen erfahrene Fachkräfte aus verwandten sozialen Berufen eingebunden werden, die durch eine pädagogische Zusatzqualifikation unterstützt werden.
Problem 2: "Eine ideologisierte Debatte"
Statt einer sachlichen Diskussion, erleben wir eine unproduktive Polarisierung. Es wird so getan, als gäbe es nur die Wahl zwischen Regelschule oder SBBZ. Dabei ist die Wahrheit viel differenzierter. Nicht jedes Kind mit Förderbedarf profitiert automatisch vom gemeinsamen Unterricht in der Regelschule. Umgekehrt ist nicht jedes Kind in der Sonderschule optimal gefördert. Entscheidend ist, was im Einzelfall für das Kind am besten passt.
Meine Lösungsidee dafür:
Inklusion muss freiwillig sein und im individuellen Fall sinnvoll entschieden werden. Eltern brauchen echte Wahlfreiheit, ohne Druck oder Schuldgefühle. Die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren müssen erhalten, gestärkt und besser ausgestattet werden. Sie dürfen nicht als Auslaufmodell behandelt werden, sondern müssen eine gleichwertige schulische Perspektive bieten. Flexible Wechsel zwischen Schulformen sollen möglich sein, ohne bürokratische Hürden oder Stigmatisierung.
Problem 3: "Bildungspolitik fern der Praxis"
Seit Jahren wird Bildung zentralistisch, praxisfern und unterfinanziert gesteuert. Lehrkräfte werden mit immer neuen Konzepten überrollt, ohne die nötige Zeit, Ausstattung oder Unterstützung zu bekommen. Inklusion darf nicht zur Sparmaßnahme verkommen. Doch genau das geschieht, wenn SBBZ geschlossen und Kinder ohne ausreichende Ressourcen in Regelschulen geschickt werden.
Besser wäre, mehr Mitbestimmung für Schulen, Lehrkräfte und Eltern bei Entscheidungen zur Inklusion. Investitionen in Bildung müssen endlich Priorität erhalten. Die öffentlichen Ausgaben für Bildung sollen auf mindestens sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, wie es in erfolgreichen Ländern längst Standard ist. Statt immer neuer halbherziger Reformen benötige wir eine Bildungsreform, die aus der Praxis kommt und sich an der Realität in den Klassenzimmern orientiert.
Vielfalt ist ein Wert, der unsere Gesellschaft stärkt. Aber sie darf nicht zur Überforderung führen, weder für die Kinder mit Förderbedarf noch für die Lehrkräfte oder die Mitschülerinnen und Mitschüler. Die notwendige Unterstützung ist keine Zusatzleistung, sondern die Grundvoraussetzung dafür, dass Inklusion wirklich gelingt.
Wer echte Teilhabe will, muss sie auch ermöglichen und ausreichend finanzieren. Alles andere ist unehrlich und ungerecht. Wir brauchen eine Bildungspolitik mit Mut zur Wahrheit, mit Herz für die Kinder und mit Respekt vor der täglichen Arbeit der Lehrkräfte.
Mit freundlichen Grüßen
Helga Grünwald,
Mitglied im Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)