Ärger am Industrieplatz in Heilbronn: Problematische Gruppe lagert auf Grünfläche
Seit Jahren treffen sich Menschen mit Suchtproblemen auf einer kleinen Grünfläche am Industrieplatz in Heilbronn. Anwohner klagen über Lärm, Beleidigungen und Bedrohungen.
Der Industrieplatz im Heilbronner Norden hat sich über die Jahre als ein veritabler Treffpunkt von betrunkenen und aggressiven Menschen etabliert. Das ist zumindest die Meinung von Anwohnern.
Sie fordern, die unliebsame Klientel an einen anderen Ort zu verlegen, ihnen einen Platz anzubieten, wo sie weniger störten.
Ein Platz, der nicht direkt vor der eigenen Haustür liegt. Die von Bürgern geschilderten Zustände sind dem Ordnungsamt der Stadt Heilbronn und der Polizei neu. Ihnen sind gravierende Ordnungsstörungen oder gar Straftaten nicht bekannt.
Ärger am Industrieplatz in Heilbronn – Szene hat sich häuslich eingerichtet
Recherchen vor Ort zeigen: Etwa 15 Personen, die meisten sind männlich, halten sich auf der Grünfläche des Industrieplatzes im Schatten der Bäume auf. Im Gespräch mit der Stimme räumen einige von ihnen ein: „Manche, ein paar betrunkene Idioten, haben sich nicht im Griff.“ Dann komme es zu Streitigkeiten untereinander. Geschrei.
Die Leute sind jeden Tag da. Einige sprechen schlecht bis gar kein Deutsch. Auf einem niedrigen Tisch neben einem Kiosk stehen leere Wodkaflaschen. Sie haben sich häuslich eingerichtet. Woher sie die alten, ausrangierten Sitzmöbel wie Stühle und ein Sofa haben, ist nicht klar.
Viele von ihnen gehen jeden Tag zu einer medizinischen Praxis in der Nachbarschaft, weil sie ein Drogenersatzprogramm durchlaufen. Andere gesellen sich dazu. Im nahen Rewe-Markt decken sie sich mit Alkohol und Zigaretten ein.
Anwohner des Industrieplatzes in Heilbronn ärgern sich über Szene vor der Haustür
Rafaqat Razaq (56) sagt, er sei am Industrieplatz aufgewachsen. Später habe er das Haus, in dem er lebt, gekauft. Für die Grünfläche davor habe er damals beim Kauf mitbezahlt. „Von morgens bis abends werden hier Drogen konsumiert“, sagt der selbstständige Taxifahrer.

Anwohner würden beleidigt und bedroht. Betrunkene urinierten ungeniert gegen Bäume und Hauswände. Sohn Adnan Razaq (19) erinnert sich, dass er als kleines Kind auf der Wiese vorm Haus gespielt habe. „Das ist heute nicht mehr denkbar.“ Seine Neffen und Nichten könnten sich draußen nicht ungehindert aufhalten.
„Dem Kommunalen Ordnungsdienst waren aktuell keine Klagen aus der Bevölkerung zum Industrieplatz bekannt“, teilt Rathaussprecherin Claudia Küpper in einer E-Mail mit. Das Ordnungsamt werde nun seine Präsenz am Industrieplatz verstärken und das Gespräch mit den anwesenden Personen vor Ort suchen. Der Ordnungsdienst solle auf gegenseitige Rücksichtnahme sowie die Vermeidung von Müll hinweisen.
Dass sich werktags bis etwa 14 Uhr eine „vorwiegend Substitutionsklientel aus dem regionalen Umfeld“ am Industrieplatz aufhält, ist dem Polizeipräsidium Heilbronn bekannt. Zu Ordnungsstörungen sei es im vergangenen halben Jahr kaum gekommen. Die Polizei kontrolliere dort im Rahmen des täglichen Diensts immer wieder.
Nach Auswertung des Lagebilds sei der Polizei im Jahr 2025 lediglich eine Fundunterschlagung am Industrieplatz bekannt. Fundunterschlagung bedeutet: Jemand lässt beispielsweise sein Portemonnaie irgendwo liegen, und als er zurückkommt, um es zu holen, ist es weg, erklärt Polizeisprecherin Petra Rutz den Tatbestand. Davon abgesehen sei im Juli über Notruf eine Ruhestörung, ausgehend von einer Musikbox, gemeldet worden.
Diakonie hat am Industrieplatz in Heilbronn eine Anlaufstelle für Stadtteil-Bewohner
Die Mitternachtsmission der Diakonie ist zwei Mal in der Woche vor Ort – immer dienstagsvormittags und donnerstagsnachmittags. Die Mitarbeiter bieten in dem einstigen Kiosk auf dem Industrieplatz einen offenen Treff an – für alle Stadtteilbewohner.
Wer einsam ist, Hilfe bei Behördengängen oder dem Ausfüllen von Formularen benötigt oder wer arbeitslos ist, findet genauso Ansprechpartner wie psychisch kranke Menschen oder Menschen, die zu wenig zum Leben haben. Die Menschen aus dem Stadtteil seien dankbar für die Unterstützung, sagt Sozialarbeiterin Kathrin Geih. Die Besucherzahl sei im Laufe der Jahre auf etwa 50 an einem Vor- oder Nachmittag angewachsen.
Die Mitternachtsmission ist erklärtermaßen nicht für den Szene-Treff beim Kiosk zuständig. Sie weiß aber um die Problematik. „Sie haben sich vielleicht ein bisschen eingenistet“, meint Geih. Dass eine Sitzecke entstanden sei, habe sie mitbekommen.
Es liege nicht in der Verantwortung der Diakonie zu sagen, die muss weg. Sie habe auch mal beobachtet, dass Menschen auf der kleinen Grünfläche übernachteten. Geih hat Verständnis für die Anwohner. „Ich verstehe, wenn sie sagen, hier kann man Kinder nicht allein spielen lassen.“

Ärger am Heilbronner Industrieplatz: Anwohner sammeln Unterschriften
Die Anwohner fühlen sich alleingelassen. Sie möchten in Ruhe leben. Tolga Zülfikaroglu (33) sammelt Unterschriften von Bewohnern der Salz- und Austraße. „Es ist ein Horror“, beschreibt er die Situation aus seiner Sicht. Seit Jahren gehe es so.
Es werde immer schlimmer. Gewalt, Beleidigungen – „die Anwohner möchten das nicht mehr“. An die 30 Unterschriften hat Zülfikaroglu nach eigenen Angaben zusammen. Die Liste soll dem Ordnungsamt der Stadt übergeben werden.
Sollte die Stadt nichts unternehmen, um die Lage zu verbessern, denken die Anwohner daran, einen Rechtsanwalt einzuschalten. Der soll ihnen Gehör verschaffen.
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