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Studios über Trend

Heilbronn erlebt Boom bei Anime-Tattoos – zwischen Kunst und Kommerz

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Früher als „Kinderserien“ belächelt, heute ein lukrativer Trend: In Heilbronn boomt das Geschäft mit Anime-Tattoos. Doch wer sticht aus Leidenschaft und wer für den Profit?


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In der Heilbronner Tattoo-Szene hat sich ein Wandel vollzogen. Wo früher klassische „Tribals“ oder Anker gefragt waren, zieren heute immer öfter Helden aus japanischen Animationsserien wie „Naruto“ oder „One Piece“ die Arme der Kunden. Doch mit der steigenden Nachfrage wächst auch die Skepsis innerhalb der Branche.

Vom Mobbing-Thema zum kulturellen Mittelpunkt: Anime-Tattoos in Heilbronn

„Früher wurde man dafür gemobbt, heute ist es cool“, sagt Lisa Maria Gruhle vom Studio Atelier Amai in Heilbronn-Böckingen zum Thema Anime. Die 28-Jährige ist selbst mit „Digimon“ und „Pokémon“ aufgewachsen. Genau wie Studio-Inhaberin Millenia Ferrarese hat sie sich auf Anime-Motive spezialisiert.

Fokus: Als Tätowiererin braucht Millenia Ferrarese Geduld und eine ruhige Hand.
Fokus: Als Tätowiererin braucht Millenia Ferrarese Geduld und eine ruhige Hand.  Foto: Dennis Frank

Die 26-Jährige Ferrarese führt seit drei Jahren mit Atelier Amai ihr eigenes Studio. Fünf Tattoo-Künstler arbeiten mittlerweile für sie, drei von Ihnen stechen Anime-Motive. Diese Quote bestätigt sich bei einem Blick in die Heilbronner Tattoo-Szene. Neben Realismus-, Tribal-, und Traditional-Tattoos werben viele mittlerweile mit Anime.

Allerdings bedeutet Anime-Tattoo auch nicht gleich Anime-Tattoo. Während Gruhle große Motive und Charakter-Porträts mit großen dicken Linien sticht, bevorzugt Ferrarese Szenen aus den japanischen Animationsfilmen mit feinen Linien und kleinen Details.

Anime-Tattoos in Heilbronn: Zwischen Kunst und „Money Grab“

Doch die ansteigende Beliebtheit der Motive habe auch Schattenseiten. Studio-Inhaberin Ferrarese beobachtet die Entwicklung kritisch: „Ich habe das Gefühl, für viele Tätowierer ist das gerade ein richtiger Money Grab“, also reine Geldsache, ohne Interesse am Thema.

Viele Kollegen würden laut der 26-Jährigen auf den Trend aufspringen, ohne die Charaktere oder die Ästhetik dahinter wirklich zu verstehen. Das führe mitunter zu bizarren Ergebnissen: Ihre Kunden würden von Tätowierern berichten, die nicht einmal die Namen der Figuren kennen, die sie verewigen.

Ana Camerzan vom „Mad Ink Studio“ kam nicht über das Fan-Dasein zum Anime, sondern über die Technik.
Ana Camerzan vom „Mad Ink Studio“ kam nicht über das Fan-Dasein zum Anime, sondern über die Technik.  Foto: Frank, Dennis

Auch ohne Fan-Dasein der Materie treu: Anime-Tattoos in Heilbronn

Dass man kein Fan vom Thema sein muss, um Anime-Tattoos zu stechen, zeigt Ana Camerzan vom „Mad Ink Studio“. Die gebürtige Moldawierin kam nicht über das Fan-Dasein zum Anime, sondern über die Technik. „Ich arbeite mit Whip-Shading, ein Stil mit punktierter Schattierung. Das passt perfekt zum Anime-Stil“, erklärt sie.

Ihr Weg an die Nadel sei ein Neustart gewesen: Die studierte Tourismuswirtin habe in der Gastronomie und im Finanzsektor keine Beschäftigung befunden, die mit ihrem Leben als Mutter vereinbar war. Unterstützt von ihrem Mann, der selbst Tätowierer ist, habe sie ein Jahr lang intensiv auf Kunsthaut geübt. Heute schätzen ihre Kunden nach eigener Aussage vor allem, dass sie den zweidimensionalen Figuren durch ihre Erfahrung im Realismus eine lebendige Tiefe und starke Kontraste verleiht.

Lisa Maria Gruhle geht im Studio Atelier Amai in Heilbronn-Böckingen ihrer Arbeit als Tätowiererin nach.
Lisa Maria Gruhle geht im Studio Atelier Amai in Heilbronn-Böckingen ihrer Arbeit als Tätowiererin nach.  Foto: Frank, Dennis

Dass die Motive längst dem Jugendalter entwachsen sind, zeige ihre Kundschaft: Die meisten seien zwischen 30 und 40 Jahre alt. Ihr ältester Kunde sei fast 50 und habe sich den 70er-Jahre-Klassiker „Lupin III.“ stechen lassen. Anime-Motive sind also keine reine Hype-Thematik, sondern eine Verewigung der Leidenschaft der Kunden – und oft auch die der Tätowierer. 




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