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Der letzte Fußabdruck

Heilbronnerin setzt sich für Zulassung von Reerdigungen in Baden-Württemberg ein

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Die ehemalige Heilbronner Allgemeinmedizinerin Cornelia Blaich-Czink will sich reerdigen lassen. Die naturnahe Bestattungsform ist bislang aber nur in wenigen Bundesländern möglich. Baden-Württemberg wartet noch Ergebnisse eines Pilotprojektes in Schleswig-Holstein ab.

Darstellung eines Leichnams, wie er in einen Kokon des Unternehmens Meine Erde gebettet wird. In 40 Tagen verwandeln Mikroorganismen den Toten zu Erde.
Darstellung eines Leichnams, wie er in einen Kokon des Unternehmens Meine Erde gebettet wird. In 40 Tagen verwandeln Mikroorganismen den Toten zu Erde.  Foto: privat / Meine Erde

Was, wenn der letzte Wille da, wo man lebt, nicht zählt? Cornelia-Blaich-Czink lässt sich dann dorthin überführen, wo das, was sie sich wünscht, erlaubt ist: Die ehemalige Heilbronner Hausärztin will sich nach ihrem Tod reerdigen lassen.

Der Gedanke, dass ihr Leichnam eines Tages kompostiert und in einem natürlichen Abbauprozess nicht zu Asche, sondern zu Erde wird, gefällt ihr. Bislang ist das nur in Schleswig-Holstein erlaubt. Überall sonst verstößt die neuartige Bestattungsform, die in Deutschland eben Reerdigung heißt, gegen geltendes Recht. 

Reerdigung verstößt in Baden-Württemberg noch gegen geltendes Recht

Die Erde, die während des 40 Tage dauernden Kompostierungsprozesses anfällt, darf bislang auch nur auf Friedhöfen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern ausgebracht werden. Cornelia-Blaich-Czink will sich daher dafür einsetzen, dass Reerdigungen eines Tages auch in Baden-Württemberg möglich sind oder dass wenigstens die daraus gewonnene Erde auf einem hiesigen Friedhof eingebracht werden darf – und sie so in die Heimat zurückkehren kann.

Ihr Mann Christian Czink, erzählt die 72-Jährige quicklebendig bei einer Tasse Tee, hat sich für eine Urnenbeisetzung auf dem Sontheimer Friedhof entschieden. Das sei für sie völlig in Ordnung. Nur will sie selbst eben auf andere Weise zerfallen. Weil sie einen Garten mit einem Komposthaufen habe, kenne sie diesen Abbauprozess. „Er ergibt eine wunderbare Erde“, sagt sie. Eine, in der neues Leben entstehen kann. „Da, wo ich dann bin, wachsen Blümchen.“ Und es gefalle ihr, nach 40 Tagen wieder Teil des natürlichen Kreislaufs zu werden.

Heilbronner Ärztin bereitet sich auf das Älterwerden vor

Als Ärztin hat Cornelia Blaich-Czink über Jahrzehnte Sterbende begleitet. Sie selbst ist gesund, bereitet sich aber trotzdem auf das vor, was kommen wird, damit keine Fragen offen bleiben. Sie legt Listen an mit Mitgliedschaften, die gekündigt, Kontakten, die informiert und Unterlagen, die gesichtet werden müssen. Sie gehe das Thema den Angehörigen zuliebe an.

„Wir kommen und wir gehen. Und wir sollten nicht zu viel Chaos anrichten“, meint sie. Auf das Thema Reerdigung ist Cornelia Blaich-Czink im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Sterben und dem Tod gestoßen. Mit dem Berliner Unternehmen Meine Erde hat sie Kontakt aufgenommen. Der Trend kommt aus den USA. Meine Erde agiert seit 2022 mit einem eigens entwickelten Verfahren als bislang einziger Anbieter auf dem deutschen Markt.

Reerdigung: Ein Trend aus den USA kommt nach Deutschland

Das Unternehmen hat seinen Sitz in Berlin, ist aber in Schleswig-Holstein aktiv, „weil es das einzige Bundesland ist, das Reerdigung für einen spannenden Prozess hält“, sagt Sprecherin Olga Perov. Mit einem Kokon fing alles an. Zwischenzeitlich verfügt Meine Erde über sieben Kokons, die in ehemaligen Friedhofskapellen, sogenannten Alvarien, stehen.

„Wir machen den Teil, den bei einer Feuerbestattung Krematorien durchführen“, erklärt Perov. 2900 Euro kostet das Ganze. Die Kunden kämen aus ganz Deutschland. „Sie nehmen es in Kauf, nicht vor Ort bestattet zu werden, weil der ökologische Gedanke für sie im Vordergrund steht.“

Geht es nach Meine Erde, sollen die Wege kürzer werden. Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat gerade eine Novelle ihres Bestattungsgesetzes angestoßen. Angesichts der sehr großen Modernisierungsschritte, die dort angekündigt worden seien, „wird bereits diskutiert, ob auch weitere Bestattungsformen aufgenommen werden“, so Perov.

Nordrhein-westfälischer Landtag beschäftigt sich mit neuer Bestattungsform

Im nordrhein-westfälischen Landtag fand am 27. November eine vielversprechende Sachverständigenanhörung statt, in der es auch um die Zulassung von Reerdigung ging. Geladen war Dr. Marcus Schwarz, der Leiter einer wissenschaftlichen Studie an der Universität Leipzig, die nach der Beprobung von bislang 22 Reerdigungen „die guten Ergebnisse aus der ersten forensischen Studie bestätigen“.

In Frankreich, Dänemark, den Niederlanden, der Schweiz und in Tschechien haben sich Initiativen gegründet, die sich für die neue, ökologische Bestattungsform einsetzen. In Baden-Württemberg antworteten in einer Umfrage der Badischen Neuesten Nachrichten 51,7 Prozent der Teilnehmer mit: „Ja, ich würde gerne auf diese Weise wieder Teil der Natur werden.“

Baden-Württemberg wartet Reerdigungs-Ergebnisse noch ab

Das baden-württembergische Sozialministerium winkt allerdings noch ab. „Bei der Reerdigung wird der Verstorbene in einem Behälter zunächst unter Beigabe eines großen Volumens pflanzlicher Materialen, Sauerstoff, Bewegung und Reaktionswärme innerhalb von 40 Tagen zu etwa einem Kubikmeter erdigen organischen Materials abgebaut; diese Reste werden dann auf dem Friedhof beigesetzt“, erklärt eine Sprecherin den Vorgang, bevor sie darauf verweist, dass Reerdigung in den meisten anderen Bundesländern immer noch „als unzulässig angesehen wird, da sie mit dem jeweiligen Bestattungsgesetz nicht vereinbar ist“.

Doch das Land kommt Menschen, die sich reerdigen lassen wollen, in soweit entgegen, dass es sagt, die Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Pilotprojekt in in Schleswig-Holstein würden vor einer weiteren Prüfung gründlich ausgewertet.

Cornelia Blaich-Czink würde das Ergebnis gern beschleunigen, um für sich selbst Klarheit zu bekommen. Für sie ist Vorsorge wichtig. „Ich gehe relativ nüchtern an die Sache ran“, sagt sie. Aber der ökologische Gedanke lässt sie nicht los. „Kompostieren? Besser geht es doch nicht“, ist der Schluss, den sie nach gründlicher Prüfung des Verfahrens für sich zieht.

Das Bild zeigt einen sogenannten Kokon in einer Kapelle vor dem
Beginn der ersten Reerdigung.
Das Bild zeigt einen sogenannten Kokon in einer Kapelle vor dem Beginn der ersten Reerdigung.  Foto: dpa / Meine Erde / Sven Krieger



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