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Bergpfad besteht seit 125 Jahren
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Wanderung im Hochgebirge: Was den Heilbronner Weg in den Alpen so einzigartig macht

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Seit 125 Jahren fordert der Heilbronner Weg in den Allgäuer Alpen Bergwanderer heraus. Das Jubiläum feierte eine Delegation des Deutschen Alpenvereins (DAV) in 2100 Metern Höhe – nach einer  Tour über den atemberaubenden Hochgebirgspfad. 


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Nebel. Er umfängt die rund 40 Wanderer aus Heilbronn und Umgebung an diesem Tag wie ein Wattemeer. Vom Bockkarkopf, dem höchsten Punkt des Heilbronner Weges, reicht der Blick nur wenige Meter in den Dunst, wo sich sonst ein Gipfelpanorama auftut. Vielleicht ein Segen für alle, denen es an alpinistischer Abgebrühtheit mangelt. Der spektakuläre Weg, der seit 125 Jahren den Namen der Stadt am Neckar trägt, ist auch dann eine Herausforderung, wenn die Wanderer nicht direkt in den Abgrund blicken. Eine echte Gratwanderung.

Der Höhenweg, der als einer der schönsten der Alpen gilt, ist neben dem Alpinzentrum und der Heilbronner Hütte in Vorarlberg der Stolz der DAV-Sektion Heilbronn. Gestartet ist die DAV-Wandergruppe an diesem Morgen um 7 Uhr an der Kemptner Hütte. Rolf Maier, Mister Heilbronner Weg und seit 25 Jahren ehrenamtlich für die Unterhaltung zuständig, hat die Truppe eingestimmt.

Abstieg über das Geröllfeld: Die Jubiläumsgruppe war rund neun Sunden lang unterwegs.
Abstieg über das Geröllfeld: Die Jubiläumsgruppe war rund neun Sunden lang unterwegs.  Foto: Hettich, Alexander

Schneefelder im Juli machen den Wanderern zu schaffen

"Es ist nicht ganz einfach", sagt er. Ungewöhnliche viele Schneefelder machen derzeit den Zustieg knifflig. Wird schon, meint Maier. Hoffentlich wird das was, grübelt der Erstbesteiger. Das richtige Maß zwischen Mut machen und zur Vorsicht mahnen, auch das ist eine Gratwanderung. 

Jeder Schritt muss sitzen: Auf dem Heilbronner Weg sind viele schwere Passagen mit einem Stahlseil gesichert.
Jeder Schritt muss sitzen: Auf dem Heilbronner Weg sind viele schwere Passagen mit einem Stahlseil gesichert.  Foto: Hettich

Der Weg, der sich auf mehr als 2400 Meter Höhe über den Alpenhauptkamm schlängelt, ist ein Kuriosum. Rappensee- und Kemptner-Hütte, die der Pfad verbindet, gehören zur Sektion Kempten. Sie wollte ihre Bergsteiger-Herbergen Ende des 19. Jahrhunderts verbinden, hatte aber kein Geld. Die zu Hilfe gerufenen Mainzer Alpinisten winkten ab, die Heilbronner schlugen ein. 

Veranschlagt waren 4500 Mark, heute wären das 37.000 Euro. Aber schon damals sprengte manches Projekt den Kostenrahmen. Am Ende standen 8500 Mark und die vertragliche Zusicherung, der Weg werde "auf immer und immerdar" den Namen Heilbronns tragen. Die Einweihung des spektakulär aus den Hochgebirgsfelsen gesprengten und gehauenen Weges wurde am 22. Juli 1899 auf der Rappenseehütte gefeiert. Die für die Getränke zuständigen Heilbronner hatten neben 500 Zigarren auch 256 Flaschen Wein geordert. "Meine Heilbronner vertragen etwas Ordentliches", beschieden die Schwaben die Allgäuer Vereinsfreunde. 

Kurzes Gipfelglück: Vom Bockkarkopf ist es noch ein gutes Stück bis zum Ziel.
Kurzes Gipfelglück: Vom Bockkarkopf ist es noch ein gutes Stück bis zum Ziel.  Foto: Hettich, Alexander

Heilbronner Weg: Zur Einweihung gab es 256 Flaschen Wein

Solche Hüttenfreuden sind beim Start der Jubiläumstour in weiter Ferne. Die erfahrenen Bergsteiger in der ersten der vier Gruppen schlagen mit Schaufeln und Hacken Spuren in die Schneefelder. Langsam, aber stetig geht es so voran durch die wunderschöne Gebirgslandschaft, vorbei an Steinböcken, Murmeltieren, Gemsen und Gipfeln. Soweit das Auge im Nebel reicht.

Allein vier Stunden dauert der Marsch, bevor der eigentliche Heilbronner Weg beginnt. Der ist nur drei Kilometer lang, hervorragend in Schuss und ein einziges Spektakel. Trittsicherheit, festes Schuhwerk, absolute Schwindelfreiheit. Spätestens hier wird deutlich, dass dieses Heilbronner-Weg-Mantra gerechtfertigt ist. Der Pfad führt steil über den Grat, an Felswänden und Abhängen entlang durch enge Trichter. Die schwierigsten Stellen sind mit Stahlseilen gesichert.  

Die Rappenseehüte ist Ziel oder Ausgangspunkt zur Begehung des Heilbronner Weges.
Die Rappenseehüte ist Ziel oder Ausgangspunkt zur Begehung des Heilbronner Weges.  Foto: Hettich, Alexander

Das Gipfelglück am umnebelten Bockkarkopf ist ein trügerisches. Noch ist es ein langer Weg, insgesamt neun Stunden wird er am Ende dauern. Die meist fotografierten Stellen des Heilbronner Weges liegen für Wanderer, die diese Richtung wählen, am Ende. Ein Leitersteg führt am Steinschartenkopf über einen tiefen Abgrund, gleich danach geht es an einer Leiter zwei Dutzend Sprossen hinab - es ist noch das Original aus der Bauzeit des Weges. 

Die beiden Top-Fotomotive nehmen sich harmlos aus gegen andere Passagen des Weges, der am Ende noch mit einem knappen Durchlass zwischen seilgesicherten Felsvorsprüngen aufwartet. Dieses Heilbronner Tor markiert den Ausgang des Weges, ab hier folgt der lange Abstieg über Geröllfelder zur Rappenseehütte, Schauplatz der Einweihung und heute Ort der Jubiläumsfeier. 

Einer war schon vor 70 Jahren beim Jubiläum

Eine wilde Party ist das nicht, dafür sind die Wanderer zu erschöpft. In Talkrunden lassen DAV-Vertreter um den Ehrenvorsitzenden Manfred Blatt und Vertreter der Kemptener Sektion Geschichte und Gegenwart des Weges Revue passieren. Mit dabei: Gerhard Knöller, der mit 90 Jahren den Aufstieg zur Hütte gemeistert hat.

Er war schon bei den Jubiläen zu 50, zu 75 und zu 100 Jahren Heilbronner Weg dabei und erzählt von einem Projekt, das er akribisch recherchiert hat: Die alte Heilbronner Hütte in Südtirol ist 1932 abgebrannt. Jetzt will sie ein Unternehmer im Originalzustand wieder aufbauen. "Bei der Eröffnung", sagt Knöller, "will ich dabei sein." Und wenn er mit dem Hubschrauber anreist.

Wegewart Rolf Maier wurde für seinen Einsatz gefeiert und geehrt. Er freut sich über die Magnetwirkung, die der Bergpfad bis heute hat. Geschätzt 10.000 Wanderer stellen sich jedes Jahr der Herausforderung. Manchmal ist es zu voll, und manchmal überschätzen sich Möchtegern-Alpinisten, die sich in Halbschuhen auf den Weg machen. Maier ist die Demut vor den Bergen wichtig. Kürzlich wurde er gefragt, ob er nicht der Bequemlichkeit halber die groben Steine aus dem Weg räumen könnte. "Das", hat er nur entgegnet, "ist der Heilbronner Weg." Wer ihn je gegangen ist, wird es nicht vergessen. 




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