Eine eigene App für das Quartierszentrum in Heilbronn-Böckingen gibt es inzwischen. Linqr heißt sie. Sie soll den Menschen ermöglichen, an der Gesellschaft teilzuhaben und ist ein Teil der digitalen Quartiersarbeit, erklärt Samis Ellsässer. Im Internet findet man unter www.digitalpakt-alter.de/angebote-finden Hilfsangebote in der Nähe mit telefonisch erreichbaren Ansprechpartnern.
Senioren und Digitalisierung: Wie digitale Teilhabe im Raum Heilbronn gelingen kann
Im Rahmen der Digitalisierung stehen viele Senioren im Alltag oft vor Herausforderungen. Doch mit Pauschalisierungen ist niemandem geholfen. Denn es gibt Hilfsangebote, wie in Heilbronn-Böckingen, die man nutzen kann.

„Bei der Digitalisierung vergisst man unsere Altersklasse“, sagte einmal jemand zu Martina Spröhnle, der Seniorenbeauftragten der Gemeinde Talheim. Tatsächlich verändert sich der Alltag rasant: Arzttermine kann man online buchen, telefonisch gibt es häufig lange Wartezeiten. Immer mehr Bankfilialen schließen, und Online-Banking kommt für viele Senioren nicht infrage. Lässt die Digitalisierung die ältere Generation zurück?
„Man kann das nicht pauschalisieren“, sagt Spröhnle. Einige Senioren kommen gut zurecht, andere seien sehr interessiert und machen von sich aus bei Hilfsangeboten mit. Ein weiterer Teil verweigere sich regelrecht. Seit 2024 wird in Talheim die Hilver-App genutzt, über die man nicht nur technische Hilfe anfordern kann. Es gibt auch weitere Unterstützungsmöglichkeiten. Wer nicht weiterkomme, könne Martina Spröhnle anrufen, sie vermittele Helfer oder unterstütze selbst. Beliebt sind auch sogenannte Smartphone-Nachmittage. Ein Vortrag zur IT-Sicherheit war ebenfalls sehr gut besucht.
Das Café Digital im Böckinger Bürgerhaus hilft nicht nur Senioren
Die größte Hürde bleibt oft die Angst, Fehler zu machen oder Opfer von Betrugsmaschen zu werden. „Ich kann etwas falsch machen und dann passiert etwas“, hört Spröhnle häufig. Samis Ellsässer stimmt zu: Schon die Ungewissheit, was geschieht, wenn man auf etwas drückt, sei eine Hemmschwelle für Senioren. Er engagiert sich ehrenamtlich bei der DigiTeilhabe der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und organisiert das Café Digital im Böckinger Bürgerhaus.
Auch ihre größte Angst sei gewesen, etwas falsch zu machen, sagt Ingrid Hömberger, 89 Jahre alt. Sie kommt regelmäßig ins Café Digital. „Ich schreibe alles in Steno mit, zu Hause bereite ich es dann auf“, sagt sie. Den Anstoß gab ihre Enkelin: „Sie war in Tokio und wollte mir Bilder schicken. Da habe ich mir WhatsApp einrichten lassen.“ So bleibt sie mit der Familie verbunden. „Ich will ja auch noch am Leben teilhaben.“ Inzwischen ist sie neugieriger und probiert selbst viel aus.

Anliegen der Senioren in Heilbronn-Böckingen sind oft ähnlich
Einmal wöchentlich, mittwochs, findet das Café Digital statt – ein Stammtisch für alle, die Fragen zu Smartphone, Internet oder Computer haben. „Bei uns wird eins zu eins betreut“, erklärt Samis Ellsässer. Drei Ehrenamtliche kümmern sich dort um individuelle Anliegen. Anfangs war es sehr leer. Es ist ein Angebot für alle Generationen, doch vor allem ältere Menschen nehmen es in Anspruch. Auch Urban Kosyra, Fachinformatiker, unterstützt das Café Digital seit August. Er ist überzeugt, dass solche Angebote langfristig notwendig sind: „Das Café wird immer besser angenommen, immer mehr Menschen suchen Hilfe.“
Die Fragen der Senioren ähneln sich oft: Wie funktioniert WhatsApp? Wie nutzt man Google? Auch Künstliche Intelligenz (KI) ist inzwischen Thema. Im Digitalcafé wagte man einen Selbstversuch: Die Teilnehmer konnten mit ChatGPT arbeiten. „Die Technologie hilft selbst bei der digitalen Teilhabe“, sagt Ellsässer. Spracherkennung und KI-Helfer erleichtern vielen die Bedienung. Zugleich könne die Nutzung von Kommunikationsdiensten die soziale Teilhabe in der Familie fördern.
Wo analoge Angebote vor Ort in Böckingen verschwinden, entsteht Frustration
Dass Geräte oft nicht intuitiv zu bedienen sind, erschwert den Zugang zusätzlich. Eva Anhalt ist 73 Jahre alt und besucht die Treffen regelmäßig. „Ich finde es rührend, wie sich hier um uns gekümmert wird“, sagt sie. Zwar bezeichnet sie sich selbst als „Digitalverweigerin“, nutzt ihr iPad aber für eine Schreibgruppe. Ihre Hauptkritik: Die Bedienung vieler Programme sei zu kompliziert.
Wo analoge Angebote verschwinden, entsteht oft Frustration. Etwa, wenn Arzttermine nur noch digital vereinbart werden können oder Bankschalter schließen. Aber: Man müsse den Leuten beibringen, mit den veränderten Angeboten umzugehen. Wichtig sei, den Menschen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind, auch andere haben diese Probleme. Und das werde mehr. Denn der demografische Wandel lasse sich nicht aufhalten. Samis Ellsässer ist überzeugt: „Wenn man die Möglichkeiten schafft, sind die Menschen bereit, zu lernen.“
Ratschlag zur Digitalisierung: Dranbleiben, üben und Angebote annehmen
Förderungen für derartige Angebote werden immer wichtiger, ist Ellsässer überzeugt. „Alles soll digitaler werden, aber ein Teil der Bevölkerung kann diesen Wandel ohne Hilfe gar nicht mitvollziehen.“ Dabei sei es essenziell, die Menschen zu befähigen, mit der Technik umgehen zu können. Ebenso wichtig sei die Sensibilisierung für Sicherheitsrisiken, ohne Ängste zu schüren, damit alle einen Zugang zur Technik bekommen.
Ein weiterer Teilnehmer fasst die Herausforderung so zusammen: „Wir sind nicht mit dieser Technik aufgewachsen.“ Natürlich habe man sich gefragt, ob man denn wirklich alles digital machen müsse, doch inzwischen nutzen er und seine Frau sogar Onlinebanking per App. „Wir wollen vermeiden, von der Technik abgehängt zu werden“, sagt der 79-Jährige. Sein Rat an jene, die sich schwertun: dranbleiben, üben und Angebote annehmen. „Es ist eben die Zukunft.“
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