Stimme+
Rebflächen in Gefahr
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Frust und Ärger um wilde Weinberge am Heilbronner Wartberg

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Wengerter-Urgestein Martin Heinrich schlägt wegen vernachlässigter Rebanlagen Alarm, zum Beispiel am Heilbronner Wartberg. Er sieht Grundstücksbesitzer in der Pflicht, aber auch das Rathaus.


Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Martin Heinrich ist eigentlich ein auf Ausgleich bedachter Zeitgenosse. Aber nun ist dem Wengerter-Urgestein und Aktivposten des Bürgervereins Wir für Heilbronn fast der Kragen geplatzt. Und zwar ausgerechnet  bei einem harmonischen Anlass, beim Einweihungsfest zur Erweiterung des nach ihm benannten Ausschanks auf dem Wartberg.

Mit Blick ins Tal warnte er unmissverständlich vor dem Niedergang des Heilbronner Hausbergs, wo immer mehr Rebflächen brachliegen oder noch schlimmer: wild vor sich hinwachsen, nicht gespritzt werden und benachbarte Anlagen mit Mehltau-Pilzen infizieren, was Rebtriebe, Trauben und am Ende die Lese schädigt oder sogar ganz zunichte macht.

Vielerorts stechen Brachflächen ins Auge, auch am  Weinsberger Sattel und am Erlenbacher Kayberg (hinten).
Vielerorts stechen Brachflächen ins Auge, auch am Weinsberger Sattel und am Erlenbacher Kayberg (hinten).  Foto: Seidel, Ralf

Heinrichs Groll gilt weniger Kollegen, die aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen nicht mehr mit der Arbeit nachkommen oder den Bettel hinwerfen, weil sich der Weinbau nicht mehr rentiert. Er kritisiert vielmehr Grundstücksbesitzer, die sich nach der Aufkündigung der Pachtverträge nicht mehr um ihre Weinberge kümmern. Und: Er nimmt das Rathaus in die Pflicht, das diese Missstände dulde und das ihm zwei Termine zu diesem Thema kurzfristig abgesagt habe.

Weinberge am Heilbronner Wartberg: „Eine Kulturlandschaft ist ein hohes Gut“

Um seiner Kritik Nachdruck zu verleihen, nimmt Heinrich den 2023 formulierten städtischen Landschaftsplan 2030 zur Hand und zitierte. „Eine Kulturlandschaft ist ein hohes Gut“, schreibe darin etwa Baubürgermeister Andreas Ringle. Und: „Verschlechtert sich der Zustand des Ökosystems sind die menschliche Gesundheit und die Ernährungssicherheit genauso bedroht wie die Tier- und Pflanzenarten.“

Nicht nur über dem Wartberg lastet ein Schatten: Weil sich der Weinbau kaum noch oder nicht mehr rentiert, werden vielerorts Weinberge aufgegeben.
Nicht nur über dem Wartberg lastet ein Schatten: Weil sich der Weinbau kaum noch oder nicht mehr rentiert, werden vielerorts Weinberge aufgegeben.  Foto: Seidel, Ralf

Weiter heiße es in dem grünen Grundsatzwerk: „Die Arena der Weinberge ist das landschaftliche Wahrzeichen Heilbronns. Die überwiegend intensiv genutzten Weinberglagen sind aufgrund ihrer trockenwarmen Standortbedingungen für wärmeliebenden Tier und Pflanzen ein potenziell geeigneter Lebensbereich. Die Brachflächen zwischen den intensiv genutzten Rebflächen bieten Tieren Rückzugsmöglichkeiten, allerdings gefährdet eine zunehmende Verbuschung der Flächen den Bestand wärmeliebender Arten.“

Verwilderte Rebflächen bedrohen benachbarte Weinberge durch Krankheitsausbreitung

Heinrich spricht mit kritischem Unterton von „lauter schönen Worten“, denen man aber auch Taten folgen lassen sollte. Ausgerechnet in der ältesten Weinstadt Württembergs habe der Wengerterstand im Rathaus keine Lobby mehr, dabei gehe es neben Landschaftspflege, Naherholung und Tourismus nicht zuletzt um die Existenz vieler Wengerterfamilien.

Mit versteinerter Miene nahm Bürgermeistern Agnes Christner Heinrichs Schelte zur Kenntnis und beteuert auf Stimme-Anfrage, das Thema im Rathaus anzusprechen. „Wir müssen uns darum kümmern und greifen das auf. Auch ich sehe den Handlungsbedarf.“

Letztlich gehe es darum, die Eigentümer auf ihre Pflegepflicht hinzuweisen. Falls sie dieser nicht nachkommen, müssten zur Not benachbarte Winzer oder auch die Stadt einspringen, so Christner. „Aber da geht es auch um Eigentums- oder Wegerechte, die man beachten muss.“

Wer seine Reben nicht pflegt, muss mit einem Bußgeld rechnen

„Bei Missachtung der Pflegepflicht ist ein Bußgeld fällig, im zweiten Jahr theoretisch sogar eine kostenpflichtige Zwangsrodung“, weiß Peter Albrecht als Vizepräsident des Weinbauverbandes Württemberg. Gleichzeitig habe sich aber gezeigt, dass der gesetzliche Vorschrift der „Mindestpflege“, die nur das einmalige Mähen oder Spritzen pro Jahr umfasse, für Weinberge zu kurz greife.

Nicht alle Grundstücksbesitzer kommen ihrer Pflegepflicht nach. Doch wenn Reben nicht gespritzt werden, werden sie krank und können andere mit Pilzen infizieren.
Nicht alle Grundstücksbesitzer kommen ihrer Pflegepflicht nach. Doch wenn Reben nicht gespritzt werden, werden sie krank und können andere mit Pilzen infizieren.  Foto: Seidel, Ralf

Immerhin sei das Problem bei der Landesregierung angekommen. Agrarminister Peter Hauk habe für 2026 eine Verordnung angekündigt, über die man die wilden Weinberge in Griff bekommen wolle. Darüber hinaus gehe es um eine Art Brachenmanagement und die Konzentration von Reben auf Kerngebiete.  Doch dies seien mittel- und langfristige Lösungen. „Wir müssen sofort handeln“, betont Heinrich, sonst wiederhole sich das Elend des Jahrgangs 2024. „Wir haben da in einem Wengert statt 5000 Kilogramm nur 500 geerntet.“  

Bis zu 20 Prozent der Rebflächen könnten aufgegeben oder verwildern: Vor allem Steillagen fallen weg

Überall in der Region gibt es plötzlich Weinberge, die nicht mehr bewirtschaftet werden. Hintergrund ist die Krise, in der die Branche steckt. Der Weinverkauf sinkt, die Kosten steigen. Für viele Betriebe rentiert sich der Weinbau kaum noch oder gar nicht mehr. So hat sich die Zahl der Württemberger Wengerter seit 1995 auf 6876 mehr als halbiert. Bisher nahmen oft größere Betriebe die freien Flächen auf.

Doch inzwischen üben sie bei Erweiterungen Zurückhaltung: wegen zusätzlicher Betriebskosten und wegen Vermarktungsproblemen. Dies hat zur Folge, dass Rebanlagen gerodet werden, vor allem in schwer zu bewirtschaftenden Steillagen. Manche werden aber auch einfach vernachlässigt oder gar nicht mehr gepflegt und verwildern. Der Weinbauverband Württemberg rechnet damit, dass bald 20 Prozent von heute rund 11 000 Hektar Rebflächen aufgegeben werden. 




Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben