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Flusskreuzfahrtschiff als Flüchtlingsunterkunft: Heilbronner Firma vermietet an Kreis Regensburg

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Keine Sporthallen und Schulen belegen, keine Zelte aufbauen im Winter: Der Landkreis Regensburg nahm ein ungewöhnliches Angebot aus Heilbronn an. Seit eineinhalb Jahren kommen Flüchtlinge auf der MS Rossini unter – und wohnen auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau.

MS Rossini eines Heilbronner Unternehmens ist im Landkreis Regensburg eine Flüchtlingsunterkunft.
MS Rossini eines Heilbronner Unternehmens ist im Landkreis Regensburg eine Flüchtlingsunterkunft.  Foto: Gajer, Simon

Die MS Rossini liegt bei Bach an der Donau. Der Stopp des 111 Meter langen Flusskreuzfahrtschiffes passt, kann man unvermittelt meinen: Tagesausflüge könnten angesagt sein. Der Weinbauort unweit der Walhalla-Gedenkstätte bei Regenburg ist schließlich stolz auf seine Winzer, hat hinterm Ortsschild eine große Tafel "Genussort 2018" hängen.

Es gibt ein Weinmuseum. Und zur Mittagszeit steuert tatsächlich eine größere Personen-Gruppe vom Ort den Deich an, hinter dem das Schiff festgemacht ist. Die Besatzung schleppt frisches Gemüse, verpackt in Kartons, an Bord, Frischwasser hat ein Laster auch schon gebracht. Der Schiffsmotor brummt leise. Vorbereitungen für die Weiterfahrt? Mitnichten.

Flüchtlingsunterkunft auf der Donau: Wie ein Flusskreuzfahrtschiff von Heilbronn nach Regensburg kam

Auf Kreuzfahrt in Richtung Österreich ist das Schiff schon seit eineinhalb Jahren nicht mehr, es liegt seit mehreren Wochen nur am Ufer. Der Landkreis Regensburg hat die MS Rossini, die einem Heilbronner Unternehmen gehört, gemietet – um darin Flüchtlinge unterzubringen. Eine Variante, die es so wohl kaum gibt – und darüber wundert sich die Kreisbehörde aus dem Freistaat.


"160", "20": Es hat etwas von Kreuzfahrt, wenn die Bewohner vom Landgang kommen und über den weichen Teppich zur Rezeption laufen, um dort nach den Zimmerschlüsseln zu fragen. Die hängen an einer großen Wand, ordentlich sortiert in Fächern. Das Hotelschiff hat seinen Kreuzfahrtcharme erhalten, dem Interieur mit vielen Schnörkeln an Lampen und Decken sei dank. Problemlos kann man sich vorstellen, wie Schiffsreisende von Bord aus die Donau mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten genießen. Wie sie die breite Treppe hinaufschlendern ins obere Deck mit dem großen Kronleuchter.

Ungewöhnliche Unterkunft: So lebt es sich auf dem Donau-Kreuzfahrschiff MS Rossini

Gleich hinterm Bug im großen Saal mit den großen Fenstern auf dem kleinen Parkett schwofen. An der dunkelbraunen Bar, mit Zierde an der Decke, auf den braunen Holzhockern sitzen. Auf der plüschig, roten Couch entspannen, an dem Tischchen mit der Lampe vorbei ins Freie schauen – hinter sich das Gemälde mit einer Frau, die an einem Cembalo sitzt. Nur der Pool auf dem Freideck ist abgesperrt, kein Wasser eingelassen.

"Es ist sehr, sehr schön", sagt Oliar Khalil. Der Syrer hat vorher in einer anderen Notunterkunft gewohnt, jetzt ist er auf dem Schiff. So angenehm, sagt er, hätte er sich die Bleibe nicht vorgestellt. "Alles ist schön." Dass die Busfahrt 30 Minuten nach Regensburg dauert sei in Ordnung. Die Schiffsbesatzung kocht, gegessen wird im großen Saal, in dem auf einem Tisch sogar noch ein Reserviert-Schild aus Plastik steht. Das syrische Essen, das vermisst er aber. "Natürlich."

Flusskreuzfahrtschiff wird bei Regensburg zur Flüchtlingsunterkunft: So wird das Projekt finanziert

Essen ist inklusive, die Besatzung reinigt die schmalen Gänge und Säle, schrubbt wie auf Kreuzfahrten zwischendurch die Fenster. Die Kabinen müssen die Bewohner selbst reinigen. Kein Coiffeur ist mehr an Bord, dafür lagern die Putzmittel in dem Friseur-Zimmerchen, in dem man auf Kreuzfahrten einen gepflegten Haarschnitt bekommt.

Der Landkreis Regensburg nimmt für diesen Komplett-Service die Flüchtlinge in die Pflicht: Sie bekommen nur noch 200 Euro im Monat. Zum Vergleich: Wer in einer anderen Unterkunft wohnt und selbst fürs Essen sorgen muss, erhält 460 Euro, wer schon anerkannt ist und Bürgergeld bezieht, kommt auf 560 Euro, sagt Alexander Damm, der das Sachgebiet Sicherheitsrecht im Landratsamt Regensburg leitet. 

Schiff mit bis zu 200 Flüchtlingen: So fielen die ersten Reaktionen in Bach an der Donau aus

Alexander Damm kennt die Geschichte, erzählt von den ersten Befürchtungen in dem kleinen Ort, als plötzlich ein Schiff für 200 Personen ankern sollte. Alles sei seither aber friedlich gewesen, beim Feuerwehrfest hätten Einheimische und Flüchtlinge fröhlich gefeiert. Das Angebot der Heilbronner Reederei kam zum passenden Augenblick, erzählt er. Zwar hatte sich der Landkreis erst nicht vorstellen können, ein Schiff zu mieten, und abgewunken. Aber die Alternative? Sporthallen zumachen? Also griff der Kreis zu.

Der Landkreis hat allerdings auch Glück. Der Anleger bei Bach ist ein Dauerliegeplatz. Woher der Status rührt? Alexander Damm weiß es nicht. Aber dank dieser Genehmigung kann hier ein Schiff bis 2039 liegen, ohne sich überhaupt zu bewegen.

Unterkunft für Flüchtlinge: Die letzte Reise der MS Rossini dauerte sieben Nächte

Ein Großteil der Besatzung ist inklusive. Dazu gehört Reinhard Müller, der so etwas wie der Hotel-Manager an Bord ist und sein Büro gleich neben der Gangway hat. Seit 18 Jahren ist er auf der MS Rossini, seit 26 Jahren auf Schiffen unterwegs, 32 Mal sicherlich bis zum Schwarzen Meer unterwegs gewesen.

Deutlich kürzer war die letzte große Fahrt für die MS Rossini: Sechs Tage, sieben Nächte dauerte die Rundreise von Passau nach Budapest und zurück. Ein Motor läuft, hellbrauner Rauch steigt aus dem Schornstein. Für Strom und warmes Wasser würden zwischen 750 und 1000 Liter Diesel am Tag benötigt, sagt Reinhard Müller. Alle zwei Wochen werden dann auch die Propeller angeworfen, die Kühler der Generatoren gespült.

Für den Landkreis Regensburg hat sich die Notunterkunft auf dem Schiff bewährt

Bis nach dem Sommer hat der Landkreis die MS Rossini erst einmal gemietet. Und dann? Reinhard Müller weiß es nicht. Sollte der Kreis das Schiff nicht mehr benötigen, geht es zur Überholung wie sonst auch in die Werft. 

Das Leben an Bord ist ruhiger als in größeren Unterkünften. Das sagt Mohammed Al Halaki, der vor fast sieben Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, mittlerweile ein Sicherheitsunternehmen mit 30 Mitarbeitern führt und an Bord mit seinem Team die Rezeption betreut. Streit gibt es, natürlich, dennoch ist es an Bord entspannter als andernorts. Dieser Beobachtung stimmt Evi Mandl vom Landratsamt zu. Toilette und Sanitärräume lägen beispielsweise in den Kabinen. "Die Atmosphäre auf dem Schiff ist eine ganz andere." 

Ungewöhnliche Flüchtlingsunterkunft bei Regensburg: Keine Alternative in anderen Städten

Die ungewöhnliche Flüchtlingsunterkunft scheint für Städte und Landkreise, die Bleiben suchen, keine Alternative zu sein. Zwei Anfragen, sagt Alexander Damm, habe es überhaupt gegeben. Darüber wundert er sich, seiner Ansicht nach müsste doch für alle Verantwortlichen an Flüssen eine Möglichkeit sein. Schiffe gebe es doch. Und sie seien einfacher zu handhaben: Bei Sport- und Gewerbehallen gebe es Eigentümer, mit denen man sprechen müsse. Dann müsse man die Immobilien umbauen.

Beim Schiff ist alles inklusive. Und ein Schnäppchen. Die exakten Kosten will Alexander Damm nicht nennen, nur so viel sagt er: Um Flüchtlinge in Pensionen oder Hotels unterzubringen, dürfen im Freistaat maximal 25 Euro pro Person und Nacht ausgegeben werden. "Das Schiff ist günstiger", sagt er. Es kämen aber noch Essen und Nebenkosten hinzu. Für ihn steht fest: "Es hat sich bewährt."




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