Stimme+
Reformpläne
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Digitaler Theorieunterricht? Fahrschulen warnen: „Das wird Menschenleben kosten“

   | 
Lesezeit  3 Min
audio Anhören
Erfolgreich kopiert!

Fahrschulen deutschlandweit üben heftige Kritik an der geplanten Abschaffung der Präsenzpflicht im Theorieunterricht. Die Branche warnt vor Lernlücken, Motivationsproblemen und sogar lebensgefährlichen Folgen.


Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Die Politik verspricht einen günstigeren Führerschein. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) kündigte bereits im Oktober Maßnahmen an, die kostendämpfend wirken könnten. Beispielsweise soll ein Teil der teuren Sonderfahrten oder auch Prüfungsfragen um ein Drittel reduziert werden.

Der Vorschlag, die Präsenzpflicht im Theorieunterricht abzuschaffen und digitale Lerneinheiten per App oder Videokonferenz zulassen, sorgt allerdings bundesweit für Unruhe in den Fahrschulen – und die lässt bis heute nicht nach. Was als Modernisierung gedacht ist, wird in der Branche als Risiko wahrgenommen.

Kritik an Führerschein-Reform – „Trügerische Sparmaßnahme“

Wie aus einer aktuellen Pressemitteilung des europäischen Verkehrssicherheitsverbands Moving Road Safety Association hervorgeht, stößt der Plan auf deutliche Ablehnung: „Was wie Fortschritt klingt, ist in Wahrheit ein massiver Abbau von Sicherheitsstandards“, heißt es darin unter anderem. „Fahranfänger sollen künftig lebenswichtige Sicherheitskenntnisse allein erarbeiten – ohne direkte Anleitung und Diskussion mit erfahrenen Fahrlehrern“.

Der vermeintliche Billig-Führerschein entpuppe sich als trügerische Sparmaßnahme, die weder Kosten senke noch die Sicherheit junger Fahrer gewährleiste. Laut Moving-Präsident Jörg-Michael Satz sei die Reform ein gefährlicher Irrweg. „Sicherheitsrelevante Inhalte nicht mehr gemeinsam in der Fahrschule zu erarbeiten, wird Menschenleben kosten.“

Die Branche positioniert sich klar: Laut einer Umfrage bewerten 83 Prozent der Fahrschulen die Reformpläne des Ministeriums negativ.
Die Branche positioniert sich klar: Laut einer Umfrage bewerten 83 Prozent der Fahrschulen die Reformpläne des Ministeriums negativ.  Foto: nicht angegeben

83 Prozent gegen Reform – Fahrschulen fürchten sinkende Verkehrssicherheit

In einer Umfrage unter 2147 Fahrschulen, durchgeführt zwischen dem 20. und 25. November, bewerteten 83 Prozent der teilnehmenden Betriebe den Vorstoß des Ministeriums als negativ oder sehr negativ. 84 Prozent der befragten Fahrschulen rechnen damit, dass sich die Verkehrssicherheit verschlechtern würde, sollte die Präsenzpflicht im Theorieunterricht wegfallen.

Auch in der Region wird Kritik laut. Für den Heilbronner Fahrschulinhaber Alexander Dexheimer, seit 2007 im Beruf, ist der digitale Komplettumbau „auf keinen Fall sinnvoll“. Er erinnert an die Erfahrungen während der Pandemie: „Viele haben sich einfach rausgeklinkt und nichts verstanden. Vom Monitor sieht man nicht, ob jemand mitkommt – und einzelne anzusprechen ist schwierig.“

Wer bisher ohne Kamera teilnahm, galt als abwesend. „Man weiß ja nicht, ob die nebenher Fernsehen schauen. Das ist kein Lernumfeld.“

Mehrkosten statt Ersparnis? Fahrschulen zweifeln am Sparversprechen

Ein zentrales Argument des Ministeriums lautet, durch weniger Präsenzzeiten könnten Fahrschüler Kosten sparen. Die Branche widerspricht geschlossen. Laut Moving glauben mehr als 90 Prozent der Fahrschulen nicht daran, dass rein digitaler Unterricht den Führerschein günstiger macht.

Rein digitaler Unterricht bleibe weniger im Gedächtnis und sicherheitsrelevante Themen würden nicht ausreichend verankert, so der Tenor der Branche. Deshalb müssen Inhalte in zusätzlichen Fahrstunden nachgeholt werden – und das macht den Führerschein am Ende sogar teurer.

Motivation der Fahrschüler entscheidet – nicht der Digitalisierungsgrad

Auch Dexheimer geht davon aus. Fahrschulen seien heutzutage technisch gut ausgestattet, arbeiteten mit verschiedenen Medien und seien pädagogisch deutlich weiterentwickelt als früher. Fahrlehrer unterstützten ihre Schüler zudem weit über die Theorie hinaus – bei Sprachproblemen, Formalitäten oder technischen Fragen. „Die Dienstleistung eines Fahrlehrers endet nicht beim Unterricht.“

Besonders wichtig sei zudem die Eigenmotivation der angehenden Fahrer, betont Dexheimer. Wichtig sei, dass die jungen Menschen Interesse zeigen, mal auf den Übungsplatz gehen. Fehle dieser Einsatz, lasse sich auch ein günstigerer Führerschein nicht erzwingen. Präsenz helfe dabei, Motivation aufzubauen und zu halten. „Wir können motivieren, aber umgesetzt werden muss es vom Schüler.“

Digitale Theorieeinheiten betrachtet er nicht als Kostensenker. Hohe Spritpreise, Versicherungsgebühren und ein Fuhrpark, der sowohl Schalt- als auch Automatikfahrzeuge umfasst, dagegen schon. Sein Vorschlag: Ein Mischmodell statt einer Komplett-Digitalisierung. „Ein bis drei Themen online – das ist okay. Aber komplett auf online umsteigen halte ich für falsch.“

Mischmodell statt Komplett-Digitalisierung

Auch Moving hält Modernisierung für möglich – allerdings anders, als es das Ministerium plant. Sicherheitsrelevante Themen sollen weiterhin in Präsenz stattfinden, digitale Elemente die Ausbildung ergänzen – also ein Blended-Learning-Konzept. Simulatoren könnten praktische Stunden entlasten. Laut Verband wäre damit sogar eine Senkung der Ausbildungskosten möglich, ohne Sicherheitsstandards zu vernachlässigen.

Manuel Wagner von der Fahrschule Wagner in Heilbronn betont zwar, dass auch Fahrschulen „mit der Zeit gehen“ müssten. Simulatoren und sogar VR-Brillen habe er bereits getestet – bislang jedoch ohne zufriedenstellende Qualität.

Die Erfahrungen aus der Corona-Zeit hätten zudem gezeigt, dass reiner Online-Unterricht durch technische Probleme und fehlende Motivation der Schüler an Grenzen stoße. Präsenz bleibe für ihn deshalb zentral: Nur im direkten Austausch erkenne er, wo Lernende Unterstützung brauchen. „Normaler, sauberer Präsenzunterricht ist einfach mehr wert.“




Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben