Diskurs im Unterricht: Wie sich Christfluencing auf Schulen in der Region auswirkt
Warum der Christfluencer-Trend auf Tiktok und Instagram auch bei jungen Leuten in Heilbronn und Hohenlohe ankommt, und warum das Gefahren birgt
Schüler, die mit „Jesus loves you“-Shirts zum Unterricht kommen. Tiktok- und Youtube-Videos, in denen coole Menschen vor dem Besuch im Fitness-Studio noch die Bibel lesen. Mit einer Latte Macchiato auf dem Tisch. Glaube scheint schick zu sein. Zwar geht die Zahl der Kirchensteuerzahler zurück. Gleichzeitig gibt es immer mehr christliche Influencer, so genannte Christfluencer, in den sozialen Medien. Das hat Auswirkungen auf die Schulen in der Region.
„Ich beobachte, dass es diesen Trend gibt, dass Jugendliche christlichen Merch kaufen, Hoodies mit Psalmensprüchen darauf etwa“, sagt Mirjam Rappel. Sie ist Pfarrerin und Religionslehrerin und unterrichtet am Heilbronner Robert-Mayer-Gymnasium und am Justinus-Kerner-Gymnasium in Weinsberg. „Ich freue mich, wenn sich die Jugend mit dem Glauben auseinandersetzt“, sagt sie. Junge Menschen suchten Wege, spiritueller zu leben, einen Anker. „Ich sehe nur die Gefahr, unkritisch einem Trend hinterherzulaufen.“
Der „Jesus Glow“ soll schöner machen
Das Tiktok-Phänomen „Jesus Glow“ mit Vorher/Nachher-Bildern findet sie „fürchterlich“. Dass besonders junge Mädchen, nachdem sie gläubig geworden sind, entspannter, glücklicher und vor allem: schöner geworden sein sollen.
„Es gibt zwei Lager“, beobachtet die Pädagogin. Auf der einen Seite gehe die kirchliche Sozialisation der Schüler zurück. Auf der anderen Seite gebe es das „Christfluencing“, eher ein individualistisches Phänomen. Auch Selbstoptimierung spielt mit hinein. Wenn traditionelle konservative Rollenbilder, besonders was Frauen angeht, mit religiösem Überbau legitimiert würden, „finde ich das sehr schwierig.“
Die aktuelle Entwicklung, vermutet sie, könnte auch eine Reaktion auf muslimische Klassenkameraden sein, die selbstbewusst ihren Glauben lebten.
Teils bekommt die Lehrerin böse Briefe von Eltern
Missionierung ist in der Schule fehl am Platz, teilweise knirscht es im Religionsunterricht, sagt Mirjam Rappel. Immer wieder, weil der Schöpfungsbericht nicht eins zu eins beschreibe, wie die Welt entstanden ist. „Da bekomme ich auch böse Briefe von Eltern.“ Auch Scheidung und Homosexualität in der Bibel seien Diskussionsthemen. Ein Schülerbibelkreis wurde angefragt, kam aber nicht zustande, weil er pädagogisch begleitet sein muss.
Das Spannungsfeld hat auch das Land erkannt. Im vergangenen Jahr gab es eine Fortbildung für gymnasiale Lehrkräfte in Baden-Württemberg zu Christfluencing. Die letzten fünf Jahre habe es in diesem Bereich einen Boom gegeben, sagt Jan Philipp Hahn von der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungen in Berlin und Referent der Fortbildung. 180 Youtube-Accounts beobachten der Theologe und seine Kollegen in ihrem Forschungsprojekt. „Die Szene wächst Woche für Woche.“ Religiösität wird dargestellt als Teil des Alltagslebens und als Lifestyle ästhetisiert. Themen wie Sexualität, Familie, Geschlechterbilder hätten Hochkonjunktur.
Kira Beer bemängelt die wortgenaue Auslegung der Bibel
Auch in Hohenlohe am Ganerben-Gymnasium Künzelsau ist Christfluencing Thema in Referaten. Schulleiter Edwin Straßer weiß, dass eine ehemalige Schülerin inzwischen als katholische Theologin auch im Netz aktiv ist. Dort bedient Pastoralassistentin Kira Beer vor allem ihren Instagram-Kanal mit christlichem Content und Einblicken in ihren Arbeitsalltag. „Als ich anfing, war mit das Thema Christfluencing nicht so bewusst. Mittlerweile ist es schon Teil meiner Motivation geworden, ein Gegengewicht zu bilden.“
Auch sie beobachtet, dass es sehr viele reichweitenstarke Influencer gebe mit teils problematischen, homophoben, frauenfeindlichen Inhalten. Wie Mirjam Rappel bemängelt sie die wortgenaue Auslegung der Bibel, den absoluten Wahrheitsanspruch und die damit verbundene politische Haltung. Deshalb versucht auch sie schon früh, wenn sie Viertklässler in der Grundschule in München unterrichtet, zu erklären, was die Bibel für ein Buch ist. Genau wie Mirjam Rappel mit ihren Fünftklässlern. Auf die anstehende GFS (Vortrag mit schriftlicher Ausarbeitung) eines Schülers zum Thema Christfluencing freut sie sich schon. „Er ist mit dem Thema selbst um die Ecke gekommen. Ich bin sehr gespannt.“
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