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Diskussion mit Verleger Tilmann Distelbarth

Demokratie unter Druck: Warum Journalismus so wichtig ist - und bleibt

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Der Journalismus steht unter Druck, regionale Tageszeitungen im Besonderen. Tilmann Distelbarth diskutiert mit FAZ-Journalist Reiner Burger über die Zukunftsfähigkeit der Medien. 

Bei der Veranstaltung "Gegen Fake News: Die freie Presse als Säule der Demokratie" diskutierte Tilmann Distelbarth (links), Verleger der Heilbronner Stimmt, mit Reiner Burger, Journalist bei der FAZ. Das Gespräch moderierte Tanja Ochs, stellvertretende Chefredakteurin der Heilbronner Stimme.
Bei der Veranstaltung "Gegen Fake News: Die freie Presse als Säule der Demokratie" diskutierte Tilmann Distelbarth (links), Verleger der Heilbronner Stimmt, mit Reiner Burger, Journalist bei der FAZ. Das Gespräch moderierte Tanja Ochs, stellvertretende Chefredakteurin der Heilbronner Stimme.  Foto: Berger, Mario

"Für mich schließt sich heute Abend ein Kreis", sagt Reiner Burger, Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Denn der Journalist hatte vor vielen Jahren bereits eine Zusage für ein Volontariat bei der Heilbronner Stimme - entschied sich dann aber dagegen und promovierte. Am Donnerstagabend war er zurück in Heilbronn, um gemeinsam mit Tilmann Distelbarth, Geschäftsführer der Stimme Mediengruppe und Verleger der Heilbronner Stimme, sowie mit dem Publikum über die freie Presse als Säule der Demokratie zu diskutieren.

Theodor Heuss als Glücksfall für die Demokratie

Neben der Friedrich Naumann Stiftung und der Reinhold-Maier-Stiftung beteiligte sich auch der Theodor-Heuss-Freundeskreis an der Ausrichtung der Veranstaltung. "Theodor Heuss war von Haus aus Journalist, er kannte den elementaren Wert der Pressefreiheit für die demokratische Grundordnung", erklärte Reiner Burger, der sich in einem kurzen Vortrag dem ehemaligen Bundespräsidenten widmete. Dass Heuss, der maßgeblich an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt war, Journalist war, hält er für einen Glücksfall für die deutsche Demokratie.

Richard Mössinger, Vorsitzender des Theodor Heuss Freundeskreises, sieht die Krise der Tageszeitungen mit großer Sorge. Für ihn bedeutet Zeitunglesen auch, "zu finden, was ich nicht gesucht habe". Mit der Schnelllebigkeit der klickgetriebenen Onlinemedien kann er wenig anfangen. Nachdenklichkeit brauche Zeit und Raum und die finde er dort nicht. 

Verlust von Debattenkultur im Netz ist besorgniserregend

Die Antwort auf die Frage, ob regionale Tageszeitungen eine Zukunft haben, wäre leicht mit ja zu beantworten, "sonst stünde ich nicht hier", sagt Tilmann Distelbarth - doch so simpel ist es nicht. Die Vielfalt im Netz sei grenzenlos, das Mediennutzungsverhalten ändere sich, gedruckte Zeitungen seien bei jungen Leuten nicht mehr gefragt und auch ein veränderter Werbemarkt stelle die Zeitung vor Herausforderungen. Gleichzeitig betont der Verleger die demokratische Aufgabe der Presse, bei der die Heilbronner Stimme mit Erhalt ihrer Lizenz am 28. März 1946 "Zeitzeuge der Geschichte" gewesen sei. Schon bei der Gründung habe die Zeitung betont, dass die Menschen lernen müssten, selbst zu urteilen, eine Fähigkeit, die während der Nazi-Zeit verloren gegangen sei. 

"Das Internet ist eigentlich das demokratischste aller Mittel", sagt Distelbarth. Denn alles werde öffentlich, jeder könne teilhaben. Gleichzeitig seien die Kehrseiten nicht von der Hand zu weisen, die Ergebnisse "unbefriedigend" und man sei mit einem Verlust an Debattenkultur im Netz konfrontiert, besonders da, wo Anonymität schütze. Doch gerade hier und gerade deshalb brauche man eine starke, unabhängige Presse. "Ich vertraue darauf, dass das Bedürfnis nach fundierten Informationen wieder wächst", betont Tilmann Distelbarth.

Das Gehirn ist nicht mehr darauf trainiert, komplexe Inhalte aufzunehmen

"Haben wir die Fähigkeit verloren, selbst zu urteilen?", will Moderatorin Tanja Ochs, stellvertretende Chefredakteurin der Heilbronner Stimme, wissen. "Ja, das geht schon ein Stück weit verloren", meint Tilmann Distelbarth. In den Sozialen Medien suche man gezielt nach Dingen, außerdem sei die Prägung im Gehirn, beispielsweise durch Tiktok-Videos, ganz anders, und so sei das Gehirn nicht darauf trainiert, komplexe Sachverhalte übers Lesen aufzunehmen.

Dem stimmt Reiner Burger zu, sieht Tiktok als "Sensationszirkel", nennt den Algorithmus ein "Propagandainstrument" und beklagt ein sich drastisch verschlechterndes Leseniveau bei jungen Menschen. Die Fähigkeit zu lesen sei eine Frage von Freiheit, so Burger. Doch er sieht auch Hoffnung. Zahlen würden beispielsweise für die FAZ zeigen, dass viele Leser erst im oder nach dem Studium zur Zeitung kämen. "Der Mensch ändert sich also gar nicht so grundsätzlich." 

Trennung zwischen Bericht und Meinung: Unterscheiden Journalisten nicht genug?

Das Publikum interessiert unter anderem, ob die Experten meinen, dass klar genug zwischen sachlicher Berichterstattung und Meinungsbeitrag getrennt werde. Nach Einschätzung eines Zuhörers findet das nicht genügend statt. Beide Formate zu vermischen, ist ein mittlerweile häufiger Vorwurf an Journalisten. 

Reiner Burger teilt diese Einschätzung nicht, er sieht die Trennung ausreichend gewahrt, findet, dass in der deutschen Presselandschaft sauber gearbeitet werde. Doch er macht auch deutlich, wo neutrale Berichterstattung für ihn endet: Wenn das Gegenüber nicht mehr auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht. Dann sei es die Aufgabe von Journalisten, sich "kämpferisch" für diese Ordnung einzusetzen. "Es gibt einen sehr guten Grund, warum die AfD so hart rangenommen wird", fügt Burger an. 

Auch der Fokus auf negative Berichterstattung beschäftigt die Anwesenden, ein Vorwurf, den sowohl Tilmann Distelbarth als auch Reiner Burger berechtigt finden, doch sie erklären auch die Notwendigkeit, so zu arbeiten. "Wir können nicht zum Good-News-Kanal werden", stellt Tilmann Distelbarth klar. Am Beispiel der Stadt Heilbronn zeigt er auf, es sei die Aufgabe der Presse, über Leerstand, Kriminalität und die diversen Probleme der Innenstadt zu berichten, denn: "Wer, wenn nicht wir?"

Letztendlich können die beiden Experten das große Dilemma an diesem Abend nicht lösen, doch sie sind sich sicher: Gesellschaft braucht Journalismus. Demokratie geht nicht ohne Pressefreiheit und deshalb geht es gar nicht anders, als dass Journalismus eine Zukunft hat.




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