Damit Schulen Jugendliche für Demokratie begeistern
Wie können Schulen das Demokratieverständnis fördern und verhindern, dass sich Jugendliche den extremen politischen Rändern zuwenden? Das war Thema bei "Bildung auf den Punkt" von AIM und Heilbronner Stimme am Donnerstag auf dem Bildungscampus.

Hamas-Terror, Israels Reaktion darauf, Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und eine Europawahl, bei der viele Jugendliche AfD wählten: Vor dem Hintergrund vieler Krisen stehen Schulen vor besonderen Herausforderungen. Wollen sie diese meistern und Demokratiebildung betreiben, brauchen sie Zeit, Unterstützung und personelle Ressourcen - das war eine Erkenntnis bei der Diskussionsrunde, die AIM-Bereichsleiterin Anna Weiland und Stimme-Redakteur Simon Gajer moderierten.
Die Vermittlung demokratischer Werte müsse an Schulen Querschnittsaufgabe über alle Fächer sein, betonte Havva Engin, Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Das sei aber auch ein "Add-on", eine weitere Zusatzaufgabe für die Pädagogen. "Die Schulen haben im Tagesgeschäft enorm viel zu tun." Demokratie müsse "kontinuierlich als Haltung ausgebildet werden", so Engin. Das müsse auch Gegenstand der Lehrerausbildung sein.
Es geht nur mit Enthusiasmus und Ressourcen
"Nicht neben dem Unterricht, sondern mit dem Unterricht" müsse die Vermittlung demokratischer Werte erfolgen, unterstrich Frank Schuhmacher, der in Öhringen das Hohenlohe-Gymnasium (HGÖ) leitet. Dazu brauche es zeitliche Ressourcen, "was am Ende wieder Geld kostet". Und, so ist er überzeugt: "Es geht nur mit dem Enthusiasmus der Lehrer."
Von einem "hochkomplexen Thema" und der Herausforderung, "die Schüler zukunftsfest" zu machen, sprach Niels Joeres, Landeskoordinator des Projekts „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“. Kultus- und Sozialministerium im Land wirkten gut zusammen: "Bei der Lehrerfortbildung hat sich einiges getan".
Kritik an Leidfaden, Ermutigung zur Teilhabe
Das Lehrer mit den ministerialen Handreichungen nicht immer glücklich sind, zeigte sich allerdings auch bei der Veranstaltung, die vom starren Schema einer Podiumsdiskussion abwich. Die Teilnehmer diskutierten in Gruppen Aspekte des Themas, immer wieder wechselten Zuhörer in die Rolle des Mitdiskutanten auf dem Podium.

Andreas Klaffke vom Albert-Schweitzer-Gymnasium Neckarsulm kritisierte den vom Ministerium herausgegebenen Leitfaden Demokratiebildung. "Das ist ein bürokratischer Text, dem jedes Leben ausgehaucht ist." Von Lehrern werde die Kladde "mit spitzen Fingern angefasst", dabei sei Demokratie etwas, "das Begeisterung erfordert". Klaffke griff auch die Diskussion auf, inwieweit sich Pädagogen in der politischen Debatte positionieren dürfen. "Es gibt kein Neutralitätsgebot für Lehrer." Sie alle hätten einen Amtseid geschworen und seien dem Grundgesetz verpflichtet.
Medienkompetenz als entscheidender Faktor
Melanie Haußmann empfahl, den 75. Geburtstag des Grundgesetzes als Steilvorlage für den Unterricht zu verstehen. "Wir haben da etwas unendlich Wertvolles", betonte die Rektorin der Heilbronner Kleist-Realschule und Geschäftsführende Leiterin vieler Heilbronner Schulen. "Was hat das Grundgesetz mit mir zu tun?" müsse die zentrale Frage sein.
Soziale Medien sind für viele Jugendliche die Informationsquelle schlechthin. "Die AfD stellt es geschickt an, in Sozialen Medien geschickt zu wirken", erkennt der Öhringer Gymnasialdirektor Schuhmacher "eine große Gefahr und eine schwierige Entwicklung". Seriöse Berichterstattung von Propaganda und Fake News zu unterscheiden werde immer wichtiger, da waren sich alle Teilnehmer einig. "Was wir brauchen, ist Medienkompetenz", forderte Wissenschaftlerin Engin, und auch Schule-ohne-Rassismus-Vertreter Joeres mahnte konkrete Projekte an, um Schüler den Umgang mit Medien zu lehren.
Nicht zuletzt: Vorbilder seien entscheidend, griff Schulleiter Schuhmacher die Debatte um den rechtsextremen Wolfsgruß beim EM-Spiel der Türkei auf. "Was die Schüler sehen, wird eins zu eins nachgemacht." Den Fußball für politische Zwecke zu missbrauchen, sei "die größte Strafe, die man diesem Sport antun kann". Vorbild sein und Demokratie vorleben - diesen Ball nahm Engin auf. Das sei schwierig, "wenn in schulischen Strukturen Demokratie nicht in dem Maße ausgeprägt ist", mahnte sie. "Demokratie ist kein Selbstläufer."
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