Bildungssprache umfasst die sprachliche Form, die in der Schule, Ausbildung und an der Hochschule genutzt wird. In der Regel ist sie abstrakter und verallgemeinernder als die Alltagssprache und dadurch präziser.
„Sprachsensible Schule“ in Heilbronn: Ziel ist die soziale Teilhabe für alle Kinder
Seit 2023 gibt es die ersten Schulen mit dem Heilbronner Siegel „Sprachsensible Schule“. Sie sind Vorreiter im Bereich der Sprachförderung und leisten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Das ist die Idee dahinter.

„Sprache ist ein Schlüssel zur Welt“, heißt es im baden-württembergischen Bildungsplan für das Fach Deutsch. In Heilbronn gibt es seit 2023 die ersten Schulen mit dem Siegel „Sprachsensible Schule“. Das Heilbronner Siegel ist in der Form einzigartig und nimmt eine wegbereitende Position ein.
Sprachsensible Praxis an der Heinrich-von-Kleist-Realschule in Heilbronn
An der Heinrich-von-Kleist-Realschule in Heilbronn ist die sprachsensible Praxis bereits angekommen. Melanie Haußmann, die Schulleiterin, war von Anfang an bei der Entwicklung des Sprachsiegels dabei, und ihre Schule war eine der Pilotschulen für sprachsensiblen Unterricht. Dort werden im Unterricht bereits Sprachen miteinander verglichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede benannt und zum Lernen herangezogen.
In der Praxis werden schwierige Texte von Lehrern vereinfacht, beispielsweise von C1- auf A2-Niveau. Worterklärungen werden bei Fremdwörtern eingefügt, aber auch wenn Wörter doppelte Bedeutung haben können. Das Sprachniveau an die Klasse angepasst: Kürzere Sätze, wenig Passivkonstruktionen, kein Infinitivsatzbau. Arbeitsaufträge werden mit Bildern gestützt, um Vorgänge deutlich zu machen und Sinnabschnitte müssen von den Schülern gebildet werden.
Sich mit Texten auseinanderzusetzen, sei wichtig für den Bildungsspracherwerb, so Melanie Haußmann. Es gebe in den fünften und sechsten Klassen extra Lesestunden. Auch Künstliche Intelligenz und Sprachapps würden inzwischen im Unterricht genutzt. Auch zu Hause kann viel gemacht werden, um den Kindern zu helfen. „Vorlesen ist sehr wichtig“, ist Melanie Haußmann überzeugt.
Lehrer in Heilbronner Siegelschulen achten besonders auf die Sprache im Unterricht
Den Weg für das Siegel bahnte ein Gemeinderatsbeschluss im Jahr 2019, nachdem Heilbronner Schüler in verschiedenen Vergleichsstudien schlechter als der Landesdurchschnitt abgeschnitten hatten. „Keine andere Stadt hat ein vergleichbares Projekt“, sagt Martina Geiger, Seminardirektorin für die Ausbildung der Gymnasiallehrer in Heilbronn. Dass das Land Baden-Württemberg jetzt mit der Verordnung „Grundsätze zur Sprachbildung und Sprachförderung“ von 2025 nachgezogen sei, erachtet sie als ein wichtiges Signal. Zwölf Heilbronner Schulen haben das Siegel bereits erworben, fünf weitere sollen 2026 folgen. Damit die Schulen das Siegel erhalten, müssen einige Anforderungen erfüllt sein.
Erstellt wurde das Sprachsiegel von den drei Heilbronner Lehrerseminaren, der Stadt Heilbronn, der Akademie für Innovative Bildung und Management (AIM) und der Schulleiterin der Heinrich-von-Kleist-Realschule, Melanie Haußmann. Die Grundidee sei, allen Kindern die Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen und sie zu mündigen Bürgern zu erziehen. Dafür sei die Alltags-, Bildungs-, und Fachsprache wichtig, sagt Martina Geiger.
„Lehrer aus allen Fachrichtungen müssen auf die Sprache achten“, sagt Sven Heinzmann, Bereichsleiter für Deutsch und künstlerisch-musische Fächer im Ausbildungsseminar. „Auch in Mathematik und Physik.“ Es gebe zahlreiche Schüler, die ihre Alltagssprache gut beherrschen, aber die Bildungssprache nicht. Professor Karsten Wiese, Bereichsleiter Naturwissenschaften und NWT, stimmt dem zu: „Die Naturwissenschaften leisten einen wichtigen Teil zur Sprachentwicklung der Kinder.“
Mehrsprachigkeit wird an Heilbronner Schulen gezielt als Ressource eingesetzt
Für Lehrkräfte sei es wichtig, ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Wörter und Formulierungen für Schüler schwierig werden könnten, um keine zusätzlichen Hürden zu schaffen. Sven Heinzmann gibt ein Beispiel aus der Praxis: „Er machte einen Satz.“ Gemeint ist damit, dass jemand springt. Schüler könnten aber auch verstehen: „Er sagte etwas.“
Ebenso wichtig sei es, Hürden bei Lehrern abzubauen. „Es ist keine Zusatzarbeit“, sagt Karsten Wiese, sondern „eine Grundaufgabe eines jeden Lehrers.“ Die Schulen hätten auch die Freiheit, selbst Schwerpunkte zu setzen und in der Schulkultur außerhalb des Unterrichts sprachsensibel zu arbeiten, wie bei der Elternarbeit, so Heinzmann.
Auch die Mehrsprachigkeit der Schüler sei eine Ressource, mit der man arbeite, sagt Martina Geiger. Wer seine Muttersprache gut beherrscht, dem falle es leichter, in anderen Sprachen Bildungs- und Fachwortschatz aufzubauen. So gebe es Phasen im Unterricht, in denen Schüler Dinge in ihrer Muttersprache erklären und diskutieren dürfen, da es ihnen danach leichter falle, die gewonnenen Erkenntnisse ins Deutsche zu übertragen.
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