Mehrsprachigkeit als Chance für Schulen

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Experten einig: Die eigene Muttersprache ist wertvoll, aber Deutsch muss Verkehrssprache an Schulen sein

Von unserer Redakteurin Tanja Ochs
Bei der Veranstaltung "Bildung auf den Punkt" ging es diesmal um die Frage:  Braucht es eine Deutschpflicht auf dem Schulhof? Foto: Ral Seidel
Bei der Veranstaltung "Bildung auf den Punkt" ging es diesmal um die Frage: Braucht es eine Deutschpflicht auf dem Schulhof? Foto: Ral Seidel  Foto: Seidel, Ralf

Fördert Mehrsprachigkeit auf dem Schulhof die gegenseitige Wertschöpfung, oder brauchen Schulen eine Deutschpflicht? Um diese Frage drehte sich die Diskussion bei „Bildung auf den Punkt“, der Veranstaltungsreihe von Heilbronner Stimme und Akademie für Innovative Bildung und Management (AIM). Allein an der Heinrich-von-Kleist-Realschule in Heilbronn lernen Schüler aus 30 verschiedenen Nationen. „Die Muttersprache ist unheimlich viel wert“, sagt Schulleiterin Melanie Haußmann. Mehrsprachigkeit sei ein Glück, aber auch eine Verpflichtung. Schulen brauchen auch eine gemeinsame Sprache, erklärt Karin Schüttler, Leiterin des Sport- und Kulturamts der Stadt Heilbronn.

Rosemarie Tracy, Seniorprofessorin für Anglistische Linguistik Universität Mannheim, sieht das ähnlich: „Deutsch ist der gemeinsame Nenner.“ Aber sie weist auch darauf hin, dass niemand einsprachig sei. Jeder könne beispielsweise Hochdeutsch und Dialekt. „Deutsch spielt in jedem Fach eine wichtige Rolle“, ergänzt die Juniorprofessorin für Germanistische Linguistik an der Universität Duisburg-Essen, Judith Purkarthofer. Aber Studien zeigten auch, dass Kinder es nicht schneller erlernen, wenn man ihnen andere Sprachen verbietet. Die vier Frauen diskutierten in der Aula des Bildungscampus mit Dr. Anna Weiland, Bereichsleiterin Kommunikation bei der AIM, und Simon Gajer, Autor der Heilbronner Stimme.

Konzept für sprachsensible Schulen

„Sprache kann einschließen und ausgrenzen“, sagt Melanie Haußmann. Dennoch sei Mehrsprachigkeit ein Gewinn, so der Konsens. Und für die Kinder sei es manchmal einfach angenehmer, in ihrer Muttersprache zu reden. „Wir müssen vermitteln, wie wertvoll das ist.“ Deshalb setzen einige Heilbronner Schulen seit kurzem auf sprachsensiblen Unterricht. Das einzigartige Projekt errege bereits Aufmerksamkeit im Land, sagt Karin Schüttler. Das Zertifikat stehe dafür, Mehrsprachigkeit als Chance zu nutzen. Die vielen Kulturen wertschätzen, das ist Melanie Haußmann ein Anliegen, sie hat das Konzept mitentwickelt. Auch Lehrer müssten dafür sensibilisiert und fortgebildet, Eltern mit ins Boot genommen werden.

Deutsch bleibe die Verkehrssprache an den Schulen, sagt Rosemarie Tracy. Es sei die Sprache, die Lehrer verstehen. Sie stellt fest: „Kinder scheitern nicht am Rechnen, sondern am Begriff.“ Die müssen nicht nur im Fach Deutsch erklärt werden. Wer das versteht, könne das Potenzial von Schule nutzen. Kinder gingen lange Zeit in die Kita und in die Schule, sagt auch Judith Purkarthofer: „Da gibt es viele Lerngelegenheiten.“

Sprache steht für Stereotype

Reagieren Menschen unterschiedlich auf unterschiedliche Sprachen?  Die sprachsensible Schule will negative Assoziationen beenden.
Reagieren Menschen unterschiedlich auf unterschiedliche Sprachen? Die sprachsensible Schule will negative Assoziationen beenden.  Foto: Seidel, Ralf

Mehrsprachigkeit sei eine Riesenchance, sagt Marco Haaf, Geschäftsführer der AIM und lange Zeit selbst Schulleiter. Allerdings, gibt er zu bedenken, assoziiere man mit Sprache automatisch andere Kulturen. Was können Schulen tun, damit die Assoziation nicht negativ ist?, fragt er. „Sprachfärbung steht für Stereotype“, bestätigt Judith Purkarthofer. Das müsse man hinterfragen. Cajus Wypior, Lehrer am Robert-Mayer-Gymnasium, wird noch deutlicher, als er in der Diskussion das Wort ergreift. „Entscheidend ist die kulturelle Frage.“ Kein Lehrer habe etwas dagegen, wenn auf dem Schulhof ununterbrochen Englisch geredet werde. Die Frage nach einer Deutschpflicht sei verlogen und werde nur gestellt, wenn es um „unliebsame Sprachen“ gehe.

Man müsse über Überfremdung reden. Auch Lehrerin Gina Waibler stimmt zu: „Es gibt Sprachen, die negativ besetzt sind.“ Seit Jahrzehnten hätte Schüler das Gefühl, sie müssten ihre Kultur ablegen, stimmt Rosemarie Tracy zu. Es gebe noch viel zu tun, um dieses dominante Gefühl abzubauen. Genau da setzen die sprachsensiblen Schulen an. „Wir wollen Gemeinschaft schaffen, ohne auszugrenzen“, sagt Melanie Haußmann. Gegenseitiges Verständnis, egal welcher Kultur das Gegenüber angehört. Mehrsprachig aufzuwachsen sei ein Geschenk. Lange Zeit habe „nur Deutsch“ in der Schule gegolten. „Aber wir möchten alle Sprachen wertschätzen“, sagt die Rektorin.

Bevor die Diskussion auf dem Podium startete, tauschten die Besucher in der Aula des Bildungscampus Argumente aus.
Bevor die Diskussion auf dem Podium startete, tauschten die Besucher in der Aula des Bildungscampus Argumente aus.  Foto: Seidel, Ralf

Zugang zu anderen Kulturen

Mehrsprachigkeit sei eine Bereicherung, ermögliche Zugang zu Kulturen und einen Perspektivwechsel. Um das zu erreichen brauche es konkrete Handlungen, sagt Judith Purkarthofer. Sprache sei nicht nur Informationsvermittlung, sondern auch emotional. Schulen müssen die Frage beantworten, wie sie kommunizieren, wobei Konflikte nicht nur aus der Sprache resultieren: „Wir hatten keine andere Sprache auf dem Schulhof und trotzdem gab es Konflikte“, erinnert sich die gebürtige Österreicherin an ihre Jugend. Aber es sei wichtig, dass Schulen Mehrsprachigkeit verankern und darüber sprechen. Karin Schüttler betont, diese sei wichtig und passe zu Heilbronn.




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