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„Begrüßen zunehmende Digitalisierung aller Schulen“: Bildungsexperte zum Heilbronner Weg

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Heilbronn im Fokus: So beurteilt der Co-Vorsitzende der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz die Situation in der Region.

Olaf Köller spricht über "Tablets für alle" in Heilbronn.
Olaf Köller spricht über "Tablets für alle" in Heilbronn.  Foto: Sebastian Schnepper

Tablets für alle wie in Heilbronn, Pisa-Schock: Der Bildungsexperte Olaf Köller hat zu dem eine klare Haltung. Der Bildungsforscher der Universität Kiel ist einer der beiden Vorsitzenden der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz, und vor einer Konferenz an der Akademie für Innovative Bildung und Management in Heilbronn spricht er zur Stimme.

Tablets für alle Kinder an öffentlichen Schulen: Diesen Weg geht Heilbronn. Eine gute Entscheidung?

Olaf Köller: Grundsätzlich begrüßen wir die zunehmende Digitalisierung aller Schulen. Damit kann guter Unterricht gemacht werden, der digitale Hilfsmittel nutzt, um Schülerinnen und Schüler beim Lernen zu unterstützen. Wir sind uns dabei aber bewusst, dass allein die Bereitstellung von Tablets nicht ausreicht.

Was ist nötig?

Köller: Der fachdidaktische Einsatz ist entscheidend. Es gibt auch weitergehende Ziele, die man mit Tablets gut bedienen kann.

Welche sind das?

Köller: Das ist zum Beispiel der Aufbau von Medienkompetenz. Kinder verstehen besser, wie Social Media funktioniert, welche Risiken damit verbunden sind und welche Algorithmen dahinter stecken. Man bekommt auch eine Idee davon, was Künstliche Intelligenz ist.

An welcher Schulart fällt es Lehrern leichter, digitalen Unterricht umzusetzen?

Köller: Für Grundschullehrkräfte ist der digitale Zugang schwieriger. Wir haben schon während der Pandemie gemerkt, dass sich die Grundschullehrkräfte schwerer getan haben, sie hatten auch weniger Infrastruktur vor Ort. Das heißt, sie waren schlechter ausgestattet. Das bedeutet aber nicht, dass es keine sinnvollen Anwendungen für digitale Medien in der Grundschule gibt. In der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission haben wir empfohlen, Large Language Models wie Chat-GPT frühestens in der achten Klasse einzusetzen.

Warum?

Köller: Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler vorher hinreichend gut lesen und schreiben können. Sie müssen Texte verstehen und selbst argumentieren können. Das sind notwendige Voraussetzungen dafür, um KI-Texte bewerten zu können.

Viele hoffen, dass mit KI im Unterricht die Kinder besser unterstützt werden können. Teilen Sie die Einschätzung?

Köller: Sogenannte intelligente tutorielle Systeme können zum Üben eingesetzt werden. Die Systeme erkennen anhand der Lösung der Schülerinnen und Schüler, auf welchem Leistungsstand die Kinder sind. Dann gibt es die passenden Übungsaufgaben.

Wie bewerten Sie den Einsatz der Systeme?

Köller: Für ein Mathe-Programm haben elf Bundesländer Landeslizenzen erworben. Man erreicht so theoretisch Millionen Schüler. Wir beobachten aber leider, dass viele Schulen es einfach nicht nutzen.

Woran liegt das?

Köller: Da sind Vorbehalte der Lehrkräfte, Unsicherheiten im Umgang mit solchen Systemen, fehlendes Vertrauen in diese Systeme sowie fehlende Professionalisierung. Und dann auch das Problem, dass Lehrkräfte, wenn sie diese Programme einsetzen, einen Teil ihrer bisherigen Routine aufgeben müssen.

Der Pisa-Schock ist 25 Jahre her, jetzt kritisieren viele immer noch das Bildungsniveau. Warum kommt Deutschland nicht voran?

Köller: Nach 2001 hatten wir eine große Aufbruchstimmung in Deutschland, und es ging aufwärts. Die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen sind bis 2012 gestiegen. Danach ging den Ländern die Puste aus. Dazu kamen 2015 die vielen Flüchtlinge, 2022 nochmal weitere aus der Ukraine, es gab die Pandemie.

Was muss man tun, um Geflüchtete so zu integrieren, dass sie persönliche Schulerfolge haben?

Köller: Sprache ist die Schlüsselkompetenz. Kinder, die 2015 oder 2016 als Sechsjährige kamen, waren 2024 Neuntklässler. Wir sahen 2024 in einer Bildungsstudie, dass es uns nicht gelungen ist, den Jugendlichen in den Jahren so hinreichend Deutsch beizubringen, dass sie dem Unterricht in Mathematik und in Naturwissenschaften folgen können. Die Jugendlichen brauchen sehr viel länger unterrichtsergänzende Angebote, bis sie hinreichend die deutsche Sprache können.

Braucht es einen Deutsch-Test vor der Einschulung?

Köller: Es ist klug, eineinhalb Jahre vor dem Schuleintritt eine Spracherhebung zu machen. Das machen viele Bundesländer. Die Förderung dieser Kinder muss schon vorher beginnen. 

Was meinen Sie damit?

Köller: Bei Kindern mit Zuwanderungshintergrund muss man am Wortschatz arbeiten. Das machen Sie nicht im Vorbeigehen in der Kita.

Was ist nötig?

Köller: Es braucht dort wieder zusätzliche Angebote mit qualifizierten Förderkräften, die mit den Kindern systematisch Sprachförderung betreiben. Es reicht nicht, zweimal die Woche im Morgenkreis ein bisschen Deutsch mit ihnen zu üben. Die Dosierung sollte schon höher sein.

Was nehmen Sie aus Heilbronn mit?

Köller: Heilbronn ist sehr privilegiert. Die Schwarz-Stiftung hat sich Bildung zu eigen gemacht.

Nicht jede Stadt hat eine Schwarz-Stiftung. Welche Elemente lassen sich kopieren?

Köller: Es sind ja in der Regel Modellprogramme, die von der Stiftung unterstützt werden. Sie können als Vorbild für alle Bundesländer gelten.

Zum Beispiel?

Köller: Die Programme zur Digitalisierung und frühen Förderung lassen sich übertragen. Das, was hier in Heilbronn ein Segen für die Region ist, kann auch ein Segen für die Republik sein – wenn man woanders offen ist, sie zu übernehmen.




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