17 weitere Stolpersteine in Heilbronn verlegt

Heilbronn  Künstler, Schüler und Privatpersonen haben in Heilbronn 17 weitere Stolpersteine für Opfer des NS-Terrors verlegt. Bürgermeisterin Agnes Christner warnte vor Neonazis und rechter Gewalt.

Von Kilian Krauth
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Manfred Hanauers Tochter, Urenkelin und Enkelin (v.l.) Zipora Werner, Noa Babiacki und Ravit Babiacki legen Blumen an den Stolpersteinen ihrer Familie nieder.

Mit einem Appell gegen rechtsradikale Gedanken und Gewalttaten leitete Bürgermeisterin Agnes Christner am Montag die Verlegung 17 neuer Stolpersteine ein. Die aus Messing und Beton gefertigten Quader erinnern an Verfolgung, Vertreibung und Flucht überwiegend jüdischer Menschen in der Nazi-Zeit. "Das Thema ist leider wieder aktuell", sagte Christner. Umso wichtiger sei es, über eine entsprechende Erinnerungskultur die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren: zum Beispiel über Stolpersteine des Künstlers Günter Demnig, der seit 1992 in 23 Ländern fast 70 000 solcher Pflastersteine mit der Grundfläche neun auf neun Zentimeter verlegt hat.

Anfeindungen gegen den Ideengeber

Mit Eimern, Spachtel und Hammern im Gepäck lobte Demnig die Zusammenarbeit mit der Stadt. So habe das Betriebsamt passende Löcher ins Pflaster gefräst. "In anderen Großstädten kümmert sich da kaum jemand drum." Er habe sogar zunehmend mit Anfeindungen zu leben - bis hin zu Morddrohungen. "600 Steine wurden bereits geklaut." Dennoch will sich der 71-Jährige nicht entmutigen lassen, "irgendwann komme ich halt mit Krücken oder Rollator."

Nunmehr 178 Stolpersteine in Heilbronn

17 weitere Stolpersteine für Opfer des Nazi-Terrors

Gunter Demnig hat in Heilbronn am Montag zusammen mit Schülern und Privatpersonen 17 Stolpersteine verlegt, so wie hier an der Cäcilienstraße 26.

Fotos: Dennis Mugler

In Heilbronn wurden in zehn Jahren 161 Steine verlegt, 17 kamen jetzt hinzu. Mitinitiator Pfarrer Günter Spengler bedankte sich bei Schülern, Privatpersonen, Stadtarchiv und Stadtbibliothek, die die "Einzelschicksale für die Erinnerungszeichen" recherchiert oder hierfür zugearbeitet hätten. Vor allem Stadthistoriker Peter Wanner habe viele Türen geöffnet. Ähnlich äußerten sich Lehrer und Schüler wie Geschichtslehrerin Viola Widmaier und Lara Gürol, Emily Burroughs, Larissa Liebhardt und Emma Käß von der Luise-Bronner-Realschule, die von den bewegenden Lebensgeschichten berichteten. An dem Projekt beteiligt waren zudem Mönchsee-, Robert-Mayer und Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium.

Angehörigen sind gerührt und beeindruckt

Beeindruckt vom großen Engagement zeigten sich Nachfahren von Opfern, die die Aktion in der Cäcilienstraße oder etwa an der Frankfurter Straße begleiteten und danach mit Avital Toren von der jüdischen Gemeinde im Rathaus empfangen wurden. Angehörige der Familien Hochherr und Hanauer beispielsweise leben heute in den Niederlanden, Südafrika, Kanada, England, USA, Italien, aber auch im Heimatland ihrer verfolgten Vorfahren.

  • Betty Weiss, geb. Israel, betrieb mit Ehemann Hermann einen Kleider- und Schuhladen an der Kirchbrunnenstraße, den sie nach der sogenannten Machtergreifung durch die Nazis im Jahre 1933 zum Trödelladen machen musste. Sie wurde in Riga ermordet, ihr Mann starb bereits 1938 in Heilbronn.

  • Dora und Gustav Karlsruher besaßen eine Lumpensortieranstalt. Er war im Ersten Weltkrieg deutscher Soldat. 1935 flüchteten sie in Doras Heimatstadt Metz, wurden aber 1944 nach Birkenau deportiert, wo sie ermordet wurden. Sohn Ernst wanderte 1928 in die USA aus.

  • Helene Würzburger: Ihrer Familie gehörte die Adler-Brauerei in der Deutschhofstraße und in der Klarastraße der Adlerkeller, der zeitweise als jüdische Schule diente, Helene wohnte hier als Witwe. Sie starb in Theresienstadt. Sohn Alfred emigrierte über Israel in die USA.

  • Martha Rothschild kam aus der Pfalz nach Heilbronn und arbeitete als Dienstmädchen. 1939 flüchtete sie nach Holland zu ihrer Schwester. Martha wurde in Auschwitz ermordet. Einer dritten Schwester, Erna, gelang die Flucht nach England.

  • Gertrud und Alfred Oppenheimer: Die wohlhabende Familie führte die gleichnamige Darm- und Gewürzhandlung, die nach der "Arisierung" als Ried & Co. firmierte. Er emigrierte 1936 nach Palästina, wo er als Landwirt in einer jüdisch-deutschen Siedlung arbeitete. Die Familie klagte wegen der Enteignung ihres Grundstücks 1938 nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Stadt Heilbronn und bekam eine Entschädigung von 700 D-Mark.

  • Berta, Isaak, Manfred Hanauer und Gertrud Farrer: Die Familie kam aus Gemmingen und eröffnete an der Cäcilienstraße ein Geschäft für Polster- und Sattlerartikel mit Schreinerbedarf. Manfred und Gertrud flüchteten 1934 nach Palästina. 1941 waren Isaak und Berta bei den ersten Heilbronner Juden, die deportiert wurden.

  • Cilly Levi, Aron und Theresia Lindner sowie Sofie Schwab: Die teils aus Affaltrach zugezogene Familie betrieb eine Manufaktur an der Allee und später an der Rollwagstraße. Ihr Haus wurde zum "Judenhaus". Manchen Familienmitgliedern gelang die Flucht, andere wurden deportiert und ermordet.

  • Bernhard und Grete Hochherr: Die Familie betrieb verschiedene Zigarrenfabriken im Kraichgau und in Heilbronn mit hunderten Angestellten. Ihr Besitz wurde 1938 "arisiert". Bernhard starb nach Aufenthalten in Altersheimen 1942 in Theresienstadt, angeblich an Altersschwäche. Tochter Grete arbeitet beim Heilbronner Bankverein und der Madaform Seifenfabrik. Sie konnte 1938 nach Südafrika auswandern, wo sie Bruno Kaufmann heiratete, der zuvor für eine Schuhfabrik in Heilbronn arbeitete.

 

Lebenswege und Stationen

www.stolpersteine-heilbronn.de

 

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