So sollen Fahrverbote in Heilbronn vermieden werden

Heilbronn  Digitalisierung, mehr Rad- und Fußverkehr, mehr ÖPNV: Die Stadtverwaltung setzt sogar auf die Reaktivierung der Zabergäubahn, um die Stickoxidwerte zu senken

Von Christian Gleichauf
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So sollen Fahrverbote vermieden werden

Hier werden die Luftschadstoffe an der Weinsberger Straße erfasst. Bislang liegen die Werte beim Stickoxid im Jahresdurchschnitt bei 55 Mikrogramm pro Kubikmeter und damit über dem Grenzwert von 40 Mikrogramm. Was tun?

Foto: Andreas Veigel

Mit einem langen Maßnahmenkatalog stemmt sich die Stadt Heilbronn gegen drohende Fahrverbote. Dieser sieht unter anderem eine Parkraumbewirtschaftung, die Verflüssigung des Verkehrs und die Reaktivierung der Zabergäubahn vor. Nicht nur an der Weinsberger Straße soll die Stickoxidbelastung so mittelfristig unter den Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter sinken.

Gemeinsam mit dem Ingenieurbüro SHP aus Hannover stellte die Leiterin des Amts für Straßenwesen, Christiane Ehrhardt, am Mittwochabend den Masterplan "Nachhaltige Mobilität" im Technischen Rathaus vor. Er ist Voraussetzung für die Fördergelder, die vom Bund ausgeschüttet werden. Dabei wurden bereits begonnene Maßnahmen ebenso berücksichtigt wie neue Ansätze.

Hier einige Beispiele aus den zu sechs Gruppen zusammengefassten Vorhaben:

  • Digitalisierung des Verkehrs: 170 Ampeln der Stadt sollen an ein Glasfasernetz angeschlossen werden. Durch den Einbau weiterer Sensorschleifen in den Straßenbelag könnten intelligente Ampelsteuerungen zur Verflüssigung des Verkehrs beitragen und dann auch den Verkehr unter Umweltgesichtspunkten lenken. Ein Parkraummanagement mit erweitertem Parkleitsystem soll den Suchverkehr vermindern und dazu beitragen, dass weniger Fahrzeuge in der Innenstadt geparkt werden. Ebenfalls wurde das Testfeld Autonomes Fahren als ein Projekt angemeldet, das langfristig dazu beitragen könnte, die Luft in Heilbronn zu verbessern.

  • Vernetzung im ÖPNV: Die Attraktivität von Bus und Bahn soll gesteigert werden, unter anderem durch eine neue Stadtbahnlinie ins Zabergäu. Der ÖPNV soll an den Knotenpunkten bevorrechtigt werden. Außerdem werden alte Diesel-Stadtbusse auf die Euro-VI-Norm nachgerüstet.

  • Rad- und Fußverkehr: Lücken im Radroutennetz sollen geschlossen werden und ein neuer Radschnellweg in Ost-West-Richtung wird die bereits in Planung befindliche Radschnellverbindung Bad Wimpfen-Heilbronn ergänzen. Ein Fahrradverleihsystem und das geplante Fahrradparkhaus am Bahnhof sind aufgeführt. Auch ein Fußwegekonzept wird erarbeitet.

  • Elektrifizierung: Die Stadtverwaltung will weitere Dienst-Pedelecs und bei den Stadtwerken neue E-Fahrzeuge anschaffen und so eine Vorbildfunktion einnehmen. Außerdem bereiten sich die Verkehrsbetriebe auf die Beschaffung von E-Omnibussen vor. Neue Ladestationen sollen die Attraktivität der Elektromobilität erhöhen.

  • Urbane Logistik: Mehr als ein Viertel des Verkehrs in der Stadt gehört zum sogenannten Wirtschaftsverkehr. Um hier die Anzahl der Fahrten und auch die Emissionen zu reduzieren, sollen beispielsweise Pakete nicht mehr von zahlreichen verschiedenen Dienstleistern zugestellt werden, sondern an mehreren Orten gesammelt und dann zu Fuß, mit dem Rad oder mit E-Fahrzeugen ausgeliefert werden.

  • Betriebliches Mobilitätsmanagement: Der Neckarbogen soll als Vorbild für die Stadt der kurzen Wege dienen. Das betriebliche Mobilitätsmanagement spielt bereits eine zentrale Rolle im Rahmen des Mobilitätspakts für den Wirtschaftsraum Heilbronn/Neckarsulm.

"Das sind nur die kommunalen Maßnahmen", fasste Oberbürgermeister Harry Mergel zusammen. Weitere Akteure seien aber in der Pflicht, allen voran die Autoindustrie. Fahrverbote scheue er nicht. "Aber ich halte sie für unsozial, weil sie auch jene treffen, die sich kein neues Auto leisten können."

Mehr zum Thema: Wie sind Diesel-Besitzer auf ein mögliches Fahrverbot vorbereitet?  

 

Diskussion

Eine Milliarde Euro an Fördergeld wurde im vergangenen Jahr beim sogenannten Dieselgipfel für die Städte in Aussicht gestellt. Mit zahlreichen Maßnahmen bewirbt sich Heilbronn nun um dieses Geld. Nach der Vorstellung des Masterplans kamen Stadträte, Vertreter der Umweltschutzverbände und andere Bürger mit der Stadtverwaltung ins Gespräch. So wurde angezweifelt, ob nicht manche Maßnahme wie die Bevorrechtigung des ÖPNV anderen Zielen wie der Verflüssigung des Verkehrs entgegenwirke. "Es gibt Zielkonflikte", bestätigte Christiane Ehrhardt (Amt für Straßenwesen). Wie sich das auswirke, sei offen.

Thomas Bergunde (Lokale Agenda) bemängelte, dass nicht zu erkennen sei, dass der Verkehr aus der Stadt herausgehalten werden soll. Jörn Janssen von SHP Ingenieure konkretisierte daraufhin, dass man durchaus einzelne Spuren wegnehmen wolle, wenn es gelingt, den Verkehr durch andere Maßnahmen zu verflüssigen. "Wir wollen nicht mehr Autofahrer in die Stadt locken."

Fabian Hüftle aus Neckarsulm regte an, die Preise für Bus und Bahn in der Stadt zu senken. Gerade für Menschen aus dem Umland gehe die Rechnung, dass ein Jahresticket günstiger sei als die Unterhaltung eines Autos, nicht auf. "Viele Leute können nicht aufs Auto verzichten. Sie aber muss man dazu bringen, auf den Bus umzusteigen." 

 

 "Alle unzufrieden?"
Ein Kommentar von Christian Gleichauf

Wie bewertet man einen Masterplan, der dem Druck geschuldet ist, Fahrverbote zu vermeiden?

Man könnte es wie Hamburg machen. Dort wurden zwei Straßen für die Diesel bis Euro V gesperrt. In Heilbronn würde es reichen, die Durchfahrt auf der Weinsberger Straße komplett zu verbieten. Die Stickoxid-Messstation bekäme dann kaum noch Abgase ab. Problem gelöst. Es wäre allerdings eine bewusste Fehlinterpretation der gesetzlichen Vorgaben.

Statt dessen gibt sich die Stadt entschlossen, das Thema grundsätzlich anzugehen - in dem Wissen, nicht innerhalb weniger Jahre das verändern zu können, was in vergangenen Jahrzehnten an Infrastruktur und Gewohnheiten entstanden ist. Länger als andernorts verfolgte man in Heilbronn das Ziel, "autogerechte Stadt" zu sein. Das verändert sich nun. Autofahrer bekommen das zu spüren - auch ohne Fahrverbote. Anderen geht es wie immer nicht schnell genug. Von daher können vielleicht alle gleichermaßen unzufrieden oder zufrieden sein mit diesem Masterplan.

Dessen Vorhabenliste ist lang, schließlich geht es um Fördergelder. Aber er beschleunigt anstehende Entwicklungen wie die Digitalisierung. Er setzt die Reaktivierung der alten Zabergäubahn als Stadtbahnstrecke endlich auf die Tagesordnung auch in Stuttgart und Berlin. Es ist sogar Zukunftsmusik drin. Sollte mit einem City-Logistik-Konzept wirklich der Lieferverkehr reduziert werden können, hätte die ganze Stickoxiddiskussion sogar ein richtig tolles Projekt befördert.

 

 


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