Zwischen Atomkraft und Wein: Wie das GKN Neckarwestheim geprägt hat
Forschungsgruppe aus Tübingen zeigt auf, wie sich Gemeinde und Haltung der Bürger durchs Leben bei und mit dem Gemeinschaftskraftwerk Neckar (GKN) entwickelt haben. Das Dorf Neckarwestheim wurde urban. Kraftwerkbetreiber schafften durch Beziehungsarbeit Identifikationspotenzial.

Die rund 350 Seiten wiegen gefühlt ein Kilo. Der durchdacht „Alltag. Konflikt. Wandel. In Nachbarschaft zum Kernkraftwerk“ betitelte Band zum AKW in Neckarwestheim ist zwar gewichtig, aber trotz wissenschaftlichen Hintergrunds und Form keine schwere Kost für nicht-akademische Leser. Vorgelegt hat ihn 2024 ein Lehrforschungsprojektteam des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen unter der Leitung von Dr. Karin Bürkert. Die Lektüre empfiehlt sich allen, die wissen wollen, wie sehr die Ansiedlung des Gemeinschaftskraftwerks Neckar (GKN) die kleine Kommune geprägt hat. Im Mai können Interessierte die Forschungsergebnisse vor Ort kennenlernen: in einem Pop-Up-Museum des Landesmuseums.
Weindorf und Atomdorf zugleich
Wer sich von der Lektüre nicht durch ein paar in der Einleitung erklärte sozialwissenschaftliche Begrifflichkeiten abhalten lässt, erfährt von den Autoren – zu denen neben den Studierenden aus der Projektgruppe unter anderem auch die Neckarwestheimer Gemeindearchivarin Brigitte Popper zählt – einiges: etwa von der 900-jährigen Geschichte des Orts und seiner rasanten baulichen Entwicklung ab den 1970er Jahren aufgrund der GKN-Ansiedlung. Oder über die Strategie der Verwaltung, das Spannungsfeld Atomkraft und Weindorf unter einen Hut zu bringen, selbst bei der Gestaltung des Logos zum 900sten Gemeindejubiläum 2023 – während im selben Jahr das GKN als letzter Atommeiler in Deutschland vom Netz ging. Die Studie beleuchtet die kulturelle Dynamik zwischen Dorf und Kernkraftwerk ebenso wie die Sicht der Jugend sowie älterer Einwohner auf ihren Wohnort. Sie befasst sich mit der Rolle von Neckarwestheims Gaststätten und den aktuellen Herausforderungen von Lokalbetreibern im ländlichen Raum, mit den GKN-Mitarbeitern „zwischen Disziplin, Stolz und Frust“, und sie widmet ein Kapitel der Protestbewegung. Wie dieses weisen auch die Teile zum „Umgang mit dem nuklearen Erbe in Baden-Württemberg“ und zur „Volkskultur als Ressource im grenzübergreifenden Widerstand gegen Atomkraft und Umweltzerstörung“ weit über die 4200-Seelen-Gemeinde hinaus und stellen das Thema Atomkraft in einen zum Teil internationalen Zusammenhang.

Spannend ist zunächst, wie das Dorf aufgrund der GKN-Ansiedlung nicht nur gewachsen ist, sondern auch urbanisiert wurde. Gebäude, die heute wohl unter Denkmalschutz stünden, wurden etwa am alten Kelterplatz abgerissen zugunsten von einem neuen Marktplatz mit Rathausgebäude, das sich gestalterisch zwar in die dörfliche Bebauung einfügen sollte, das Ortsbild aber schon durch seine schiere Größe urbaner wirken ließ. Auch hat sich die Ortsmitte „nicht so entfaltet, wie man es sich bei der Planung des Marktplatzes mit Visionen von belebten Geschäften ausgemalt hatte“.

Darstellung von Wohlstand und Statud
Aber, arbeitet Johannes Alt in seinem Kapitel zur baulichen Entwicklung heraus: Man habe mit den Bauprojekten in Neckarwestheim nicht nur die Lebensqualität der Bewohner steigern und sie an den hohen Rücklagen durch das Kraftwerk beteiligen wollen. Es ging „auch um die Darstellung des Wohlstands und Status der Gemeinde.“ Bestes Beispiel hierfür ist die 18 Millionen Euro teure, 2012 eingeweihte Reblandhalle, die von der Größe her im Landkreis nur mit der Harmonie in Heilbronn vergleichbar ist.

Die meisten Bürger identifizieren sich mit ihrem Ort
Aber nicht nur, weil die Bürger wirtschaftlich vom GKN stark profitierten, finden sich unter Neckarwestheimern jeglichen Alters nur wenige sich offen äußernde Atomkraftgegner. Die Betreiber fuhren auch geschickte Strategien sowohl „zur Information, aber auch zur Aktivierung einer emotionalen Beziehung zwischen den Menschen der näheren Umgebung und dem Unternehmen“, wie Karin Bürkert darstellt. Die vertrauensbildenden Maßnahmen wurden zwar ab 2011 spärlicher, wirken aber bis heute nach. Bis heute herrscht eine eher kritische Außensicht auf das „Atomdorf“ vor, während sich die meisten Bewohner mit ihrem Ort identifizieren.
Zur Debatte um die Atompolitik bezieht der AKW-Band der Tübinger Gruppe keine Stellung. Er zeigt aber interessante und spannende Aspekte auf, die den Leser bei der Bildung einer differenzierten Meinung unterstützen können. Das Werk wiegt übrigens nur knapp 800 Gramm und ist unter anderem online auf der Seite www.ekw-verlag.de bestellbar.

Pop-Up-Museum KERNgeschichten
Von Donnerstag, 15. Mai, bis Sonntag, 15. Juni werden die Forschungsergebnisse in einer Ausstellung in Neckarwestheim präsentiert. Das Pop-Up-Museum wird jeweils von Donnerstag bis Sonntag geöffnet sein, informiert Ulrike Reimann vom Landesmuseum Württemberg. Allerdings seien momentan die Öffnungszeiten noch offen, ebenso die Räumlichkeit. Das Ausstellungsteam sei noch in den letzten Abstimmungsgesprächen mit der Gemeinde.
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