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Sport und Inklusion
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Wo Menschen mit Behinderung gerne Sport treiben

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Der Runder Tisch "Sport und Inklusion" plant im Vorfeld der Special-Olympics-Landesspiele im Juli 2025 ein Label für Sportvereine. Ende September gibt es einen Testlauf im Sportbad in Neckarsulm. Publikum ist willkommen.

Wer Inklusion im Sport ernst nimmt, muss auch bereit sein, sich ins gemeinsame (Drachen-)Boot zu setzen. Die BSG Neckarsulm begrüßt Menschen mit und ohne Behinderung. Auch Ehrenamtliche sind dort willkommen.
Wer Inklusion im Sport ernst nimmt, muss auch bereit sein, sich ins gemeinsame (Drachen-)Boot zu setzen. Die BSG Neckarsulm begrüßt Menschen mit und ohne Behinderung. Auch Ehrenamtliche sind dort willkommen.  Foto: BSG Neckarsulm

Die Paralympics, die Olympiade für Sportlerinnen und Sportler mit Körperbehinderung, sind vorbei. „Sie sind nicht nur ein Wettkampf der Spitzenklasse, sondern auch ein bedeutsames Symbol für Inklusion“, schreibt Harald Laue, Vizepräsident Behindertensport im Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband in der neuen Ausgabe des WBRS-Magazins „Aktuell“. Für die meisten Menschen mit Handicap aber geht es im Sport nicht um Leistung, sondern um Gemeinschaft und die Freude an der Bewegung. 

Special Olympics in Heilbronn werfen Schatten voraus

Von den Paralympics geht es daher schnell zu den Special Olympics, wo Sportler mit geistiger und teilweise auch mit geistiger und körperlicher Behinderung Zuhause sind. Heilbronn und Neckarsulm richten von 9. bis 12. Juli 2025 die Special-Olympics-Landesspiele als inklusives Sportfest mit und für Athleten mit geistiger und mehrfacher Beeinträchtigung aus ganz Baden-Württemberg aus.

Eine Bewährungsprobe haben die beiden Städte schon hinter sich: 2023, anlässlich der Special-Olympics-Weltspiele in Berlin, waren sie Gastgeber einer Delegation aus Chile. „Als solche durften wir an der Eröffnung in Berlin teilnehmen“, erzählt Irina Richter, Inklusionsbeauftragte der Stadt Heilbronn. Mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Olaf Scholz sei dort die erste Riege der deutschen Politik dabei gewesen: Richter wertet das als Indiz dafür, dass Behindertensport an Bedeutung gewinnt. Und doch habe Inklusion im Sport noch einen langen Weg vor sich, sagt sie.

„In Heilbronn haben wir sehr gute Strukturen. Auch als Mensch mit Behinderung kann man hier gut leben“, meint Richter und verweist auf 150 Selbsthilfe-Gruppen, den Rollstuhl-Sportverein, den es seit 1988 gibt, und bei dem Querschnittsgelähmte wie Fußgänger mitmachen können, oder eine Inklusionsgruppe der TG Böckingen, die jeden Dienstag ab 18 Uhr zusammenkommt.

Jutta Büttner und Heike Acker (von links) von der BSG Neckarsulm stehen hinter den knapp 220 Mitgliedern der behindertensportgruppe (BSG) Neckarsulm. Sie wissen, was Sportler mit Handicap brauchen.
Jutta Büttner und Heike Acker (von links) von der BSG Neckarsulm stehen hinter den knapp 220 Mitgliedern der behindertensportgruppe (BSG) Neckarsulm. Sie wissen, was Sportler mit Handicap brauchen.  Foto: Plapp-Schirmer, Ulrike

Sportvereine sollen zeigen, wie sie inklusiv arbeiten

Der Runde Tisch „Sport und Inklusion“ habe aber erst 2022, im Vorfeld der Weltspiele in Berlin, richtig an Fahrt aufgenommen. Im Vorfeld der Landesspiele 2025 wird er an Bedeutung gewinnen. Von Teilnehmern - Richter nennt hier die Namen Herbert Tabler als Vorsitzender der TG Böckingen und Christoph Troßbach als Vorsitzender des Sportverbands Heilbronn – sei ein „Inklusives Sportlabel“ angestoßen worden. „Da sind wir dran.“ Die Idee dahinter: Sportvereine, die inklusive Arbeit leisten, können mit diesem Label auf sich aufmerksam machen.

„Dabei geht es nicht nur um die Kennzeichnung“, sagt Richter: „Es wird auch geschaut, welche einzelnen Angebote es gibt. Nicht alle müssten barrierefrei sein, weil nicht alle Menschen mit Behinderung auf Barrierefreiheit angewiesen seien. Aber auch das sei Inklusion: Die Stadt achte bei Veranstaltungen, etwa dem Hochsprungmeeting in diesem Sommer, auf einen ausgewiesenen Bereiche für Rollstuhlfahrer, so Richter: „Bei größeren Veranstaltungen setzen wir Gebärdensprache ein, bei kleineren kann sie beantragt werden.“

Behindertensportgruppe (BSG) trainiert jetzt in Neckarsulm 

Ganz wichtig, wenn es um Sport und Inklusion geht, ist für Irina Richter die Frage, wie  Sportler mit Handicap zum Training kommen. Das beschäftigt auch Heike Acker. Die Vorsitzende der Behindertensportgruppe (BSG) Neckarsulm, dem einzigen inklusiven Sportverein in der Region Heilbronn-Hohenlohe, wünscht sich mehr Sportstätten mit guter ÖPNV-Anbindung. Die Basketballer trainieren nach den Sommerferien nicht mehr in der Lindenparkschule in Heilbronn, sondern in der Hezenberghalle in Neckarsulm. Optimal: Die Halle ist nur vier Minuten von der Stadtbahnhaltestelle entfernt.

Die BSG gibt einzelnen Sportlern Fahrtraining – oder kümmert sich um ehrenamtliche Begleitpersonen aus dem Verein, die die Sportler abholen. Sie bildet aber auch Menschen mit Behinderung zu Übungsleiterassistenten aus. „Im Basketball haben wir einen Sportler, der für das Aufwärmtraining zuständig ist und dafür, dass am Ende die Umkleiden leer und die Fenster zu sind“, erzählt BSG-Mitglied Jutta Büttner. Und dann fügt sie hinzu: „Menschen mit Behinderung brauchen einen Sportverein, der das alles bietet.“

Vielfalt wird im Neckarsulmer Behindertensport groß geschrieben

Neun Sportarten – von Fußball über Boccia bis zu Tanz – werden bei der BSG derzeit trainiert, Infos dazu gibt es unter www.bsg-neckarsulm.de. „In der Leichtathletik erzielen wir sehr gute Ergebnisse“, sagt Acker. Erfolgreich ist die BSG auch mit ihren Unified-Teams, also gemischten Teams, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammen spielen und Spaß haben.

Beim Thema „Inklusion“ geht die BSG Neckarsulm mit seinen knapp 220 Mitgliedern bewusst ihren eigenen Weg: Nicht Menschen mit Behinderung werden hier integriert, sondern Menschen ohne Behinderung. „Wir wollen einen wertschätzenden Sport in einem geschützten Raum“, sagt Jutta Büttner. „Jeder ist bei uns herzlich willkommen“, betont Heike Acker.

Am 15. September haben die BSG-Fußballer in Stuttgart ihr erstes Spiel in der Unified-Liga. Bis sie nach vielen Sportstättenwechseln bei der TSG Heilbronn inzwischen einen festen Platz bekommen haben, „war es ein richtig steiniger Weg“, betont Heike Acker. „Wir trainieren dort hinter den Wertwiesen und haben das Gefühl, dass wir erwünscht sind.“ „Wir haben einen richtigen Vertrag“, fügt Jutta Büttner an: „Das macht uns glücklich.“

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