Von der Neckartalschule in Heilbronn bis zum Abi: Lina Yelda trotzt allen Hürden
Den höchsten Bildungsabschluss frisch in der Tasche: Lina Yelda aus der Region Heilbronn will jetzt Medizin oder Jura studieren – nach einem außergewöhnlichen Bildungsweg vom SBBZ bis zum Abi.

Lina Yeldas Geschichte ist der Stoff, aus dem Filme sind. Eine Geschichte von Selbstfindung, viel Energie und einer enormen Integrationsleistung. Da ist ein eher stilles Mädchen, das in der dritten Klasse von der Grundschule ins sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) kommt, in eine Förderschule. Warum, und was das für die Zukunft bedeutet, das versteht damals wohl niemand aus ihrer Flüchtlingsfamilie ganz genau, so erzählt sie es.
Ein Mädchen, dessen Eltern aus dem Irak anfangs wenig bis kein Deutsch verstehen, kaum Unterstützung bieten können und viele andere Sorgen haben. Das kämpft und hadert, mit den Anforderungen in der Schule, speziell mit Mathe, mit der traditionellen Erwartung, jung zu heiraten, und mit ihren eigenen Zielen und Träumen. Und das auch nach herben Rückschlägen auf ihrem wechselnden Weg immer wieder aufsteht und weitermacht. Ein Mädchen, das nebenher auf 450-Euro-Basis im Krankenhaus arbeitet, um etwas Geld zur Verfügung zu haben. Nachtschichten inklusive.
Lina Yelda hat Schutzengel gefunden, die ihr den Rücken stärken
Wie es ihr heute geht? „Sehr gut.“ Lina Yelda lächelt, und in ihren Wangen bilden sich tiefe Grübchen. Ihr Abitur hat sie frisch in der Tasche. Was für ein Kraftakt das war, das ist für Außenstehende kaum vorstellbar. Jetzt will sie Medizin studieren. Oder Jura. An zwei Unis hat sie sich dafür schon immatrikuliert. Derzeit hofft sie auf eine Zusage und lernt parallel dazu auf den Medizinertest.
Lina Yelda hatte zwar denkbar ungünstige Voraussetzungen, um durchzustarten, aber sie hat es auch geschafft, Menschen von sich zu überzeugen. Sie hat Schutzengel gefunden, die ihr den Rücken stärken. Susanne Kugel, Schulleiterin der Neckartalschule, ihre Stellvertreterin Tanja Heuver, Klassenlehrerin Marline Schütt. „Der allergrößte Preis gebührt eigentlich Lina“, hat Susanne Kugel jüngst zu Dieter Arweiler gesagt, der die Andreas-Schneider-Schule leitet. Dort saß sie gerührt und stolz bei der Abiturfeier ihres Schützlings. „In den 16 Jahren, in denen ich an der Neckartalschule bin, ist das die erste Schülerin, die Abi macht“, sagt sie.
Susanne Kugel und ihre Kolleginnen haben ihren Werdegang begleitet, haben viele Gespräche geführt und tun das immer noch. „Dieses Nachschulische, das war sehr wichtig. Kinder wie Lina haben nicht das soziale Kapital, nicht die Kontakte, auf die sie zurückgreifen können, wie andere. Ganz besonders, wenn sie aus alten Rollen ausbrechen.“
Die Rückführung an eine Regelschule ist einst gescheitert
In der sechsten Klasse hatten die Pädagoginnen versucht, das Mädchen zurück in eine Regelschule einzufädeln. Damals hatte Lina Yelda sich mit Fragen zu ihrer aktuellen Lektüre an die Lehrerinnen gewandt: Es stellte sich heraus, dass es Goethes Faust war. „Was macht dieses Kind bei uns?“, fragten sie sich. Doch die Rückführung scheiterte, nicht am Fachlichen, sondern weil es schwer war, in der Klassengemeinschaft Fuß zu fassen. Lina Yelda war am Boden zerstört. „Ich dachte, meine einzige Chance ist vorbei.“
Zurück im SBBZ zu sein, mit hängenden Flügeln, „das war die Hölle“, erinnert sie sich. Ob sie wütend war? „Bin ich immer noch.“ Gleichzeitig blickt sie versöhnlich zurück: „Ich wünsche mir nicht, dass es anders gewesen wäre. Es war Teil meiner Entwicklung.“ Denn sie schätzt, wie aufgehoben sie sich hier fühlt, und dass niemand lacht, wenn sie sagt, dass sie später studieren will. Auf einem Foto von 2018 hält sie eine Tafel hoch. „Traumberuf: Chirurgin“, steht darauf.
Doch die Selbstzweifel und der Zorn auf die Welt nagen an ihr, sie bittet um Einblick ins pädagogisch-psychologische Gutachten, das sie einst ins SBBZ gebracht hat, sucht Wahrheiten. Dass sie staatenlos, gefühlt ohne Identität ist, macht sie dünnhäutig.
Als Dr. Bruno Fergen von der Paul-Kleinknecht-Stiftung an die Neckartalschule herantritt, weil er junge Menschen sucht, die Unterstützung brauchen, bekommt ihre Schutzengel-Riege Verstärkung. Es gibt Hilfe, als sie in Corona-Zeiten nur am Handy Aufgaben machen kann, weil Laptop und Drucker fehlen. Die Stiftung sponsert den Führerschein und die Mitgliedschaft im Fitness-Studio, weil ihr ein Hobby wichtig ist. Undenkbare Projekte ohne finanzielle Förderung.
Sie war Schülersprecherin der Andreas-Schneider-Schule
Lina Yelda kämpft sich durch Haupt- und Realschulprüfung, auch wenn sie im SBBZ so gut wie kein Englisch hatte. Sie wird Schülersprecherin der Andreas-Schneider-Schule und zweite Vorsitzende des Fördervereins der Neckartalschule „weil ich etwas zurückgeben wollte“. Als sie dort beim Sommerfest eine Dankesrede hält, rührt sie nicht nur das Lehrerkollegium zu Tränen. Und als die junge Powerfrau nach drei Jahren und langem Kampf endlich ihren lang ersehnten deutschen Pass bekommt, steht Susanne Kugel bereit: mit einem Säckchen Kartoffeln. Ihre Tür ist weiter offen, sie glaubt an Lina Yelda: „Sie ist sehr stark, und ihr Temperament treibt sie an.“
Die Neckartalschule ist ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum für Kinder, die am Lernen gehindert sind, etwa durch Armut und prekäre Lebensverhältnisse.
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