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Personalmangel bei den Kommunen

Wie die Lage in der Region Heilbronn aussieht, und welche Auswirkungen der Bürger spüren könnte

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Bürgermeister aus der Region Heilbronn wollen nicht schwarzmalen. Aber: Personal ist schwierig zu gewinnen, und die Rentenwelle wird auch die Städte und Gemeinden treffen. 

Stapeln sich Aktenberger immer höher und höher, weil immer mehr Personal in den Kommunen fehlt? Der Fachkräftemangel und die zu erwartende Rentenwelle sind ein Thema, schwarzmalen wollen Städte und Gemeinden jedoch nicht.
Stapeln sich Aktenberger immer höher und höher, weil immer mehr Personal in den Kommunen fehlt? Der Fachkräftemangel und die zu erwartende Rentenwelle sind ein Thema, schwarzmalen wollen Städte und Gemeinden jedoch nicht.  Foto: nansabon

Der Fachkräftemangel ist in aller Munde, und er macht sich bereits in vielen Bereichen des Lebens bemerkbar – in der Gastronomie, im Handwerk, im Gesundheitswesen. So hat jüngst der Städte- und Gemeindebund vor einem Kollaps der öffentlichen Verwaltung gewarnt. Aktuell seien schon 100.000 Stellen in den Kommunen unbesetzt. Die Situation werde sich weiter verschärfen in den kommenden Jahren durch die Ruhestandwelle. Wie sehen das Bürgermeister aus der Region?

„Der Fachkräftemangel ist nicht wegzudiskutieren“, sagt Andreas Vierling. „Wir stehen im Wettstreit mit den besten Köpfen der Unternehmen in der Region“, stellt der Untergruppenbacher Bürgermeister fest. Viele Kommunen würden um die gleichen Fachkräfte im sozialen und technischen Bereich konkurrieren, führt Vanessa Heitz, Pressesprecherin der Stadt Eppingen an.

Sozialpädagogischer Bereich bereitet die meisten Sorgen

Derzeit sehe es aber relativ gut aus, meint Vierling, was Stellenbesetzungen und Vakanzen betrifft. Rund 200 Mitarbeiter hat die Kommune, davon sind es etwa 30 im Rathaus. Es sei schwierig Personal, zu finden, vor allem im sozialpädagogischen Bereich, berichtet Tilo Schilling, Leiter des Personal- und Organisationsamts der Stadt Heilbronn, die rund 3500 Menschen beschäftigt und aktuell etwa 250 vakante Stellen hat. Aber: Schilling beobachtet, dass sich derzeit die Bewerberlage im Verwaltungsbereich etwas bessert. Das deckt sich mit dem Eindruck in Weinsberg: „Ich wundere mich trotz allem, dass wir ein gutes Bewerberfeld haben“, sagt Bürgermeisterin Birgit Hannemann. Für eine Nachbesetzung in ihrem Vorzimmer beispielsweise gingen mehr als 30 Bewerbungen ein. „Man merkt, dass es der Wirtschaft schlechter geht“, führt sie als einen Grund an. 

„Klar gibt es eine Pensionswelle“, ist Vierling bewusst, dass die Babyboomer nach und nach in den Ruhestand gehen. Dennoch will er nicht zu sehr schwarz malen. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz könnte gewisse positive Effekte haben, „aber die Bearbeitung eines Bauantrags können Sie nicht die KI machen lassen.“ Vierling ist sich im Klaren, wenn Aufgaben personell und finanziell nicht mehr machbar seien, müssten Leistungen zurückgefahren werden.

Eine Devise: Mit Weitsicht Stellen besetzen

„Die Rentenwelle wird uns alle treffen“, sagt auch Hannemann. Schilling spricht für Heilbronn von etwa 300 Altersabgängen bis 2030 und noch einmal 250 bis zum Jahr 2025. Man müsse auch mit Weitsicht Stellen besetzen, meint deshalb Hannemann. Sie nennt das Beispiel eines Studenten, der ein Praktikum machte und den der Gemeindeverwaltungsverband Raum Weinsberg eingestellt hat. Sie hofft, dass die Entscheidungsgremien, Verbandsversammlung und Gemeinderat, ebenfalls perspektivisch denken.  

Ausfälle und Lücken machten sich natürlich bemerkbar. „Der Personalmangel geht 1:1 durch zum Bürger“, so die Weinsberger Stadtchefin. Es könnten nur so viele Termine etwa im Bürgerbüro vergeben werden, wie abgearbeitet werden könnten. Bei der Kinderbetreuung müsse der Personalschlüssel erfüllt werden, sonst drohten eingeschränkte Öffnungszeiten. Man tue, was man könne, dass mögliche zeitweilige Leistungseinschränkungen in einzelnen Bereichen sich nicht bei den Kunden bemerkbar machen, schildert Schilling das Bemühen der Stadt Heilbronn. Wenn die Qualifizierung es erlaube, werde Personal umgeschichtet, Aufgaben priorisiert.

Digitalisierung entlastet Verwaltungsapparat

„Die kommunale Daseinsvorsorge wird stets gewährleistet sein“, verspricht Vanessa Heitz für Eppingen. Es gelte, weiterhin Prozesse zu optimieren und Arbeitslasten zu reduzieren. „Das ist uns mit der Digitalisierungsstrategie bisher gut gelungen“ – noch ohne KI. Inzwischen können in Eppingen rund 90 Anträge und Prozesse digital erledigt werden – in Heilbronn sind es 1300 Onlinedienste –  Dienstleistungen, die der Bürger unabhängig von Ort und Zeit nutzen könne. Das entlaste den Verwaltungsapparat in der Aufgabenmenge und bei Personalengpässen. 

Weinsbergs Bürgermeisterin Hannemann ist bewusst, dass unbesetzte Stellen von den vorhandenen Mitarbeitern aufgefangen werden müssen. „Das wirkt sich auf die Gesundheit und die Arbeitsmoral aus.“ Kommunen seien in Anerkennung der Leistungen und Herausforderungen der Beschäftigten bis an die Grenzen der Belastbarkeit gegangen, äußert dazu Eppingens Pressesprecherin Heitz.

Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, André Berghegger, hatte gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe die Befürchtung geäußert, dass fehlendes Personal im öffentlichen Dienst die Daseinsvorsorge an den Rand des Zusammenbruchs bringen könnte. Laut Bundes-Innenministerium waren 2023 rund 5,3 Millionen Menschen bei Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungsträgern beschäftigt. 33 Prozent davon, etwa 1,75 Millionen, waren bei den Kommunen tätig. Rund eine halbe Million der bei Städten und Gemeinden Tätigen gingen in den kommenden zehn Jahren in Ruhestand, so  Berghegger weiter. Damit würden bis 2030 rund 230.000 Mitarbeiter fehlen.

Zur Personalgewinnung unternehmen die Kommunen zum Teil sehr viel. Beispiel Eppingen: flexible Arbeitszeitgestaltung, Betriebsrente oder Altersversorgung, Zuschuss zu Fahrten mit dem Öffentlichen Personennahverkehr, Jobrad und Vergünstigungen bei VHS-Kursen. Zur fachlichen Weiterbildung, so Pressesprecherin Vanessa Heitz, würden Kurse über eine Online-Lernplattform gefördert. „Unsere Maßnahmen zeigen Wirkung“, meint Heilbronns Personalamtsleiter Tilo Schilling und verweist auf die Auszeichnung, zu den Top ein Prozent der Arbeitgeber bundesweit branchenübergreifend zu gehören.

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