Wengerter wollen trotz Krise Kopf nicht in den Sand stecken
Mitgliederversammlung des Weinbauverbandes Württemberg: Prominente Redner versuchen den Wengertern Mut zu machen. Diese schlagen vor allem beim Mindestlohn Alarm.

So ziemlich alles, was Wengerter in diesen Krisenzeiten umtreibt, wurde dieser Tage bei der Mitgliederversammlung des Weinbauverbandes Württemberg in Weinsberg angeschnitten. Landesagrarminister Peter Hauk (CDU) appellierte an Schwaben und Badener, wieder mehr heimischen Wein zu trinken – und so zum Erhalt der teils bedrohten Reblandschaft beizutragen.
Mit Blick auf immer mehr verwilderte Anlagen kündigte er strenge Kontrollen und zur Not Strafen an, aber auch ein Programm zur kontrollierten Neuordnung. Neben etablierten Fördertöpfen wie etwa jährlich 5000 Euro pro Hektar für Terrassenlagen gebe es bald 1000 Euro für Steillagen über 30 Prozent Hangneigung. 3000 Euro pro Hektar für die Rotationsbrache, bei der die Pflanzrechte erst nach Jahren verfallen, würden derzeit beim Bund noch geprüft. Insgesamt erhofft sich Minister Hauk durch die neue Bundesregierung, aber auch von so manchem Landratsamt, „einen Wandel von der Bedenkenkultur zur Ermöglichungskultur“.
Wer seinen Wengert nicht richtig pflegt, wird bestraft
„Wir brauchen die Hilfe der Politik, ohne sie bekommen wir die Probleme nicht in Griff“, betonte der neue Württemberger Weinbaupräsident Dietrich Rembold, der wie Hauk einen Bürokratieabbau forderte und das Brachenproblem anmahnte. Einen erhöhten Mindestlohn für Deutsche, „die das Geld ganz einfach brauchen“, würden die Wengerter akzeptieren, für Saisonhelfer aber, die das Geld ins Ausland trügen? Das würde sie „verzweifeln“ und manchen Anbauer – bei bei Spargel und Erdbeeren – aufgeben lassen. Für Sonderkulturen forderte Rembold deshalb einen Sonderweg.
Aber auch intern „legen wir die Hände nicht in den Schoß“, etwa im Weintourismus oder in der Profilierung bestimmter, marktgerechter Weinprofile, die man in einem Gemeinschaftsprojekt über Kundenanalysen, aber auch über KI generieren wolle. Nicht zuletzt strebe man Kooperationen des mit anderen Verbänden an.
Deutscher Weinbaupräsident Schneider zu aktuellen Themen aus der EU- und Bundespolitik
Breiten Raum nahm der Impulsvortrag des Deutschen Weinbaupräsident Klaus Schneider zu aktuellen Themen aus der Europa- und Bundespolitik ein, wobei er zur aktuellen Spitzmittel-Studie zunächst nichts sagen wollte. Mit dem demographischen Wandel, aber auch wegen der Multi-Krisen sinke der Weinkonsum wohl weiter, „derzeit leider einseitig bei heimischem Wein“. Gleichzeitig kritisierte er das von Interessengruppen diktierte „Alkohol-Bashing“, die Branche setze doch längst auf „Wine in Moderation“. Weiter forderte Schneider beim Mindestlohn „saubere, nicht vom Prüfer abhängige Regeln“. Mehrmals appellierte er, „den Kopf nicht in den Sand“ zu stecken und neue Chancen zu nutzen: etwa mit alkoholfreien Produkten oder mit Sektgrundwein für Großkellereien.
Anpassungen an Markt und Klima als Herausforderungen
Schneider tippte auch die neue, aus einer „High Level Group“ erwachsene EU-Politik an: Bei der Anpassung des Produktionspotenzials ist er gegen nationale Destillationen und gegen Rodungsprämien. Er bevorzuge die Rotation mit Wiesen plus eingeschränkter Pflanzrechte, der Erhalt der landwirtschaftlichen Nutzung sei wichtig. Weiter gehe es in dem dicken Paket um mehr Resilienz gegen Markt- und Klimaveränderungen und um die Anpassung an Trends.
Viel Potenzial im Weintourismus – Bald Neues an Weinradwegen
Jährlich reisen 50 Millionen Menschen primär wegen des Weins in deutsche Anbauregionen. Sie geben dort 5,5 Milliarden Euro aus. Davon können 86 000 Menschen leben. Laut Sonja Kocher von der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) halten 92 Prozent der Deutschen das Ländle geeignet für Weintourismus. Wichtig sind ihnen Weinproben, Unterkünfte, Führungen, Feste, Architektur, Vinotheken, Weinerlebnisse, Wohnmobilplätze, nicht zuletzt Radwege, wo es bald Neuerungen gebe, wie Kocher bei der Versammlung es Weinbauverbandes ankündigte.
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