Johanna Dautermann (33) ist Psychologin und leitet die Psychologische Familien- und Lebensberatung der Caritas Heilbronn-Hohenlohe. Seit neun Jahren begleitet sie dort Menschen in unterschiedlichen Lebens- und Problemsituationen. Die Adventszeit und die Feiertage sind für sie eine ganz besondere Zeit im Jahr.
Stressfreies Weihnachten – wie wir Erwartungen loslassen und zur Ruhe kommen
Perfekte Deko, Harmonie, gutes Essen: Weihnachten ist mit hohen Erwartungen verbunden. Psychologin Johanna Dautermann erklärt, warum genau das Stress erzeugt und wie kleine Veränderungen zu mehr Gelassenheit führen können.
Kerzen, Plätzchenduft und Lichterglanz – eigentlich soll die Weihnachtszeit entschleunigen. Trotzdem fühlt sie sich für viele eher nach To-do-Liste als nach Besinnlichkeit an.
Wie es gelingt, zwischen Geschenkeinkauf, Familienbesuchen und Jahresendstress gelassener zu bleiben, erklärt Johanna Dautermann im Interview. Sie ist Psychologin und leitet die Psychologische Familien- und Lebensberatung der Caritas Heilbronn-Hohenlohe.

Ganz ehrlich: Haben Sie selbst schon alle Geschenke zusammen – oder wird’s bei Ihnen auch manchmal last minute?
Johanna Dautermann: Da haben Sie mich direkt ertappt (lacht). In diesem Jahr hinke ich tatsächlich etwas hinterher. Sonst ist das bei mir ganz unterschiedlich und auch von Person zu Person. Für manche begegnet mir schon etwas im Laufe des Jahres, was ich dann direkt mitnehme und zur Seite lege, dann muss ich an Weihnachten nur wieder daran denken. Für manche fällt mir erst bei dem Gang durch die Stadt etwas ein oder manchmal auch gar nichts.
Wie entlastet eine frühe Geschenkeliste mental?
Dautermann: Bei mir selbst stelle ich fest, dass ich weniger last minute auf Geschenkesuche bin, wenn ich mich bereits vor der Adventszeit kümmere oder zumindest eine Liste mache, wem ich etwas schenken möchte und was es sein könnte. Denn im Dezember steht so viel anderes an, sowohl privat als auch der Jahresabschluss bei der Arbeit, dass ich nicht mehr so viel Beschenkungskapazität in meinem Kopf frei habe. Das kann dann schon sein, dass mir plötzlich einfällt, oh je, für diese Person habe ich noch nichts besorgt.
Weihnachtszeit zwischen Stress und Besinnlichkeit: Warum uns das Loslassen so schwerfällt
Was kann Abhilfe schaffen?
Dautermann: Mit manchen Personen habe ich bewusst seit einigen Jahren verabredet, dass wir uns nichts mehr schenken, auch um eben keinen Stress entstehen zu lassen, weil man noch unbedingt etwas finden muss und das noch innerhalb eines bestimmten Budgets. Stattdessen verabreden wir lieber, uns füreinander Zeit zu nehmen und das im Laufe des Jahres, statt in der eh schon verdichteten Weihnachtszeit. Also Zeitgeschenke, denn die sind mindestens genauso wertvoll.
An der Stelle möchte ich auch sagen, dass es ja gar nicht selbstverständlich ist, sich wegen dem Besorgen von Geschenken Stress machen zu dürfen. Wie privilegiert. Viele Menschen können gar nicht entscheiden, wie viel sie ausgeben können oder wollen oder ob es Ihnen überhaupt möglich ist, etwas zu schenken.
Viele wünschen sich eine entspannte Weihnachtszeit – warum fällt uns das trotzdem oft so schwer?
Dautermann: Ich denke, das liegt daran, dass aufgrund unserer Traditionen Weihnachten immer noch etwas ganz Besonderes für uns ist – was ich auch ganz wunderbar und erhaltenswert finde. Wir wollen es schön haben, in unserem Zuhause, im Miteinander, leckeres Essen, …. Dadurch sind mit Weihnachten hohe Erwartungen verknüpft, vielleicht sogar idealistisch gesteckt, sodass diese kaum zu erfüllen sind.
Außerdem kommt dazu, dass wir die ganze Adventszeit in vollen Zügen auskosten wollen, also möglichst viele Weihnachtsmärkte erkunden, auf allen Adventsfeiern dabei sein, mit den Freunden feiern, der Nikolaus kommt, … . „Nebenher“ läuft trotzdem noch das „normale“ Leben, was uns schon so manchmal herausfordert. Und haben Sie schon einmal versucht, sich mit aller Kraft zu entspannen – das macht meist unentspannter, als es so kommen zu lassen, wie es eben kommt. Und das fällt uns vermutlich doch oft schwer, weil wir uns, wie oben benannt, ja eben doch das Fest auf eine bestimmte Weise vorstellen.

Hohe Erwartungen und volle Kalender: Warum Weihnachten oft zur Belastung wird
Was ist aus Ihrer Erfahrung der einfachste Hebel, um in der Adventszeit sofort etwas mehr Ruhe reinzubringen?
Dautermann: Das ist sicherlich für jede Person etwas anderes. Grundsätzlich gilt: Das was mir sonst gut tut, wird mir jetzt auch gut tun. Gerade in Zeiten, in denen viel stattfindet, neigen wir dazu, genau diese Dinge hintenan zu stellen.
Konkret auf die Adventszeit bezogen, frage ich mich dann, was hat mich im letzten Jahr so gestresst oder herausgefordert. Wenn es die Geschenke gewesen sind, plane ich mir das Besorgen früher ein und das tatsächlich im Kalender. Mir persönlich tut es gut, rechtzeitig zu planen und zu notieren, was noch offen ist. Da ist aber jeder anders.
Im Hier und Jetzt frage ich mich, was genau bringt mich gerade aus der Ruhe? Kann ich daran etwas verändern? Wenn keine Veränderung möglich ist, lohnt es sich zu überlegen, wann und wo kann ich zur Ruhe kommen. Was brauche ich dazu? Nicht so einfach, aber hilfreich: Erwartungen anpassen. Und das bedeutet, bei mir selbst anzufangen.
Wie schafft man es, die eigenen Erwartungen an das „perfekte Weihnachten“ etwas zu lockern – ohne dass gleich die Stimmung kippt?
Dautermann: Die Frage könnte sein: Was genau ist für mich das Wichtige an genau dieser Erwartung. Ist es etwas, zu dem ich tatsächlich aktiv etwas beitragen kann? Denn das interessante ist ja, je mehr man versucht, etwas Bestimmtes zu erzeugen, desto weniger kann es leicht und locker entstehen.
Viele werden das Pareto-Prinzip kennen: 80 Prozent des Ergebnisses werden mit 20 Prozent des Aufwandes erreicht. Die letzten 20 Prozent zu den perfekten 100 Prozent sind also die anstrengendsten. Also vielleicht muss nicht alles perfekt sein, um ein wunderschönes Fest miteinander zu verbringen.
Der Druck macht ja was mit einem, oder?
Dautermann: Genau, je verbissener wir etwas versuchen zu erreichen, desto angespannter werden wir und unsere Selbstregulationskompetenz nimmt ab. Es gibt vielleicht eine Meinungsverschiedenheit, mit der wir im Alltag unaufgeregt schaffen umzugehen, aber an Weihnachten stört diese, da sie nicht in das perfekte Weihnachten passt und zudem haben wir auch noch weniger Ressourcen zur Verfügung, um damit umzugehen.
Also lieber davon ausgehen, dass nicht alles perfekt läuft – so entstehen viel wahrscheinlicher ganz echte Momente der Verbundenheit und Freude – und stattdessen überlegen:
Wie könnte ich freundlich mit mir – und vielleicht auch mit anderen – umgehen, wenn etwas anders abläuft als geplant oder gewünscht?
Gibt es ein kleines Ritual oder einen Gedanken, der Menschen hilft, Weihnachten wieder mehr zu genießen?
Dautermann: Ich vermute nun einfach mal, dass es schon noch einige Momente während der Feiertage gibt, die viele Menschen genießen oder die genießbar wären. Gerade die vielen kleinen Rituale, die sich seit Jahren, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten etabliert haben, tragen genau dazu bei. Diese ganz bewusst wahrzunehmen, kann vielleicht einen Unterschied machen. Statt den Fokus auf das zu legen, was „mal wieder“ nicht klappt oder die schlechte Stimmung meines Familienmitglieds und stattdessen hinzusehen, wo die kleinen Momente liegen.
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