Stimme+
Vogelkunde
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Wanderfalken auf Heilbronner Silo: Jungvögel in 60 Metern Höhe beringt

   | 
Lesezeit  4 Min
Erfolgreich kopiert!

Der Wanderfalken-Nachwuchs erhält Kennzeichnungsringe. Nach elf Jahren Flaute ist das Nest auf dem Heilbronner Beweka-Silo seit 2018 kontinuierlich bebrütet. Wie eine Vogelberingung in 60 Metern Höhe abläuft.

Von Mona Besemer

Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Zielstrebig läuft Dr. Michael Preusch, Landtagsabgeordneter und Mitglied der Vogelwarte Radolfzell, am Freitagmorgen die Außentreppe eines Silos im Industriegebiet Heilbronn in der Hafenstraße hinauf. Bis ganz nach oben, auf 60 Meter Höhe, geht es heute – ein Weg, den er schon oft hoch- und wieder runtergegangen ist. Das Geländer der Wendeltreppe ist verschmutzt, an einigen Stellen klebt Vogelkot, und auf zwei Stufen liegen mehrere Äste eines Vogelnests.

Einsatz auf 60-Meter-Silo in Heilbronn: Brut der Wanderfalken wird beringt

Ungewöhnlich ist dieser Anblick nicht, denn ganz oben auf dem Silo hat sich ein Wanderfalken-Brutpaar mit seinen Jungvögeln breitgemacht. Es dauert nicht lange, da hört man auch schon einen der zwei ausgewachsenen Vögel aufgeregt kreischen. Unruhig fliegt er in der Luft umher. Das Tier merkt: Heute ist etwas anders.

Michael Preusch ist regelmäßig hier oben. Im Frühjahr, besucht er die Jungvögel immer aus einem besonderen Grund: Im Auftrag der Vogelwarte Radolfzell beringt er die Brut der Wanderfalken. Seit seinem 18. Lebensjahr führt er das Ehrenamt aus und hat neben den Greifvögeln auch schon Uhus und Dohlen einen Ring an den Fuß geknipst.


Webcams auf Heilbronner Silo: Falken können beobachtet werden

Auf einem großen Metallgerüst, zwischen zwei von vier Silos, ist 2007 ein Nistkasten errichtet worden. Elf Jahre später hat erstmals ein Falkenpaar dort gebrütet. Inzwischen gibt es auch zwei Kameras zur Beobachtung der Vögel. Rund um die Uhr hat man so einen Blick auf das Nest in 60 Metern Höhe. „Es gibt mittlerweile eine ganze Community. Bis zu 5000 Zugriffe erfolgen täglich“, sagt Preusch. Die Live-Aufnahmen sieht man auf der Website der Firma beweka. Insgesamt fünf Brutpaare gibt es aktuell in der Region. Der Bestand habe sich gut entwickelt, früher waren sie fast ausgestorben, erklärt Preusch.

Der Brutplatz der Vögel hat sich aber in den vergangenen Jahren deutlich geändert. So brüten sie heutzutage nicht nur gerne in Steinbrüchen wie vor circa 50 Jahren. Von 1990 bis 2017 hat sich die Zahl der Falkenbruten in der Natur halbiert. Die andere Hälfte findet sich auf hohen Gebäuden, wie beispielweise dem Silo, wieder. Auch auf dem Heilbronner Kraftwerk oder auf Autobahnbrücken sind häufig Falkenpaare zu sehen.

„Je höher die Brutplätze sind, desto schwieriger wird es für die Eltern allerdings, den Nachwuchs zu füttern“, erklärt der Falkenkenner. Die schnellen Jagdtiere fressen alle Vogelarten vom Spatzen über Tauben, und auch Hühner stehen ab und zu auf dem Speiseplan. „Der Transport der schweren Beute bis zum Nest könnte bei zu hohen Brutstellen daher zu anstrengend sein.“ 

Wanderfalken in Heilbronn: Die Jungvögel bekommen jeweils zwei Ringe an die Füße

Aus dieser Höhe hat man an diesem Freitag einen weitläufigen Blick über ganz Heilbronn. Um den Nistkasten der Vogelwarte Radolfzell zu erreichen, muss man nach den rund 300 Stufen allerdings nochmal eine kurze Leiter hinaufsteigen, um auf eine kleinere Platte zu gelangen. Dort steht der Brutkasten mit einem runden Loch an der Seite.

Während Michael Preusch hochklettert, hört man einen großen Falken ununterbrochen kreischen. Mit sicherem Abstand dreht er seine Runden um das Silo und hat das Nest dabei stets im Blick. Beunruhigt ist der Vogelexperte deshalb nicht. „Die fliegen nur rum und machen einen riesigen Terz. Nur ganz selten greifen sie auch mal an.“ Gekonnt holt er die zwei rund drei Wochen alten Falkenjungen aus dem Nest und steckt sie zusammen in einen Stoffbeutel.

Ringe für die Wanderfalken im Heilbronner Industriegebiet

Auf einer breiten Ablage holt er sie wieder heraus, um mit der Beringung zu beginnen. Dabei fängt der junge Nachwuchs ganz aufgeregt an zu schreien. Anhand der Rufe erkennt Preusch direkt, dass es sich um ein Männchen und ein Weibchen handelt. Und auch die Größe und die Fußform unterscheiden sich. Zu Beginn gab es in diesem Jahr sogar drei Eier in dem Nest, ein Küken hat es aber nicht geschafft und wurde daher von den anderen Falken gefressen. In einer Kiste hat Preusch viele unterschiedliche Ringe liegen. Einer ist golden mit einer Aufschrift, der andere weiß mit großen schwarzen Buchstaben. Vorsichtig dreht er die Tiere auf den Rücken und sucht sich je einen Ring aus.

An das eine Fußgelenk knipst er dann mit einer Zange den goldenen Ring, auf der anderen Seite bekommt er den weißen Ring angebracht. Die Beringung geht schnell und die zwei Jungvögel bleiben brav liegen. Erst hinterher hüpfen sie neugierig auf der Platte umher. Ganz fertig ist Michael Preusch aber noch nicht. Aus zwei Reagenzgläsern holt er lange Wattestäbchen hervor. „Wir machen jetzt sozusagen eine Art Coronatest“, sagt er und steckt den Falken den Stab weit in den Rachen. Auch dabei wehren sie sich nicht, sodass Preusch sie im Anschluss wieder ganz ruhig in den Stoffbeutel legt und über die Leiter zurück ins Nest trägt.

Wanderfalken mit Ringen in Heilbronn: Der Personalausweis für Greifvögel

Die Beringung führt Michael Preusch mehrmals jährlich durch, um den Tieren eine Art Personalausweis zu verpassen. Auf dem goldenen Ring steht der Name der Vogelwarte Radolfzell drauf, der der Falke zugeordnet ist. Die großen schwarzen Buchstaben auf dem zweiten Ring sind besonders wichtig, da man diese mit einem Fernrohr ablesen kann. So findet man die Tiere überall wieder und kann sie identifizieren.

Lange Zeit war das erst möglich, nachdem sie tot aufgefunden waren und man sich den Ring aus der Nähe anschauen konnte. Da die Füße schon schnell ausgewachsen sind, wird ihnen der früh angelegte Ring, wenn sie größer werden, nicht zu eng. Und auch beim Fliegen stellen sie keine Probleme dar. Sie sind leicht genug, um nicht von ihnen heruntergezogen zu werden. Den Rachentest führt man bei der Beringung zusätzlich durch, um die Jungtiere auf die Vogelgrippe zu testen.

Nach rund sechs Wochen fangen die Jungtiere an zu fliegen. Bis dahin muss die Beringung durchgeführt sein. Im vergangenen Jahr hat man auf dem Silo keine erfolgreiche Brut gehabt, Michael Preusch hat sich deshalb umso mehr auf die Beringung in diesem Jahr gefreut. Über die angebrachten Kameras beobachtet er die Vögel regelmäßig, auch wenn sie bald das Nest verlassen.

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben