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Nach schwerem Unfall: Wie sich eine Frau aus Schwaigern zurück ins Leben kämpft

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Jadranka Dolch aus Schwaigern wird bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Das Gehen muss sie mühsam neu lernen. Zwei Jahre lang ist sie auf dieses Ziel voll fokussiert. Ein langer Kampf zurück ins Leben.

Jadranka Dolch aus Schwaigern hat 2019 einen schweren Unfall erlebt.
Jadranka Dolch aus Schwaigern hat 2019 einen schweren Unfall erlebt.  Foto: Heike Kinkopf

Jadranka Dolch erinnert sich an ein dumpfes Geräusch. Der Crash. Kurz ist sie noch bei Bewusstsein. „Ich habe Stimmen wahrgenommen“, erzählt die 48-Jährige aus Schwaigern. Eine Frau mit Tochter habe durch das Seitenfenster des Autos mit ihr gesprochen. Dolch ist sicher, dass sie noch mit ihrem Mann telefonierte. „Danach ein Cut.“ Das alles passiert im Mai vor fünf Jahren. Jadranka Dolch wird unverschuldet in einen Unfall bei Mühlhausen im Rhein-Neckar-Kreis verwickelt. Ihr Körper ist schwer malträtiert. Zahlreiche Knochenbrüche brauchen Monate zum Heilen. Es dauert zwei Jahre, bis sie wieder gehen kann. Dolch kämpft sich zurück ins Leben.

Fünf Jahre nach dem Unfall sind die Folgen des schweren Unfalls auf den ersten Blick nicht mehr zu sehen. Jadranka Dolch öffnet in T-Shirt, Shorts und Turnschuhen die Haustür. Die Beine gebräunt von der Sonne. Sie lächelt. Selbstbewusst, kommunikativ, ein offener Typ. Jemand, der schnell mit Unbekannten ins Gespräch kommt. Sie sagt, was sie denkt, und meint, was sie sagt. Sie steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Eine starke Frau. „Mir ist bewusst geworden, wie stark ich sein kann“, sagt sie. Es gibt noch eine andere Seite von ihr - eine verletzliche. 

Das zerstörte Auto von Jadranka Dolch lässt erahnen, wie heftig der Crash war.
Das zerstörte Auto von Jadranka Dolch lässt erahnen, wie heftig der Crash war.  Foto: privat

Polizist: "Ihnen ist ein zweites Leben geschenkt worden."

Vom Unfall weiß Jadranka Dolch nicht mehr viel. „Ich bin mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus gebracht worden. Das weiß ich aber nur aus Erzählungen.“ Als die Polizei sie in der Klinik aufsucht, sagt einer zu ihr: „Ihnen ist ein zweites Leben geschenkt worden.“ Sie hatte unglaubliches Glück. Ihr erster Gedanke aber, als sie im Krankenhaus zu sich kommt: „Du wirst nie wieder laufen können.“ Beide Beine stecken in einem sogenannten Fixateur. Die Haltevorrichtung wird meistens bei komplizierten Knochenbrüchen eingesetzt und mit langen Schrauben im Knochen befestigt. „Mein ganzer Körper war blau, sogar die Fußsohlen.“ 

Nach sieben Wochen wird sie aus dem Krankenhaus entlassen. Für eine Reha ist sie zunächst zu pflegebedürftig. Später dann der erste, wochenlange Therapie-Aufenthalt. Jadranka Dolch schafft es, das erste Mal mit Krücken zu gehen. Für Zweifel, ob die Therapien anschlagen und sie sich eines Tages wieder unbeschwert auf ihren eigenen Beinen fortbewegt, ist kein Raum. „Ich war wie im Tunnel. Ich dachte immer nur, du musst laufen.“

Freundschaften verändern sich

Auf die erste folgt eine zweite zehnmonatige ambulante Reha. Zwei Jahre ist Jadranka Dolch auf ein einziges Ziel fokussiert. Gehen lernen. Alles andere tritt hinter dem Ziel zurück. Es fällt ihr nicht leicht zu erklären, was das mit einem macht. Empathisch habe sie nur anderen gegenüber sein können. Sich selbst gegenüber sei sie nicht offen gewesen. Ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse sind in der Zeit wie ausgeblendet.

Das Bein steckt in einem Fixateur. Lange Schrauben stecken in den Knochenfragmenten.
Das Bein steckt in einem Fixateur. Lange Schrauben stecken in den Knochenfragmenten.  Foto: privat

Schritt für Schritt, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat geht es voran. Der Rollstuhl weicht den Krücken, die werden irgendwann durch Walkingstöcke ersetzt. „Ich habe mir gesagt, wenn ich die Stöcke nicht mehr brauche, gehe ich wieder arbeiten.“ Im März 2021 ist es so weit. Sie nimmt die Tätigkeit als Hotelfachfrau wieder auf.

Die zwei Jahre des anstrengenden Heilungsprozesses fordern ihren Tribut. Freundschaften etwa verändern sich. Viele wollen Jadranka Dolch unterstützen. Einige drücken Bewunderung aus, sagen. "Toll, wie du das schaffst, ich glaube, ich könnte das nicht." Die 48-Jährige sieht das ein bisschen anders. Wir alle hätten "Superkräfte" in uns, die in solchen extremen Situationen hervortreten. 

Manchmal wünscht sie sich, den Unfall rückgängig machen zu können 

Einige Narben bleiben. Wer genau hinschaut, sieht sie an Jadranka Dolchs Beinen. Ein Finger ist steif, ein Fußknöchel dicker als der andere. Laufen, springen, in die Hocke gehen – alles das ist heute anders als vor dem Unfall. Sie spürt die bleibenden Schäden. „Ich nehme sie hin.“ Manchmal wünscht sie sich, sie könnte den Unfall rückgängig machen. „Dann hätte ich meinen Körper zurück.“ 

Gleichzeitig ist ihr bewusst, dass es viele Dinge gibt, an denen sie sich freut. Gab es lange Zeit nur den Gedanken ans Gehen-lernen, will sie inzwischen wieder mehr auf sich hören. „Mehr Dinge tun, die meiner Seele guttun.“ Heute sei ihr die Vergänglichkeit des Lebens bewusst. Die Angst vor dem Tod sei näher gerückt. Vorher habe sie sich nie Gedanken um Krankheiten gemacht. Und eines ist ihr klar geworden: „Egal, was im Leben passiert, wir müssen trotzdem weiter machen.“

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