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Großer Bahnhof für Rainer Gräßle
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Talheim: 24 Jahre Bürgermeister mit Herzblut und klarer Linie

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Der scheidende Rathauschef Rainer Gräßle ist jetzt Ehrenbürger von Talheim. Abschiedsveranstaltung im Kulturtreff mit zahlreichen Gästen und emotionalen Redebeiträgen und stehenden Ovationen.

Landrat Norbert Heuser (rechts) verabschiedete Julia und Rainer Gräßle mit Blumen und einer Reisetasche – vielleicht einmal für die Abreise am Talheimer Bahnhof.
Landrat Norbert Heuser (rechts) verabschiedete Julia und Rainer Gräßle mit Blumen und einer Reisetasche – vielleicht einmal für die Abreise am Talheimer Bahnhof.  Foto: Lina Bihr

Ein öffentliches Amt ist kein Besitz, sondern ein Auftrag auf Zeit“: Diesen Satz des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau hat Rainer Gräßle mit seinem Entschluss, nach 24 Jahren kein viertes Mal als Talheimer Bürgermeister zu kandidieren, wörtlich genommen. „Du hast den richtigen Zeitpunkt gewählt“, erklärte Eppingens Oberbürgermeister Klaus Holaschke am Donnerstagabend in Anlehnung an das Zitat.

Trotzdem seien alle überrascht gewesen, als Gräßle diese Entscheidung im Juni 2025 bekannt gab. „Man hatte eine Neuwahl in Talheim nicht auf der Agenda“, so der Vizepräsident und Vorsitzende des Kreisverbandes Heilbronn beim Gemeindetag Baden-Württemberg.

Familie Gräßle zu Tränen gerührt

Eine öffentliche Verabschiedung hatte Rainer Gräßle ursprünglich nicht gewollt. Was ihm bei der rund vierstündigen Veranstaltung im Kulturtreff an Sympathie und persönlichen Worten entgegengebracht wurde, rührte ihn und seine Familie dann aber mehrfach zu Tränen. Höhepunkt war die Ernennung zum Talheimer Ehrenbürger mit stehenden Ovationen des Publikums.

„Ich bin überwältigt“, erklärte Gräßle, der ganz zum Schluss ans Rednerpult trat. Drei Momente in seiner Amtszeit seien ihm unvergesslich: Als er gemeinsam mit dem damaligen Feuerwehrkommandanten die Zeitkapsel in die Bodenplatte des neuen Feuerwehrmagazins eingelassen habe. 2015 die Feier zum 50-jährigen Bestehen der Partnerschaft mit Soultzmatt-Wintzfelden (Elsass) „und der heutige Abend, für den ich Ihnen allen so dankbar bin“, sagte Gräßle.

„Sehr großer Ritterschlag“ von Heilbronner Landrat Norbert Heuser

Dem Gemeinderat fällt der Abschied schwer, so die stellvertretende Talheimer Bürgermeisterin Anja Bader, die die Veranstaltung im Kulturtreff moderierte. „Mit viel Herzblut haben Sie Talheim zu dem gemacht, was es heute ist.“ Sie lobte Gräßles stets perfekte Vorbereitung von Themen und sein Fachwissen – immer bestrebt, die beste Lösung für Talheim zu finden. „Aber nicht nur Daten und Fakten zählten, sondern der Mensch“, betonte Bader.

Einen „sehr großen Ritterschlag“ erteilte Landrat Norbert Heuser dem scheidenden Bürgermeister. „In Talheim war die Welt in den letzten 24 Jahren in Ordnung.“ Zumindest habe ihm seine Rechtsaufsicht nie etwas anderes berichtet. Talheim ist schuldenfrei – „aber nicht um des Sparens willen, sondern trotz zahlreicher Investitionen“. Rainer Gräßle hinterlasse seinem Nachfolger Pascal Bopp „ein wohl bestelltes Haus“. Zusammen mit seinen Mitarbeitern und dem Gemeinderat habe er viel bewegt.

Mit Hingabe für Schozach-Bottwartalbahn eingesetzt

„Du gehst, wenn es am schönsten ist: im besten Alter, topfit“, meinte Ilsfelds Bürgermeister Bernd Bordon, der im Namen des Sprengels Schozach-Bottwartal, dessen Vorsitzender Gräßle war, sprach. „Die Aufgaben wird jemand anderes erfüllen, was bleibt ist der Mensch, das Persönliche, und diese Spur wird immer deine sein.“ Wie er ihn als Kollegen erlebt hat? „Authentisch, mit klarer Linie und Haltung, ein Fachmann, der Seinesgleichen sucht.“ Besonders hervor hob Bordon den Einsatz Gräßles für die Streckenführung der Schozach-Bottwartalbahn. „Sehr akribisch und mit Hingabe“ habe dieser sich dafür eingesetzt.

Für die Delegation aus Soultzmatt-Wintzfelden sprach André Schlegel. „Schon bei unserem ersten Treffen habe ich ihn als Mann der Tat, der offenen Art und des Kontakts erkannt“, so der stellvertretende Bürgermeister der Partnergemeinde, zu deren Ehrenbürger Gräßle 2025 ernannt wurde.

„Herr Gräßle stand immer zu 100 Prozent hinter uns“, freute sich der Kommandant der Talheimer Feuerwehr, Markus Schüchtle. Vier neue Fahrzeuge seien in Gräßles Amtszeit übergeben worden, „und das schönste Feuerwehrhaus im Landkreis wurde gebaut“. Über das normale Maß hinaus habe er sich für die Truppe eingesetzt. Dafür verlieh ihm Kreisfeuerwehrkommandant Frank Pitz die Ehrennadel des Kreisfeuerwehrverbands Heilbronn.

Immer ruhelos für Talheim im Einsatz

„Nicht nur Pflicht, sondern eine Herzensangelegenheit“ sei für Gräßle auch die Zusammenarbeit mit den Vereinen gewesen, erklärte TCV-Präsidentin Stefanie Abt. Ein Highlight des Abends war der Auftritt des Mitarbeiterchors. Zur Melodie von „Atemlos“ sang das Team für seinen Chef „Ruhelos, Herr Gräßle wacht, für sein Talheim, mit Bedacht.“ Musikalische Grüße überbrachten auch der Kinderchor Chorissinis, der Kindergarten Wart und der Musikverein Talheim. Die TCV-Prinzengarde tanzte zum Abschied.

Die Prinzengarde des Talheimer Carnevalsvereins tanzte für ihren Ehrenritter und scheidenden Bürgermeister Rainer Gräßle.
Die Prinzengarde des Talheimer Carnevalsvereins tanzte für ihren Ehrenritter und scheidenden Bürgermeister Rainer Gräßle.  Foto: Lina Bihr

Der dienstälteste Gemeinderat Heribert Danner blickte mit Fotos auf Gräßles Amtszeit zurück. Der frühere Gemeinderat Dr. Michael Gantner, der Gräßle dreimal im Amt verpflichtet hatte, übergab ihm die konservierte Rose, die symbolisch für die Gemeinde Talheim steht.

Sehr persönlich war die Rede von Charlotte Gräßle (21). „Du hast Talheim nicht nur verwaltet, sondern gelebt“, erklärte die mittlere seiner drei Töchter. Trotzdem habe er sich immer Zeit für die Familie genommen. „Papa, wir waren immer stolz, wenn du auf der Bühne standest.“

„Man hatte eineNeuwahl in Talheim nicht auf der Agenda.“Klaus Holaschke

Offiziell letzter Arbeitstag von Rainer Gräßle ist am 18. Januar. Sein Nachfolger, der Talheimer Pascal Bopp (33), wird am Montag, 19. Januar, um 18 Uhr im Ratssaal des Rathauses in sein Amt eingesetzt. Der bisherige Vertriebsleiter einer Spedition setzte sich am 9. November 2025 im ersten Wahlgang mit 89,9 Prozent der Stimmen gegen zwei Mitbewerber durch. Bernd Bordon und Klaus Holaschke boten ihm Unterstützung an. „Du wirst deinen Weg gehen und bei uns immer ein offenes Ohr finden“, so Bordon. 

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