„Stolz ist nicht mein Metier“: Alfred Huber hat fast 40 Jahre für bezahlbare Wohnungen gekämpft
Scheidender Vorsitzende des Mieterbunds Heilbronn-Franken sieht in Stadt und Landkreis großen Nachholbedarf beim sozialen Wohnungsbau. Vorbehalte von Anwohnern bezeichnet Alfred Huber als „Quatsch“.

Als Alfred Huber im Jahr 1988 das Amt des Vorsitzenden des Mieterbunds Heilbronn-Franken übernahm, stand die Berliner Mauer noch, und die Interessenvertretung hieß etwas sperrig Mieterverein Heilbronn und Umgebung. „Das ist schon eine lange Zeit“, sagt der 82-Jährige rückblickend auf die vergangenen 38 Jahre. Am Mittwoch (18. März) wird Huber im Rahmen der Hauptversammlung des Mieterbunds im Heilbronner Ratskeller verabschiedet und übergibt den Staffelstab an seine absehbare Nachfolgerin Dagmar Burkhardt. Im Stimme-Interview spricht der gebürtige Ulmer über bekannte, weiterhin ungelöste Probleme auf dem Wohnungsmarkt, politische Irrfahrten und den dynamischen Wandel Heilbronns.
Herr Huber, sollen wir eingangs über das Landtagswahlergebnis in Baden-Württemberg sprechen, oder schmerzt Sie als SPD-Urgestein das Abschneiden Ihrer Partei noch zu sehr?
Alfred Huber: Das Ergebnis ist traurig. Natürlich hat sich die Wahl sehr auf das Duell um das Ministerpräsidentenamt zugespitzt, wodurch die SPD an den Rand gedrängt wurde. Das erklärt aber nicht das Ausmaß dieses Absturzes. Gerade mein Herzensthema, das Wohnen, zählt bei den Wählerbefragungen immer zu den wichtigsten, wird aber nicht nur von meiner, sondern von allen Parteien aus meiner Sicht vielfach vernachlässigt. Das merken die Bürger natürlich.

Damit sind wir sofort mittendrin in unserem Gesprächsthema. Wo sehen Sie die aktuell die größten Baustellen beim Thema Wohnen?
Huber: Ganz einfach: Mietwohnungen sind zu teuer. Die Baukosten müssen sinken, um mehr günstigen Wohnraum schaffen zu können.
Wie steht Heilbronn in dem Punkt da?
Huber: Zufrieden bin ich natürlich nie, mehr ist immer möglich. Mit der Stadtsiedlung als größtem Vermieter der Stadt hatte ich vor 15, 20 Jahren erhebliche Konflikte, weil städtische Sozialwohnungen ohne Not verkauft worden waren. Dieser Fehler wirkt bis heute nach.
Haben die Verantwortlichen daraus gelernt?
Huber: Ja, sicher. Nur lässt sich die dadurch entstandene Lücke eben erst langsam schließen. Denn die Bevölkerung Heilbronns ist seither enorm gewachsen. Wir brauchen einfach mehr bezahlbare Wohnungen. Die Stadtsiedlung ist auf einem guten Weg.
Ist ein Ausweichen auf die Landkreiskommunen eine Option, um eine günstige Wohnung zu finden?
Huber: Nein. Dort gibt es nahezu gar keine geförderten Wohnungen. Es gibt zwar immer mal wieder vollmundige Ankündigungen, aber eben auch Vorbehalte von Anwohnern gegen die potenziellen Mieter. Das ist natürlich völliger Quatsch. Entgegen von Vorurteilen sind das Menschen mit ganz normalen Jobs, die nicht auf Kosten des Staates leben und nicht am Rande der Gesellschaft stehen.
Wenn Sie mal zurückblicken auf ihre Anfänge als Vorsitzender des Mieterbunds: Was waren vor 38 Jahren die bestimmenden Themen?
Huber: Im Grunde zieht sich der Mangel an bezahlbaren Wohnungen wie ein roter Faden durch die ganze Zeit. Das lässt sich gut an dem von uns herausgegebenen Heilbronner Mieterblatt ablesen. Einzig in der Zeit nach dem Abzug der US-Truppen aus Heilbronn ab 1990 gab es mal eine Phase, in der tatsächlich ausreichend und auch bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung stand. Da war es vertretbar, auch Wohnungen zu veräußern, umzuwandeln und aus der Förderung zu nehmen. Es gingen aber auch viele verloren, die wir heute noch gut gebrauchen könnten.
Wenn sich in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten an den Problemen nichts verändert hat, könnte man despektierlich fragen, wozu es den Mieterbund überhaupt braucht?
Huber: Es stellt sich eher die Frage, wie schlimm die Wohnungssituation wäre, gäbe es den Mieterbund nicht. Die hiesigen Verhältnisse lassen sich ja nicht eins zu eins aufs Bundesgebiet übertragen. Schrumpfende Regionen etwa im Osten haben ja ganz andere Probleme als Heilbronn, das absehbar weiter wachsen wird. Unabhängig davon ist die Mietrechtsberatung für unsere Mitglieder entscheidend wichtig.
Was geben Sie ihrer potenziellen Nachfolgerin Dagmar Burkhardt mit auf den Weg für die nächsten Jahre?
Huber: Handlungsanweisungen mitzugeben entspricht nicht meinem Naturell. Natürlich wird es weiter darum gehen, sich für den sozialen Wohnungsbau zu engagieren. Als Fachanwältin für Mietrecht wird sie aber sicher wie bisher einen Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Beratung von Mieterinnen und Mietern legen.
Mit welchem Gefühl geben Sie ihr Amt jetzt ab? Blicken Sie mit Stolz zurück auf das Geleistete, oder bedauern Sie, dass diese prägende Zeit nun endet?
Huber: Stolz ist nicht mein Metier. Ich denke, ich habe es ordentlich gemacht. Jetzt ist es aber Zeit, dass jemand Neues das Ruder übernimmt. Dem Mieterverein und seinen Anliegen bleibe ich als einfaches Mitglied hoffentlich noch lange erhalten.
Zur Person
Der gebürtige Ulmer Alfred Huber ist nicht nur ein Fürsprecher des sozialen Wohnungsbaus. Akzente setzte der verheiratete Vater zweier Kinder und Opa von vier Enkeln auch in der Friedensarbeit, war Gründungsmitglied des Heilbronner Friedensrats. 1978 hatte Huber erstmals für Schlagzeilen in der Stadt gesorgt, als er zum Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Heilbronn gewählt wurde. Sechs Jahre lang stand er an der Spitze dieser sozialdemokratischen Organisation. Der Betriebswirt und langjährige Dozent an der Fachhochschule Heilbronn erhielt 2017 die Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg.
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