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„Medizin hautnah“
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Abendvorlesung in Heilbronn: Wenn Füße kribbeln und Nerven in der Krise sind

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Mark Stettner erklärt bei der Abendvorlesung, was Polyneuropathie ist und wie sie behandelt wird. Alkohol und Diabetes als Hauptursachen.

Mark Stettner (rechts) erklärte bei der Abendvorlesung, was es mit Polyneuropathien auf sich hat. Thomas Zimmermann moderierte die Veranstaltung in der Kreissparkasse Heilbronn.
Mark Stettner (rechts) erklärte bei der Abendvorlesung, was es mit Polyneuropathien auf sich hat. Thomas Zimmermann moderierte die Veranstaltung in der Kreissparkasse Heilbronn.  Foto: Seidel, Ralf

Sie sind unglaublich lang und unglaublich viele: die peripheren Nervenbahnen im menschlichen Körper. 100.000 Kilometer ziehen sich vom großen Zeh bis zum Scheitel, um zum Beispiel Bewegungen, Empfindungen auf der Haut und Organfunktionen zu steuern. Wenn diese Nerven geschädigt sind, hat das gravierende Auswirkungen auf die Lebensqualität. Wie solche Polyneuropathien erkannt und therapiert werden, hat Professor Mark Stettner von der Universitätsklinik Duisburg-Essen bei der 62. Abendvorlesung erklärt. Die Reihe „Medizin hautnah“ wird von der Heilbronner Stimme, der Kreissparkasse Heilbronn und den SLK-Kliniken organisiert. Durch den Abend führte Moderator und Stimme-Redakteur Thomas Zimmermann.

Die häufigsten Beschwerden bei Polyneuropathie sind kribbelnde Füße

„Die häufigsten Beschwerden sind kribbelnde Füße, Brennschmerzen in den Füßen, manchmal auch nächtliche Unruhe“, erläuterte der Neurologe vor voll besetztem Saal Unter der Pyramide der Kreissparkasse. Nach und nach entwickelten sich mehr Symptome von unten aufsteigend. „Deshalb ist es so wichtig, das frühzeitig abklären zu lassen.“ Denn es gebe vielfältige Therapien und Medikamente. Je nach Ursache sei auch eine vollständige Heilung möglich. „In der Hälfte der Fälle ist es aber eine chronische Erkrankung.“   

Wie kommt es dazu? Eigentlich sind die peripheren Nerven ziemlich robust, sagte Mark Stettner. Die Nervenbahnen könne man sich wie Elektrokabel vorstellen, die von einer Isolierschicht gut geschützt seien. Diese Schicht bilde sich immer wieder neu und regeneriere schnell. Im Gegensatz zum Rückenmark heilten Verletzungen an diesen Nerven sehr gut. Sind sie geschädigt, tritt häufig zuerst ein Kribbeln in Zehen und/oder Fingerspitzen auf – „an den Stellen, die am weitesten vom Rückenmark entfernt sind“.

Periphere Nervenbahnen kann man sich wie Elektrokabel vorstellen

Auch Lähmungserscheinungen, Magen-Darm-Probleme und Hautauffälligkeiten deuteten auf eine Polyneuropathie hin. Da diese Symptome auch andere Ursachen haben können, sind Tests notwendig. Wie beim Elektrokabel, werde Strom durch die Nervenbahn geschickt und gemessen, was ankommt. „Gibt es Verlust auf der Strecke, ist es eine Polyneuropathie“, sagte Mark Stettner. Ein Neurologe stelle die Art und Ausprägung fest, prüfe also, ob etwa die Isolierschicht oder das Kupferkabel kaputt sei. Um eine Diagnose zu stellen, könnten außerdem Untersuchungen des Blutes, der Immunzellen und des Nervenwassers gemacht werden. Auch Biopsien und Bildgebung seien möglich, aber nicht immer sinnvoll. 

„Für Polyneuropathie gibt es sehr viele Ursachen“, betonte Mark Stettner. Die häufigsten seien Diabetes Mellitus und Alkoholmissbrauch. Wieviel Alkohol zu viel ist, könne er nicht eindeutig sagen. „Früher hieß es, 100 Milliliter reiner Ethylalkohol pro Tag über eine gewisse Zeit ist zu viel.“ Heute gehe man eher davon aus, dass eine bestimmte Lebenszeitkumulativdosis das Problem sei. Stettner sprach von 30 Tonnen Bier bei 100 Kilogramm Körpergewicht auf die Lebenszeit gerechnet. „Das ist dann zu viel. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich eine Folgeerkrankung daraus entwickelt. Das Viertele heute Abend sollte also noch drin sein.“

Rotwein ist schlechter als Bier und Spirituosen im Bezug auf Polyneuropathien

Es mache aber einen Unterschied, welchen Alkohol man trinke – zumindest bei der Polyneuropathie. Rotwein sei schlechter als Bier und Spirituosen, die Kombination aus Rotwein und Spirituosen sei sehr ungünstig. Generell seien eine gesunde Lebensweise, die Reduktion von Übergewicht, Bewegung und ausgewogene Ernährung auch bei Polyneuropathie essenziell. Bei Diabetes-Patienten sie das noch wichtiger als bei anderen. Weitere Ursachen sind Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, Umweltgifte und vieles mehr. 

Bei einer Therapie werde, falls bekannt, die Ursache behandelt. Das gehe zum Beispiel bei Entzündungen, Rheuma oder Vitaminmangel. Die zweite und vielleicht wichtigste Säule ist, die Symptome zu behandelt, um die Lebensqualität zu verbessern, sagte Mark Stettner. Das gehe mit Medikamenten, Salben, aber auch Physiotherapie oder Gleichgewichtstraining. Den Zuhörern riet er, bei schnell voranschreitenden Lähmungen und Schwäche in den Beinen unbedingt einen Neurologen aufzusuchen.

Aktuelle Forschung macht Hoffnung – neue Medikamente kurz vor der Zulassung

In der Forschung und Medikamentenentwicklung gibt es große Fortschritte, berichtete Mark Stettner. „Vor allem bei den entzündlichen Neuropathien“, die sein Forschungsthema sind. Letztes Jahr sei zum Beispiel ein neues Medikament zugelassen worden, davor habe es nur zwei gegeben. Zudem seien derzeit sieben Präparate für den speziellen Bereich der entzündlichen Neuropathie in klinischen Studien. Zwei davon könnten im nächsten Jahr zugelassen werden. Auch im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel tue sich einiges. Für Betroffene gibt es Selbsthilfegruppen. Informationen finde man zum Beispiel bei der Deutschen Polyneuropathie Selbsthilfe. Aktuelle Studien werden derzeit gesammelt und im Kompetenznetz Peripherer Nerv in Kürze veröffentlicht. 

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