Alle Kinder, die ab dem Schuljahr 2026/27 eingeschult werden, haben bundesweit einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Dieser soll schrittweise eingeführt werden, zunächst für die Erstklässler. Noch fehlt es vielerorts an Plätzen, Räumen und Personal. Laut Zahlen des Bundesfamilienministeriums vom Dezember fehlen kurzfristig noch bis zu 65.000 Plätze. Die Steinbeisschule ist ein Jahr früher gestartet, und zwar gleich mit Klasse eins bis vier. Lediglich für die Erstklässler sei der Einstieg in den Ganztag „ein bisschen viel“ gewesen, so der Eindruck von Fachbereichsleiterin Kinder-Jugend-Bildung, Diana Schlosser. Die Schule sei neu, sie müssten erst das Gelände kennenlernen, ergänzt Rektorin Tanja Bewersdorff. Deshalb sollen die nächsten Einser 2027/2028 ihre AGs für erste Trimester selbst wählen können statt wie jetzt zum Einstieg von der Schule eingeteilt zu werden: „Es ist ein ständiger Veränderungsprozess, wenn man mit 190 Kindern startet. Aber die meisten Dinge haben funktioniert.“
Steinbeisschule Ilsfeld: Mit Vollgas in den Ganztag
An der Ilsfelder Grundschule werden werden seit dem neuen Schuljahr 191 Erst- bis Viertklässler an drei Tagen sieben Stunden betreut.

Das Spannendste war, den Ganztag gut zu füllen“, sagt Tanja Bewersdorff. Mit dem Ergebnis ist die geschäftsführende Rektorin der Steinbeis-Gemeinschaftsschule nach fünf Monaten Erfahrung zufrieden: „Wir haben ein neue, stärkere Form der Beziehung zu den Schülern.“ Auch die Rückmeldungen der Eltern seien überwiegend positiv. Zum Schuljahr 2025/2026 wurde in Ilsfeld mit der offenen Ganztagsgrundschule gestartet – ein Jahr, bevor der Gesetzgeber den Rechtsanspruch darauf für alle Kinder vorschreibt. Und zwar gleich mit Vollgas: 191 von 272 Erst- bis Viertklässlern sind dabei.
„In Ilsfeld gab es großen Bedarf an Plätzen für die Betreuung“, blickt die Fachbereichsleiterin Kinder-Jugend-Bildung der Gemeinde, Diana Schlosser, zurück. 75 Plätze im Hort der bisherigen Ganztagsbetreuung und 50 Plätze in der Kernzeit hätten nicht gereicht. „Für viele Eltern ist es wichtig, dass die Kinder, wenn sie nach Hause kommen, den Schultag beendet haben“, weiß Bewersdorff. Und viele Eltern seien berufstätig.
Vorbild für Ilsfeld: Theodor-Heuss-Schule Brackenheim
Warum also nicht gleich in die offene Ganztagsgrundschule einsteigen? „Zumal wir im Gemeinschaftsschulbereich bereits Erfahrung mit dem Ganztag hatten“, so Bewersdorff. Für die Grundschule sei dann trotzdem alles „ganz neu gedacht worden“. Als Orientierung habe unter anderem das Konzept der Theodor-Heuss-Schule Brackenheim gedient, „weil es viele Ähnlichkeiten zwischen unseren Schulen gibt“, berichtet Bewersdorff.
Ilsfeld hat sich „für die kleinste Form vom Ganztag“ entschieden: für sieben Stunden an drei Tagen in der Woche: Montag, Dienstag und Donnerstag von 7.40 bis 14.45 Uhr, erläutert Diana Schlosser. „Hier auf dem Land haben die Kinder am Nachmittag viele Angebote von Vereinen oder der Musikschule. Das wollten wir ihnen noch ermöglichen.“
Vorher Brotzeitfrühstück, danach Anschlussbetreuung
Wer längere Betreuungszeiten in Anspruch nehmen möchte, kann seine Sprösslinge schon um 7 Uhr zum Brotzeitfrühstück, das zehn Ehrenamtliche austeilen, ins „Aquarium“ bringen. Nach 14.45 Uhr gibt es die Anschlussbetreuung für zurzeit 107 Kinder in Regie der Gemeinde. Dieses „pädagogische Freispiel“ mit Ausflügen, Kreativ-, Spiel- oder Sportangeboten ist kostenpflichtig und wird von 13 Erzieherinnen, die vorher im Hort gearbeitet haben, organisiert.
Nach dem Schulunterricht essen die Ganztagsgrundschüler um 12 Uhr in der Mensa. „Ab 13 Uhr machen die Lehrer mit den Kindern Aufgaben, die aus dem Vormittag entstehen“, beschreibt Tanja Bewersdorff. Hausaufgaben werden sie nicht mehr genannt, weil sie in der Schule erledigt werden.
In der zweiten Stunde finden AGs statt. 35 verschiedene gibt es pro Schuljahr, „alle erfüllen die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen“, ist die Rektorin stolz. Jede Lehrkraft und jede Erzieherin übernehmen ein bis zwei AGs. Die Schüler dürfen jedes Trimester wechseln. „Wir füllen die Zeit mit Inhalten, zu denen wir im Halbtag gar nicht kommen“, so Bewersdorff. „Das ist auch ein Türöffner für neue Interessen“, glaubt Schlosser.
Um all das zu stemmen, hat die Steinbeisschule zwei zusätzliche volle Lehrerdeputate vom Staatlichen Schulamt bekommen. Auch zusätzliche Räume waren notwendig. Frei geworden sind sie durch Rochaden innerhalb des Schulzentrums – zu dem neben der Gemeinschafts- auch eine Realschule und ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum gehören. 120 000 Euro hat Ilsfeld für Umbau und Ausstattung investiert.
Sprach-, Forscher- und Talentinsel für die Ilsfelder Grundschüler
Für den Ganztagsbetrieb werden alle Hort-Räume und die Sporthalle benötigt. Neu sind die Sprach-, die Forscher- und die Talentinsel. Dafür gibt es aber keine komplett neue Physik- oder Bibliotheksausstattung: „Wir kooperieren mit der Experimenta in Heilbronn und der Mediothek in Ilsfeld, die uns Material zur Verfügung stellen“, sagt Bewersdorff. Auch die Ilsfelder Landwirte, die Landfrauen und Betriebe wollen die neue Schulform unterstützen.
Für die 19 Lehrkräfte sei der Ganztag eine große Umstellung gewesen, weiß die Schulleiterin. „Jeder Kollege hat ein bis zwei Nachmittage an der Schule.“ Der Verwaltungs- und der Arbeitsaufwand seien erhöht: „Aber wir sind ein tolles Team, alle sind über sich hinausgewachsen.“ Als großer Gewinn werde die Hausaufgabenbetreuung empfunden. Die AGs verbessern laut Tanja Bewersdorff die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern: „Wir machen etwas, das nicht notenrelevant ist, und lernen die Talente und Interessen der Kinder kennen.“
„Wir füllen die Zeit mit Inhalten, zu denenwir im Halbtag garnicht kommen“Tanja Bewersdorff

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