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Spielsüchtiger aus Raum Heilbronn bekommt Wetteinsätze zurück – bet365 muss zahlen

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Der Wettanbieter bet365 muss einem Spielsüchtigen aus dem Raum Heilbronn hohe Verluste erstatten. Anwälte erwarten nach dem Urteil zahlreiche weitere Klagen. Was dahinter steckt. 


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Körperliche und psychische Probleme, erhöhtes Suizidrisiko, Verlust von Partner oder Job: Die Folgen von Glücksspielsucht sind weit drastischer als bisher vermutet, wie jüngst eine internationale Studie ergab. Die Bekämpfung von illegalem Online-Glücksspiel ist ein bedeutendes Thema in Deutschland. Einerseits geht es um den Schutz der Verbraucher und die Einhaltung von Vorschriften und andererseits um erhebliche steuerliche Einbußen durch illegale Anbieter.

In einer richtungsweisenden Entscheidung hat das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart den Sportwetten-Anbieter bet365 dazu verurteilt, einem spielsüchtigen Mann aus dem Kreis Heilbronn 17.000 Euro zurückzuzahlen – trotz gültiger deutscher Lizenz. Der Grund: Die Spielerschutzregeln wurden verletzt, insbesondere das monatliche Einsatzlimit von 1.000 Euro, sodass der Kläger hohe Verluste anhäufen konnte.

Spielsüchtiger aus Raum Heilbronn: bet365 zur Rückzahlung von Verlusten verurteilt

Die Anwälte des Betroffenen, HFS Rechtsanwälte aus Ludwigsburg, setzten insgesamt eine Rückzahlung von rund 212.000 Euro durch, von denen 17.000 Euro auf die Zeit entfallen, in der bet365 bereits eine deutsche Lizenz besaß. Diese Entscheidung ist einzigartig, da bisher nur Anbieter ohne Lizenz zur Rückzahlung von Verlusten verurteilt wurden.

„Dieses Urteil zeigt, dass Spielverluste zu jeder Zeit zurückgefordert werden können, wenn der Anbieter nachweislich wichtige Regeln zum Spielerschutz nicht eingehalten hat – und das betrifft zahlreiche weitere Anbieter wie Tipico, bet-at-home, bwin oder Betano“, erklärt Thomas Schopf von der Kanzlei HFS Rechtsanwälte in Ludwigsburg, die den Spieler vertritt.

Die Kanzlei, die sich darauf spezialisiert hat, Spielverluste für Spieler zurückzuholen, die im Internet bei Casinos, Slot-Anbietern oder bei Sportwetten Geld verloren haben, geht davon aus, dass das Urteil die bereits bestehende Klagewelle gegen Anbieter von Sportwetten anheizen wird.

Glücksspiel: Wann Spieler Anspruch auf Schadenersatz von Wettanbietern haben

Das in Malta ansässige jetzt verurteilte Unternehmen bet365 betreibt seit November 2018 eine deutschsprachige lnternetseite, auf der Sportwetten angeboten werden. Erst am 9. Oktober 2020 wurde eine deutsche Sportwettenlizenz erteilt.

„Es kommt also nicht darauf an, ob ein Sportwettanbieter eine gültige Lizenz hat, sondern darauf, ob er sich an die wichtigen Regeln zum Spielerschutz hält. Tut er das nicht, hat jeder Spieler Anspruch auf Schadenersatz", betont auch Sandra Dambacher-Schopf, PR-Verantwortliche der HFS-Rechtsanwälte. Von einem außergewöhnlich langen Urteil von 68 Seiten spricht sie. Die Entscheidung des OLG stammt vom 7. Oktober, die 67-seitige Urteilsschrift wurde nun veröffentlicht.

Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart Anfang Oktober rechnen Kanzleien mit einer Klagewelle gegen Sportwetten-Anbieter.
Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Stuttgart Anfang Oktober rechnen Kanzleien mit einer Klagewelle gegen Sportwetten-Anbieter.  Foto: Carsten Rehder

Sportwetten: Auch mit Lizenz haben Glücksspielanbieter wie bet365 keinen Freifahrtschein

Sandra Dambacher-Schopf verweist zudem auf einen Fall, der aktuell beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) liegt und bei dem ein weiterer Spieler seine Verluste von Tipico zurückfordern möchte. „Auf dessen Entscheidung warten gerade alle.“  

Dabei gehe es aber lediglich um Fragen zur Dienstleistungsfreiheit in der Europäischen Union. „Diese zaubern die Sportwettanbieter nämlich aus dem Ärmel, sobald es um das Thema ´ohne Lizenz auf dem deutschen Markt´ geht. Aber auch mit Lizenz haben die Glücksspielanbieter keinen Freifahrtschein, das hat das OLG Stuttgart nun klargestellt."

Sowohl die HFS Rechtsanwälte aus Ludwigsburg als auch zahlreiche weitere Kanzleien hätten bereits „Millionen an Spielverlusten zurückgeholt. Uns ist aber noch kein Urteil eines Oberlandesgerichts bekannt, bei dem Verluste nach Lizenzerteilung zurückerstattet werden mussten. Deshalb ist das aktuelle Urteil so außergewöhnlich – und auch wegweisend für andere Oberlandesgerichte und die Instanzen darunter.“

Spielsucht bei Sportwetten: höheres Gefahrenpotenzial bei Migrationshintergrund

Die Sucht nach Sportwetten ist ein weit verbreitetes Phänomen, betont die Pressesprecherin. In der Öffentlichkeit werde die Teilnahme an Online-Sportwetten oft verharmlost, dabei habe sie ein enormes Suchtpotenzial, weil Spieler glaubten durch ihr Sportwissen reich werden zu können und weil solche Wetten von überall aus übers Handy verfügbar sind.

Laut neuesten Forschungsergebnissen seien vor allem jüngere Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren sehr suchtgefährdet. „Das Gefahrenpotenzial steigt, wenn sie dazu einen Migrationshintergrund haben und sportaffin sind. Besonders gefährdet sind Fußballfans“, so Dambacher-Schopf. Das belegen die Zahlen des Glücksspielsurveys von 2023.

 

 

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