Stimme+
Extrem-Sportler im Interview
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Mit 500 km/h Richtung Erde: Neckarsulmer spricht über sein Hobby Speed Skydiving

   | 
Lesezeit  6 Min
Erfolgreich kopiert!

Thorsten Morhaus erreicht beim Speed Skydiving um die 500 Stundenkilometer. Im wirklichen Leben ist er Geschäftsführer des Abwasserzweckverbandes Unteres Sulmtal in Neckarsulm. Wie das zusammen passt, erklärt er im Interview.

Thorsten Morhaus fliegt beim Sky Diving mit fast 500 Km/h auf die Erde zu.
Thorsten Morhaus fliegt beim Sky Diving mit fast 500 Km/h auf die Erde zu.  Foto: Seidel, Ralf

Fallschirmspringer Thorsten Morhaus will beim Sturz in Richtung Erdoberfläche möglichst schnell werden. Im wirklichen Leben ist er Leiter der Kläranlage in Neckarsulm. Wie das zusammen passt, erklärt der Sportler im Stimme-Interview.

Was ist Skydiving? Das ist ja nicht gerade das allergängigste Hobby oder Sportart.

Thorsten Morhaus: Das ist nichts anderes als Fallschirmspringen, eine Sportart, die es schon lange gibt. Das ist sicher kein Breitensport, aber wir sind schon eine große Community in Deutschland, Europa, weltweit, die gerne und mit Freude aus Flugzeugen springen und dann in verschiedensten Disziplinen ihren Sport ausüben: Auf dem Bauch fallend und Figuren fliegend, auf dem Kopf, mit Wingsuit, am Schirm Figuren fliegen, am Schirm schnell sein oder weite Strecken zurücklegen. Meine Disziplin ist Speed Skydiving, da geht es darum, so schnell wie möglich innerhalb einer Messstrecke zu sein.

 

Es geht also um Geschwindigkeit. Von wieviel Stundenkilometern reden wir?

Morhaus: Beim Speed Skydiving sprechen wir von der schnellsten, nicht motorisierten Sportart der Welt. Wir fliegen Geschwindigkeiten in der Weltspitze so um die 500 Stundenkilometer. Der Weltrekord steht momentan bei 529 Stundenkilometer, Weltrekordhalter ist mein Teamkollege Marco Hepp aus Bayern. Aufgestellt wurde der Rekord 2022 in Arizona in Amerika.

 

Und wie schnell sind Sie schon gewesen?

Morhaus: Trainingsweltmeister gibt es genug, da war ich auch schon über 500 Stundenkilometer schnell. Meine Wettbewerbsgeschwindigkeiten sind gut über 490 Stundenkilometer. Für die 500 hat es im Wettbewerb leider noch nicht gereicht.

 

Wie fühlt es sich an, wenn man mit beinahe 500 Stundenkilometern auf die Erde zurast, wahrscheinlich auch noch kopfüber?

Morhaus: Das ist so ein bisschen wie Köpfer machen. Nur mit einer längeren Flugzeit. Grundsätzlich fühlt sich das schnell an, aber es ist auch ein interessantes Gefühl, weil einen Luft ab einer gewissen Geschwindigkeit auch halten kann. Ab 400 Stundenkilometern ist man wie in einem Luftkanal gefangen, eingehaust sozusagen, in dem man sich noch bewegen kann, aber auch gehalten wird.

Wie stellt man sich das vor? Was spürt man um sich?

Morhaus: Man spürt einen Druck auf dem Helm und den Schultern. Und dann spürt man auch, wie die Luft am Körper entlang fließt oder eigentlich rast. Und am Fuß merkt man die Wirbelablösung. Man hat also eine relativ gute Rückmeldung, wie man gerade so positioniert ist in der Luft. Ich würde das nicht mit dem Eintauchen ins Wasser vergleichen, das ist ein bisschen heftiger. Das Gefühl ist aber ähnlich, nur ist Luft filigraner.

 

An diesen ganzen kleinen Wirbeln, kann man da nachjustieren, um noch mehr Geschwindigkeit rauszukitzeln?

Morhaus: Justieren ist ein Problem. Man muss sehr vorsichtig und feinfühlig damit umgehen. Wenn man zu große Bewegungen macht, wirft es einen aus dem Luft-Kanal raus. Der Input ist sehr klein und fein, also manchmal sind es nur Fingerbewegungen oder auch marginale Kopfbewegungen, also wirklich im Millimeterbereich, das reicht bei der Geschwindigkeit schon, dass es Auswirkungen hat. Die Messstrecke liegt zwischen 4.000 und 1.700 Metern. Die ersten 1.200 Meter dienen der Beschleunigung. Da ist nicht viel Zeit, um zu korrigieren. Man muss schon in einem sehr guten Winkel und der richtigen Körperposition aus dem Flugzeug rauskommen. Dann kann man noch ein bisschen nacharbeiten. Aber es geht schnell vorbei. Wenn man merkt, dass was falsch ist und dann korrigieren will, ist es schon zu spät. Man muss spüren, wie der Sprung gerade läuft.

 

Also die Frage, was denken Sie, wenn sie springen, erübrigt sich wahrscheinlich?

Morhaus: Genau. An irgendwas anderes denken ist nicht drin. Vor dem Absprung geht es um Konzentration, noch mal tief einatmen und dann geht es raus. Der Sprung muss im Ablauf einfach passen. Je nach Wetterlage haben wir verschiedene Winde dort oben. Von welcher Seite kommt der Wind, auf welcher Höhe, mit welcher Stärke, das muss man verinnerlicht haben. Dann hat man einen fast automatisierten Sprungablauf.

 

Sie haben schon weit über 1000 Sprünge gemacht. Wie viele sind es denn genau?

Morhaus: Es sind sicherlich jetzt über 1500.

 

Gab es schon mal einen Moment, bei dem Sie gedacht haben, heute springe ich nicht?

Morhaus: Ja, wenn das Wetter schlecht ist. Grundsätzlich macht man das gerne, und dann springt man auch aus dem Flugzeug. Aber ja, natürlich gibt es auch die Situation, wenn man unausgeschlafen oder vielleicht unausgeglichen ist, an denen man einfach sagt, nee, wär schön, aber heute auf gar keinen Fall.  Es gibt auch Tage, wo man nach zwei Sprüngen sagt, das war es für heute. Man kann es nicht erzwingen, man muss eine gewisse Form haben. Es ist ja nicht nur Training, ich hab ja auch noch Spaß dabei, es ist ja weiterhin mein Hobby.

 

Als Geschäftsführer eines Abwasserzweckverbandes steht Sicherheit an oberster Stelle. Ist Ihr Hobby da ein bewusster Ausgleich, gehen Sie hier mal bewusst ins Risiko?

Morhaus: Es hat eigentlich gar nichts miteinander zu tun. Als Geschäftsführer eines Abwasser-Zweckverbands hat man immer auch Risiken abzuwägen. Der Sport ist für mich kein Risiko, es ist besser kalkulierbar für mich persönlich, Fallschirm zu springen als Motorrad zu fahren. Springen ist keine Risikosportart. Wir hatten im Jahr 2024 nicht einen einzigen Toten, sicher ein paar Verletzungen. Die Sicherheitstagung im Winter ist für Ausbildungspersonal obligatorisch, da werden auch besondere Fälle diskutiert. Wir haben einen sehr hohen Sicherheitsstandard weltweit. Wir haben ja nicht nur einen Fallschirm dabei, den wir selber packen und der regelmäßig geprüft wird, sondern auch noch einen Reservefallschirm, der von einem Techniker gepackt und geprüft wird. Und wir haben auch noch einen Öffnungsautomat in unserem System verbaut. Das heißt, sollte mal gar keine Reaktion vom Fallschirmspringer kommen, öffnet dieser Automat in einer noch sicheren Höhe den Reservefallschirm.

 

Selbst wenn man ohnmächtig werden würde, wäre trotzdem noch eine gewisse Sicherheit da?

Morhaus: Genau. Insofern haben wir relativ viel Sicherheit eingebaut. Wir haben noch Höhenmessgeräte im Helm, die uns akustisch und beim Speed Skydiving auch optisch mitteilen, wann die Schirmöffnung zu erfolgen hat.

 

Der Helm würde bei diesen Geschwindigkeiten nicht viel nützen, ist aber trotzdem Vorschrift?

Morhaus: In Deutschland ist beim Fallschirmsport eine schützende Kopfbedeckung zu tragen. Es gibt andere Nationen, da ist es nicht so, da können sie auch einfach so rausspringen. Der Helm schützt bei hohen Geschwindigkeiten, weil Haut sehr elastisch ist, und außerdem ist die Geräuschentwicklung enorm. Wir springen alle mit Gehörschutz. Das Vollvisier schützt und bringt eine höhere Konzentration.

 

Die Aerodynamik insgesamt spielt eine Rolle. Sie sind ja eine sehr schlanke Erscheinung. Mehr Körpergewicht bringt also nicht mehr Geschwindigkeit?

Morhaus: Das Körpergewicht spielt gar nicht so die zentrale Rolle. Wir haben auch Athleten an der Weltspitze, die durchaus etwas schwerer und größer sind, manche sind sogar deutlich schwerer. Um unter den Besten zu sein, braucht man große Körperspannung und Körperkontrolle. Da ist Muskulatur von Vorteil.

 

Das heißt, sie machen auch anderen Sport, Kraftsport zum Beispiel?

Morhaus: Das meiste findet tatsächlich am Boden statt. Das ist einmal die klassische Ausdauer, gerade über den Winter. 20, 30 Kilometer laufen zu können ist sicherlich kein Fehler. Kraftsport insofern, dass man eben Körperspannung aufbauen kann, also kein Muskelaufbau, sondern eher viele Halteübungen, Klimmzüge, Liegestützen, Planks (Anm.: Unterarmstützen). Das macht dann auch schön müde.

 

Ihre Frau ist auch schon mal mit Ihnen gesprungen? Das war sogar ein ganz besonderer Sprung.

Morhaus: Insgesamt ist sie schon dreimal gesprungen, aber sie hat mit mir vor einigen Jahren meinen tausendsten als Tandem-Sprung gemacht. Der Tausendste Sprung ist definitiv ein besonderer Sprung, weil „nie wieder dreistellig“. Das ist eine besondere Geschichte für Fallschirmspringer, da gibt’s nach der Landung normalerweise irgendeine komische Torte ins Gesicht und man wird mit kaltem Wasser abgeduscht.

 

Und ihre beiden Töchter haben ja das Virus auch schon geschluckt. Wenn die dann tatsächlich ihren ersten richtigen Sprung haben, steht dann Papa Morhaus da und hat doch ein bisschen Angst?

Morhaus: Angst glaube ich nicht. Ich mache das jetzt seit über 20 Jahren und kenne den Sport doch relativ gut. Mittlerweile weiß ich, was geht und was nicht so gut ist. Ich bin mir ziemlich sicher, mit einer guten Ausbildung und einer konservativen Schirmwahl habe ich da eigentlich keine großen Probleme und auch keine große Angst, sondern der Stolz würde bei mir überwiegen, wenn eine oder beide aus dem Flugzeug springen. Ich denke, der Reiz wird erst mal sein, mit Papa zusammen einen Tandemsprung zu machen. Da schaut dann vielleicht eher die Mama unten mit Sorge zu.

 

Wann gehen Sie den Weltrekord an?

Morhaus: Wir haben alle zwei Jahre eine Weltmeisterschaft. Meine Einzel-Leistungen waren dieses Mal nicht ganz so wie gewünscht, aber es hing auch mit einer leichten Erkältung zusammen. Insgesamt war die deutsche Delegation mit über 40 Sportlern erfolgreich. Im Achter-Formationsspringen haben wir die Bronzemedaille geholt, das ist ein sehr großer Erfolg. Einen sehr guten vierten Platz gab es bei der Akrobatik. Im Wingsuitfliegen gab es ebenfalls Bronze und auch im Speed Team und im Mixed-Team. Nächstes Jahr geht es nach Österreich, Hohenems, da ist dann die Europameisterschaft und der World Cup. Wir müssen unseren Titel verteidigen, wir sind amtierender Europameister und Vize Worldcup Sieger. Da können wir zeigen, was Europa so drauf hat. 2026 geht es dann wieder zu einer WM.

 

Dann drücken wir die Daumen, dass es dann auch mit den 500 Stundenkilometern klappt.

Morhaus: Ich gehe fest davon aus, dass das bald drin liegt.

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben