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Handarbeit 

Schlüsseldienst aus Lauffen: Einblicke in den Familienbetrieb Multi-Express 

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Gut beschlüsselt und bestens besohlt: Vater und Sohn erzählen über die Liebe zum Handwerk. In ihrem Geschäft Multi-Express in Lauffen haben sie sich auf Schuhreparaturen und Schlüsseldienste spezialisiert.

Von Lea Kobs
Sohn Ulas Sag (44) und Vater Günaltay Sag (63) in ihrem Geschäft in der Bahnhofsstraße in Lauffen am Neckar.
Sohn Ulas Sag (44) und Vater Günaltay Sag (63) in ihrem Geschäft in der Bahnhofsstraße in Lauffen am Neckar.  Foto: Lea Kobs

„Mein Vater hat mir alles beigebracht. Er ist mein Held und mein Vorbild“, sagt Ulas Sag. Zwischen Schlüsselfräse und Nähmaschine wird schnell klar, was der 44-Jährige meint. Im Geschäft Multi-Express von Günaltay Sag (63) steht ein oft vergessenes Handwerk im Vordergrund: Versteckt neben der Lauffener Bahnhofsunterführung bietet er Schuhreparaturen und Schlüsseldienste an. Sein Sohn Ulas Sag lernte das Handwerk von seinem Vater und hilft regelmäßig aus.

Von der Weltmetropole in den Heilbronner Landkreis

Ausgebildeter Schuhmacher war Günaltay Sag bereits im Alter von 17 Jahren. Der gebürtige Anatolier lernte in der türkischen Stadt Istanbul von verschiedenen erfahrenen Fachleuten: „Es gab keine Berufsschule oder eine klassische Ausbildung. Ich habe gelernt und gearbeitet wo ich konnte. Ganz ohne Maschinen. Alles per Hand.“

1987 zog der Ladeninhaber von der Türkei nach Stuttgart. In Lauffen ist er nun seit 17 Jahren und auch nicht mehr wegzudenken: „Er gehört einfach zu Lauffen. Ich komme schon seit Jahren“, erzählt eine Kundin des Geschäfts. Vor drei Monaten sind die beiden innerorts umgezogen und haben ihr Geschäft nun nicht nur in direkter Bahnhofsnähe, sondern auch um ein paar Quadratmeter vergrößert.

Multi steht für Multifunktion

Als der erfahrene Schuhmacher nach Deutschland kam, lernte er das vereinte Konzept des Schuh- und Schlüsseldienstes kennen. In seinen Zwanzigern ließ Günaltay Sag sich daraufhin in Stuttgart weiterbilden. Seinem Sohn gab er dieses Wissen von Anfang an weiter.

Im Laufe der Zeit bemerkte Ulas Sag, dass vermehrt Leute aus dem Umkreis in das Geschäft kamen und das Vater-Sohn-Duo baten, die versehentlich zugefallene Haustür zu öffnen. Da der Betrieb sich allerdings auf Schlüsselkopien und Anfertigungen spezialisiert hatte, dachte Ulas Sag um. Um die Dienstleistung des Not-und Aufsperrdienstes ebenfalls im Geschäft anbieten zu können, machte er eine Ausbildung und spezialisierte sich auf Schlosssicherheit und Schlüsselnotdienst: „Es sind meistens ältere Leute oder Familien mit jungen Kindern, die dafür zu uns kommen, und wir freuen uns zu helfen“, erzählt er.

Das richtige Werkzeug macht’s

Die meisten Anfragen bekommt Multi-Express allerdings für Näharbeiten, neue Reisverschlüsse und Besohlungen am Schuhwerk. Gearbeitet wird dafür mit einer Ausputzmaschine, einer Schuhpresse und einer Nähmaschine. Die Ausputzmaschine ist seit 40 Jahren ununterbrochen in Betrieb. Eine neue Maschine möchte Günaltay Sag nicht. Eingespielt mit seinen Werkzeugen zu sein, sei die Basis für ruhige Handgriffe und nahtloses Arbeiten. „Ganz wichtig sind aber natürlich die Klassiker: Ambos und Hammer“, fügt der Sohn hinzu. 

Neben den Fachgeräten für die Schuhreparatur findet man im Geschäft gegenüber eine zweite Werkbank für die Schlüsselutensilien. Schlüsselarbeiten werden bei Multi-Express zum größten Teil mit Fräsarbeiten an einer klassischen Schlüsselmaschine gemacht. Bei alten Möbelschlüsseln aus Messing feilen die beiden aber auch noch mit der Hand. Das ist dann ganz präzise Arbeit, erklären die Sags.

Die Wertschätzung der Kundschaft treibt die Beiden an

Wegen eines Bandscheibenvorfalls muss Günaltay Sag bald für ein paar Wochen in eine Reha-Klinik. Vollzeit einspringen wird der Sohn. Normalerweise ist er durch seine Arbeit als Notdienst im ganzen Landkreis und Raum Stuttgart unterwegs, doch seinem Vater zu helfen, ist für ihn selbstverständlich. Familie ist den beiden sehr wichtig, erzählen sie. Am liebsten hat Günaltay seine Enkel im Geschäft, die gerne ihren Großvater besuchen, um ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Doch nicht nur die eigene Familie treibt die beiden an.

Obwohl ein eigener Laden viel Arbeit ist, wollen die beiden keine Arbeiten auslagern oder abgeben. Es soll alles bei den beiden bleiben, sagt Ulas Sag. Seiner Meinung nach bemerkt auch die Kundschaft dieses Engagement und die Nähe zum Handwerk. „In den sozialen Medien werden oft unrealistisch schnelle oder zu einfache Lösungen gezeigt. Natürlich haben wir Angst, dass die jungen Menschen das Handwerk dadurch immer weniger schätzen. Doch unsere Kundschaft gibt uns dieses Gefühl bisher nicht“, so Ulas Sag.

Die Stammkundschaft und das positive Feedback motiviert Günaltay Sag auch nach dem Reha Aufenthalt, noch mehrere Jahre in seinem Geschäft zu werkeln und Kundschaft zu bedienen.

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