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Kritik an Landratsamt 

Leingartener Familie bangt vor Schulstart um Hilfe für Tochter mit Behinderung

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Eine Familie aus Leingarten sorgt sich, wie ihre Tochter mit Behinderung den Schulalltag meistern soll. Das Heilbronner Landratsamt entscheidet erst Wochen nach Schulbeginn, ob dem Mädchen eine Hilfe zur Seite gestellt werden kann.

Eine Familie aus Leingarten hofft, dass ihre siebenjährige Tochter mit Behinderung die notwendige Unterstützung für den Schulalltag erhält.
Eine Familie aus Leingarten hofft, dass ihre siebenjährige Tochter mit Behinderung die notwendige Unterstützung für den Schulalltag erhält.  Foto: Jan Woitas

Eigentlich sollte die Einschulung ihrer Tochter ein freudiger Schritt in einen neuen Lebensabschnitt werden. Doch für eine Familie aus Leingarten ist der Start in die Schule derzeit von Sorgen überschattet: Das Landratsamt Heilbronn hat bislang keine Eingliederungshilfe für das Mädchen bewilligt – und das, obwohl die Siebenjährige aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung auf Unterstützung angewiesen ist.

Das Kind leidet an einer sogenannten infantilen Zerebralparese. Die Erkrankung entsteht meist bei oder kurz nach der Geburt, etwa bei Frühgeborenen, und beeinträchtigt dauerhaft die Muskelkontrolle. Die angehende Schülerin kann nicht selbstständig laufen, bewegt sich mit einer Gehhilfe fort. Bereits im Kindergarten erhielt sie dreieinhalb Jahre lang Unterstützung – damals ebenfalls mit Genehmigung des Landratsamts.

Schulstart für Kind aus Leingarten ohne Zusicherung einer Begleitung schwierig 

Im September soll die Erstklässlerin eine Privatschule im Heilbronner Landkreis besuchen. „Barrierefrei ist sie zwar nicht, aber die Schule hat unserer Tochter eine Chance gegeben – das hat uns sehr gefreut“, sagen die Eltern, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Doch ohne die Zusicherung einer Schulbegleitung sei es schwierig für das Kind, in den Schulalltag zu finden.

Gerade in den Pausen könne es unübersichtlich und hektisch werden, schildert die Mutter: „Treppen alleine zu laufen, mitten im Getümmel, könnte gefährlich werden. Sie ist wegen ihres Gleichgewichtssinns sturzgefährdet.“ Auch bei einzelnen Wegen im Schulgebäude brauche das Mädchen Unterstützung.

Familie aus Leingarten: Entscheidung über Hilfe erst Wochen nach Schulbeginn

Die Familie hat nach eigenen Angaben mehrfach versucht, eine Lösung zu finden – bislang vergeblich. „Es herrscht keine Einsicht. Es ist, als ob wir gegen eine Wand stoßen.“ Das notwendige Gutachten, das über die Eingliederungshilfe entscheiden soll, ist erst für Mitte Oktober terminiert – einige Wochen nach Schulbeginn.

Warum es nicht möglich ist, den Termin vorzuziehen oder eine Übergangslösung zu finden, versteht die Familie nicht. „Wir kennen eine andere Familie mit denselben Voraussetzungen, die eine Übergangshilfe bekommen haben. Ob es an einer anderen Sachbearbeiterin liegt?“, fragt die Mutter.

Eltern aus Leingarten kritisieren mangelnde Inklusion – „Wollen kein Mitleid, aber etwas Entgegenkommen“ 

Besonders ärgerlich finden die Eltern, dass immer wieder von Inklusion gesprochen werde, sie im Alltag aber kaum spürbar sei. „Man hat es ja eh schon nicht einfach. Wir wollen kein Mitleid, aber etwas Entgegenkommen.“

Selbst bei Gudula Achterberg (Grüne), Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Heilbronn, zu dem auch Leingarten gehört, habe sich das Paar inzwischen gemeldet. Sie habe ihnen von einer Behindertenbeauftragten berichtet und empfohlen, den Weg über diese Stelle zu gehen. „Aber warum erfahren wir das von Frau Achterberg und nicht vom Landratsamt?“, fragen die Eltern.

Das sagt das Landratsamt Heilbronn zu dem Fall

Seitens des Landratsamts heißt es: Wechselt ein Kind von der Kita in eine Regelschule, können bereits ermittelte Assistenzstunden zunächst übernommen werden – vorausgesetzt, diese wurden zuvor durch eine individuelle Bedarfsermittlung festgelegt. Dennoch müsse nach der Einschulung erneut geprüft werden, wie hoch der tatsächliche Mehrbedarf im Schulalltag ist.

Bei einem Wechsel von der Kita an ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) geht die Behörde davon aus, dass dort genügend Fachpersonal vorhanden ist, um die Aufgaben zu erfüllen – auch während der Eingewöhnungsphase. Ob darüber hinaus zusätzliche Unterstützung nötig ist, müsse im Einzelfall entschieden werden.

Familie aus Leingarten besorgt: Wie soll Kind in der Schule ohne Hilfe ankommen ?

Grundsätzlich, so das Landratsamt, werde nicht unterschieden, ob ein Kind mit Behinderung eine staatliche oder private Schule besucht. Maßgeblich sei allein, ob es sich um eine Regelschule oder ein SBBZ handelt.

Unterstützungsbedarf könne erst festgestellt werden, wenn das Kind nach rund vier Wochen in seiner neuen Schulumgebung angekommen ist – vergleichbar mit einer Eingewöhnung im Kindergarten. Die Familie aus Leingarten fragt sich jedoch, wie ihr Kind überhaupt ankommen soll, wenn es ohne Hilfe nicht selbstständig sein kann.

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