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Nachhaltigkeitsgedanke

Reparatur-Cafés in Stadt und Landkreis Heilbronn: Der Andrang ist riesig

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Instand setzen statt wegwerfen: Ehrenamtliche reparieren Haushaltsgeräte, Fernseher und Fahrräder in den Reparatur-Cafés in Heilbronn und im Landkreis. Glückliche Gesichter sind der Dank.

Die zwölf Reparatur-Cafés im Landkreis (unser Foto zeigt Brackenheim) werden werden vom Landratsamt Heilbronn unterstützt. Auch in Heilbronn gibt es eine solche Werkstatt.
Die zwölf Reparatur-Cafés im Landkreis (unser Foto zeigt Brackenheim) werden werden vom Landratsamt Heilbronn unterstützt. Auch in Heilbronn gibt es eine solche Werkstatt.  Foto: Linda Möllers

Es ist das Strahlen, das sich auf dem Gesicht der Besucher ausbreitet, wenn beim Reparatur-Treff in Schwaigern ein Gegenstand repariert werden konnte, erzählt Manfred Litz. Beispielsweise bei einem Koch, dessen Profi-Rührgerät mit einem Mal wieder funktioniert. Diese Momente seien es, die auch ihn erfüllen. Vor einem Jahr ist der Ex-Schulleiter auf Initiative von Margarete Hofstetter reingerutscht, gemeinsam koordinieren sie nun den Reparatur-Treff. Monatlich werden in der Leintalschule vor allem elektrische Haushaltsgeräte wieder instand gesetzt, auch Fahrradreparaturen sind gefragt – oder die eine oder andere Bedienungsanleitung bei Smartphones und Laptops.

Der Treff wird sehr gut angenommen und ist laut Manfred Litz zu einem Selbstläufer geworden. „Wir können uns über Zuspruch nicht beklagen, es gibt immer genügend zu tun. Wir bekommen außerdem äußerst positive Rückmeldungen zu dem Projekt.“ Untergekommen ist die Initiative unter dem Dach des Fördervereins der Schule, es lässt sich ein Bogen spannen vom Nachhaltigkeitsgedanken des Reparatur-Treffs hin zu dem allgemeinen Leitprinzip und Bildungsauftrag der Schule – und damit zur jüngeren Generation, die vom Wegwerfgedanken weggebracht werden soll. Beratung und Unterstützung bei der Einrichtung des Reparatur-Treffs kam von der bundesweiten Repair-Initiative sowie vom Heilbronner Landratsamt. Das landkreisweite Netzwerk half dabei, ehrenamtliche Reparaturprofis zu finden: „Diese Vernetzung finde ich ganz toll“, sagt Manfred Litz. Inzwischen würden viele Reparaturprofis ihre Dienste von sich aus beim Treff anbieten.

Der Nostalgie-Charakter spielt eine große Rolle

Seit fast elf Jahren wird im Heilbronner Reparier-Café getüftelt – und das mit großer Begeisterung bei Hilfesuchenden und Reparierenden. „Wir haben 13 angemeldete, ehrenamtliche Reparierer“, verkündet Gründungsmitglied Klaus-Peter Hubing.

An den beiden Öffnungstagen im Monat – jeweils am zweiten und vierten Montag von 15 bis 17 Uhr im Makerspace der Experimenta – konzentriert man sich verstärkt auf Radios, Staubsauger und Küchengeräte. Doch auch ausgefallenere Projekte wurden bereits zu neuem Leben erweckt, darunter ein tausend Euro teures Fitnessgerät oder ein kleines Kinder-Karussell.

„Die Menschen kommen zu uns, weil ihr defektes Gerät für sie noch einen Wert hat – sei es aus Nostalgie, als Andenken, wegen des hohen Rohstoffverbrauchs der Gesellschaft oder aus Kostengründen“, so Hubing weiter. Auch der soziale Kontakt – das gemeinsame Arbeiten – verleihe dem Reparier-Café seinen ganz eigenen Charme. „Wir sind keine Dienstleister, bei uns heißt es: mit anpacken“, sagt der dienstälteste Helfer. „Wenn wir den Staubsauger reparieren, muss der Hilfesuchende auch mal das Gerät anheben.“ Den Ehrenamtlichen bereitet das Ganze viel Freude, und eine Spendenkasse ermöglicht hin und wieder einen gemeinsamen Restaurantbesuch. 

Viele Stammgäste schauen vorbei

Das Reparaturcafé in Neuenstadt gibt es seit 2017. Es hat sich als eines der ersten im Landkreis Heilbronn gegründet. Die Nachfrage ist heute konstant, freut sich Sören Oberndörfer, Vorsitzender des Jugendfördervereins Brückedächle, der das Café betreibt. „Obwohl es jetzt schon einige gegründete Reparaturcafés im Landkreis gibt, sind unsere Reparateure an jedem Termin gut ausgelastet.“ Zwischen vier und 20 Reparaturen werden an den Terminen, die jeden vierten Samstag im Monat ab 14 Uhr im Erdgeschoss der Öhringer Straße 24 angeboten werden, von den circa acht Ehrenamtlichen vorgenommen.

„Es gibt inzwischen viele Stammgäste, die mit anderen defekten Geräten vorbeikommen, viele kommen aber auch durch Empfehlungen“, berichtet Oberndörfer. Die Klassiker seien Küchengeräte wie Toaster, Kaffeemaschinen, aber auch Haushalts- und Gartengeräte wie  Staubsauger oder Rasenmäher. Es gebe zudem Spezialisten für PC und Notebooks. Die Devise lautet: „Wir schauen uns prinzipiell alles an, was man selbst tragen kann. Die Grenze sind Großgeräte wie Kühlschränke, Waschmaschinen, Spülmaschinen.“

Wartezeiten werden mit Kaffee und Kuchen überbrückt

Wer ein kaputtes Gerät hat, kann ohne Anmeldung im sogenannten FabLab vorbeikommen, aus dem sich das Reparaturcafé entwickelt hat. Sobald einer der Reparateure Zeit hat, werde das Problem besprochen und das Gerät gemeinsam auseinander gebaut, je nach Fähigkeiten der Gäste. Wartezeiten werden mit Kaffee und Kuchen überbrückt. Oberndörfer stellt aber auch klar: „Wir sind kein Reparaturservice mit Auftragsvergabe, eine Abgabe von Geräten ist nicht erwünscht.“ Die Idee sei vielmehr „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu leisten. „Es sollen auch Ängste vor kleinen Reparaturen bei Besuchenden abgebaut werden und eine gewisse Befähigung stattfinden, selbst mal den Schraubenzieher in die Hand zu nehmen. Jede Reparatur ist also ein Gemeinschaftsprojekt.“

Der Andrang ist riesig: Zwischen 20 und 50 „Kunden“ kommen jeden letzten Freitag im Monat von 15 bis 17.15 Uhr ins Jugendhaus im Alten Bahnhof nach Obersulm-Willsbach, wenn es wieder heißt „Reparieren statt wegwerfen“. Vor allem die Generation 50 plus nutze die Möglichkeit, Radios, Fernsehgeräte, Lampen, Kaffeemaschinen und Gartengeräte instand setzen zu lassen oder bei Handy-Problemen unterstützt zu werden, erzählt Udo Splettstößer, der das Repair-Café im Januar 2023 initiiert hat. Aber auch einem Teenager mit seinem DJ-Pult wurde schon geholfen. Wichtig: Ersatzteile müssen bezahlt werden. Die Dienstleistung ist kostenlos, Spenden sind willkommen. Dankbar sind der 69-Jährige und seine Mitstreiter für die jährlich 1000 Euro Unterstützung vom Landratsamt Heilbronn.

Rund 25 Ehrenamtliche zählt das Team. „Alles Menschen mit Affinität zur Elektrotechnik“, sagt Splettstößer, selbst gelernter Mechatroniker und Physiker. „Das ist wichtig, wenn man mit 230-Volt-Geräten arbeitet.“ Deshalb dürften die Besucher auch nicht mithelfen – höchstens mit Ideen. Wer Säume oder Risse in geliebten Kleidungsstücken ausbessern lassen möchte, ist hier ebenfalls an der richtigen Adresse: Drei Frauen, eine davon gelernte Schneiderin, machen es gerne. Jugendreferatsmitarbeiter sorgen indes für Kaffee und Kuchen. „Man sieht richtig das Strahlen in den Augen der Leute“ – das sei für ihn der schönste Lohn, freut sich Udo Splettstößer.

Die Reparateure arbeiten kostenlos

Seit Anfang 2023 gibt es das Reparatur Café in Bad Rappenau. Alle zwei Monate laden die Mitglieder des Vereins die Bürger ein, ihre beschädigten Geräte vorbeizubringen. Wasserkocher, Toaster und andere Gegenstände gegen dann durch die Hände der zwölf Reparateure. „Insgesamt haben wir seit dem ersten Termin 561 Geräte untersucht“, erzählt der Vorsitzende, Klaus Ries-Müller. Fast 400 Personen seien seit dem Aufschlag vor fast zweieinhalb Jahren gekommen. Vielen konnte seitdem geholfen werden. 

Der Einsatz der Reparateure ist kostenlos. Der Verein gehört zur Reparatur-Initiative und wird von einer Stiftung betreut. DieTreffen sind nicht-kommerzielle Veranstaltungen, deren Ziel es ist, Müll zu vermeiden, Ressourcen zu sparen, damit die Umwelt zu schonen und nachhaltige Lebensweisen in der Praxis zu erproben. Der nächste Termin in Bad Rappenau findet am 26. Juli im Hotel Häffner in der Salinenstraße statt. 

Reparatur-Cafés gibt es in Neuenstadt, Obersulm, Bad Rappenau, Bad Friedrichshall, Untergruppenbach, Brackenheim, Neckarsulm, Richen, Schwaigern und Lauffen. Das Abfallwirtschaftsamt Heilbronn vernetzt die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer und  informiert auf seiner Homepage über finanzielle Fördermöglichkeiten. In der Stadt Heilbronn findet sich das Reparier-Café in der Experimenta.

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