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Skopje/Heilbronn

Flugzeugabsturz überlebt: Polizisten schildern ihre Erlebnisse

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Eine Passagiermaschine kommt ins Trudeln und kracht bei Skopje (Nordmazedonien) in den Schnee. 28 Jahre nach dem Unglück erzählen zwei Polizisten aus dem Hohenlohekreis von dem Unglück. Die beiden sind Kollegen und nach wie vor befreundet.

Dieter Weinmann (51): Seit dem Absturz in Mazedonien ist er nicht mehr geflogen.
Fotos: Robert Giancola
Dieter Weinmann (51): Seit dem Absturz in Mazedonien ist er nicht mehr geflogen. Fotos: Robert Giancola  Foto: Giancola, Robert

Es ist kurz nach dem Start, als die Passagiermaschine der staatlichen Fluggesellschaft Palair Macedonian Airways nach rechts, dann nach links abkippt, an Höhe verliert und aus mehreren hundert Metern in den verschneiten Boden von Skopje kracht. Der 5. März 1993 ist ein Freitag. 97 Menschen sind an Bord, 14 überleben. Darunter die beiden Beamten der Bundespolizei Matthias Hüber und Dieter Weinmann. Beide kommen aus Dörzbach-Hohebach im Hohenlohekreis und kennen sich seit ihrer Kindheit. Weinmann wird wie sein Freund Polizist. Sie arbeiten bei der Bundespolizei am Heilbronner Hauptbahnhof.

Weinmann und Hüber sitzen im Besprechungsraum des Reviers in Heilbronn. Der Absturz ist bei beiden nach wie vor präsent. An jenem Montag fangen die Polizisten am Flughafen Stuttgart an. Drei Tage später sollen sie 20 abgelehnte Asylbewerber in die mazedonische Hauptstadt Skopje begleiten. Unter ihnen auch mehrere straffällig gewordene Männer. Der Pilot will, dass Polizisten den Flug begleiten. Einen Tag später der Rückflug.

Der Aufschlag, dann eine Explosion

Matthias Hüber (55): Vor fünf Jahren ist er das erste Mal wieder in ein Flugzeug gestiegen.  Foto: Giancola, Robert

"Ich saß direkt bei der Tragfläche, mein Kollege saß ganz hinten", sagt der heute 51 Jahre alte Weinmann. Ja, er habe bemerkt, dass irgendwas nicht stimme, dass die Maschine abschmiere. Wenige Sekunden später der Aufschlag, eine Explosion. "Dann war ich weg." Kurz danach wacht der damals 23-Jährige auf. Er ist angeschnallt an seinem Sitz aus der Maschine geschleudert worden, sitzt etwa 15 Meter entfernt von den Trümmern. "Das Flugzeug war vollgetankt mit Kerosin. Ich habe gebrannt."

Weinmann gelingt es, sich trotz Verbrennungen an den Händen abzuschnallen und die brennenden Kleider auszuziehen. "Die Verletzten haben geschrien." Um das Wrack herum liegen Leichen. Immer wieder kommt es zu kleineren Explosionen. Er sieht, wie einer der Überlebenden mit dem Feuerlöscher versucht, das brennende Flugzeug zu löschen. Weinmann sucht nach seinem Freund und Kollegen.

Mehrere Brüche am Bein und im Gesicht

Der damals 23-jährige Dieter Weinmann (links) erleidet Verbrennungen zweiten Grades. Sein Freund und Kollege Matthias Hüber, der beim Unglück 27 Jahre alt ist, bricht sich Unterschenkel, Knöchel und mehrere Knochen im Gesicht.
Foto: privat
Der damals 23-jährige Dieter Weinmann (links) erleidet Verbrennungen zweiten Grades. Sein Freund und Kollege Matthias Hüber, der beim Unglück 27 Jahre alt ist, bricht sich Unterschenkel, Knöchel und mehrere Knochen im Gesicht. Foto: privat  Foto: privat

"Ich saß ja ganz hinten in der Maschine", sagt Hüber. Die Explosion hat das Leitwerk vom Flugzeugrumpf getrennt. Der damals 27-Jährige sitzt eingeklemmt auf seinem Sitz. Wie er später erfährt, bricht er sich Knöchel, Schien- und Wadenbein. Außerdem erleidet er mehrere Brüche im Gesicht. Er schnallt sich ab und robbt auf allen Vieren aus dem Flugzeugwrack. "Ich dachte, gleich explodiert das Ding, und wollte nur noch weg." Draußen trifft er auf seinen Kollegen Weinmann. Beide sind schwer verletzt. Sie leben.

Wenige Kilometer von der Absturzstelle entfernt sind ein skandinavisches Kontingent von UN-Soldaten und Militärpolizisten stationiert. Sie eilen zur Unglücksstelle und sehen die vielen Toten, die Verletzten und das Chaos des in Trümmerteile zerstörten Flugzeugs. Hubschrauber bringen die Verletzten nach Skopje ins Krankenhaus. Noch ist in Deutschland nicht klar, wer den Absturz überlebt hat. Weinmanns Name steht auf der Liste der Toten.

Verlegung nach Deutschland

Die Fokker 100 PH-KXL der staatlichen Fluggesellschaft Palair Macedonian Airways. Zwei Wochen, nachdem die Maschine auf dem Flughafen in Skopje fotografiert wird, stürzt sie kurz nach dem Start ab.
Foto: Torsten Maiwald
Die Fokker 100 PH-KXL der staatlichen Fluggesellschaft Palair Macedonian Airways. Zwei Wochen, nachdem die Maschine auf dem Flughafen in Skopje fotografiert wird, stürzt sie kurz nach dem Start ab. Foto: Torsten Maiwald  Foto: Torsten Maiwald

"Wir lagen in unterschiedlichen Zimmern. Im Krankenhaus sprach niemand Englisch und ich konnte aufgrund meiner Verletzungen meinen Namen nicht aufschreiben", sagt Weinmann. Der Fernsehsender RTL ruft im Krankenhaus an und interviewt ihn. Er erzählt von dem Absturz. "Das war die Chance, daheim zu sagen, dass ich überlebt habe." Ein Bundeswehrarzt besteht auf die Verlegung der Polizisten nach Deutschland. Sie kommen ins Robert-Bosch-Krankenhaus nach Stuttgart. Hüber wird am selben Abend noch operiert.

Hüber und Weinmann sind nach wie vor Freunde. Den 5. März verbringen sie seit dem Absturz zusammen. Durch die Verbrennungen spürt Weinmann ein leichtes Kribbeln, wenn er zu lange in der Sonne ist. Hübers linkes Bein ist 1,5 Zentimeter kürzer, am rechten Auge sieht er manchmal Doppelbilder. Vier ihrer Kollegen gehören zu den 83 Passagieren, die gestorben sind. Weshalb gerade sie überlebt haben? "Wir kommen auf kein Ergebnis. War es Riesenglück, Zufall, Fügung?" Am Tag des Absturzes hat Weinmanns Vater Geburtstag. Den feiern die beiden auch.

 

Absturzursache

Als die Maschine die Startfreigabe erhält, schneit es in Skopje. Nach Angaben des Aviation Safety Network (ASN, englisch für Flugsicherheits-Netzwerk) sei die Maschine vermutlich aufgrund der vereisten Tragflächen abgestürzt. Vor dem Start habe Unklarheit geherrscht, ob sie enteist werden solle. Man entscheidet sich dagegen, Während die Unglücksmaschine auf die Startbahn rollt, werden zur gleichen Zeit die Tragflächen eines anderen Flugzeugs enteist worden.

 
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