Zufrieden im Lockdown: Wie zwei Heilbronner Wirte der Corona-Krise trotzen
Die Gastronomiebranche ist durch den Dauerlockdown stark gebeutelt. Zwei Wirte aus Heilbronn berichten, wie sie trotz Corona zuversichtlich bleiben und mit eigenen Ideen Einnahmeausfälle kompensieren.
Seit November sind die Türen der Lokale bereits zum zweiten Mal geschlossen. Nur über den Außer-Haus-Verkauf kann Geld in die Kasse fließen. Die Aussichten, die Corona-Krise zu überstehen, werden vom Branchenverband Dehoga als kritisch bis sehr ernst beschrieben. Rund sieben Milliarden Euro Umsatz habe das Hotel- und Gaststättengewerbe im Land seit Pandemiebeginn verloren, "ein unfassbarer, irreparabler Schaden", teilte der Landesverband im März mit. Wie soll das weiter gehen?
Wir haben zwei Heilbronner Gastwirte gefunden, die inmitten der auszehrenden Pandemie mit eigenen Ideen zu einem Teil den Einnahmeausfall auffangen konnten. Während Michael Allmis in seiner schwäbischen Snack-Bar nach wie vor für viele Stammgäste kocht und von der guten Kundenresonanz selbst etwas überrascht ist, erlebt Irena Prokop, Inhaberin des Craftelicious, mit Online-Bierproben und einem Bottleshop eine unerwartet große Nachfrage.
Es sind zwei Beispiele, die in einer schwierigen Situation der gesamten Branche zumindest ein Stück weit Mut machen können.
Bier-Tastings und Bottleshop: Irena Prokop, Craftelicious

"Ich bin richtig gut reingekommen", sagt Irena Prokop und lächelt dabei ein wenig wehmütig. Im August 2019 hatte sie in der ehemaligen Weinstube Zinser, in der Fischergasse 1, ihr Bierrestaurant Craftelicious eröffnet. "Die Selbstständigkeit war immer ein Wunsch von mir, und seit 2014 hatten wir den Traum, etwas Eigenes aufzubauen", betont die 37-Jährige.
Wir, das ist auch ihr Mann Zdenek Prokop, zufälligerweise Bierbrauer bei der Palmbräu-Brauerei in Eppingen. Als Tscheche ist Prokop praktisch mit Bier aufgewachsen und hat schon als junger Mann in seiner Heimat mit Bier experimentiert, als man in Deutschland den Begriff Craft Bier noch gar nicht kannte.
Die Schankanlage, die heute im Craftelicious steht, hat Zdenek Prokop selbst gebaut. Der Brauer hatte sich anfangs sogar überlegt, seinen Job an den Nagel zu hängen, um selbst mit einzusteigen. Heute ist er froh, dass er das nicht gemacht hat. "Wir haben uns zum Glück für Plan A entschieden: langsam anfangen", sagt der 36-Jährige. Dabei verlief der Start ganz schön dynamisch. An den Wochenenden waren wir voll, der Trend war sehr gut", blickt Irena Prokop, die im Oktober 2018 in München und Salzburg eine Ausbildung zur Biersommelière gemacht hat, zurück. Dann brach die Corona-Pandemie aus und veränderte alles. "Am Anfang war ich noch sehr optimistisch, weil wir schon einen Puffer für zwei, drei Monate gebildet hatten. Doch dann wurde es hart", betont Prokop. Besonders, als auf die Wiedereröffnung im Mai 2020 der erneute Lockdown folgte.
In der Not entwickelten die Gastronomen ihren Bottelshop und Online-Tastings, die erstaunlich gut nachgefragt werden. "Inzwischen machen wir rund 75 Prozent des normalen Umsatzes", freut sich Irena Prokop. Auf einer eigens entwickelten Videoplattform können sich Teilnehmer zusammenschalten und jeden Freitag eine Verkostung mit Tipps und Geschichten rund um verschiedene Biersorten genießen.
Zuvor ordern die Kunden per Post die angebotenen Bierpakete oder holen sie im Bottleshop im Restaurant ab. Neben zehn festen Biersorten bietet das Ehepaar auch zahlreiche weitere ausgesuchte Craft Biere vor allem aus Deutschland, Tschechien und Polen an. Auch mit selbst entwickelten Rezepturen wird gearbeitet. "Wir sind derzeit dabei, eine neue Marke zu kreieren", verrät Zdenek Prokop. Dabei soll es nicht bleiben.
Denn die Corona-Zeit nutzen die Bierexperten, um weiter am Konzept von Craftelicious zu feilen. "Bisher haben wir in der Regel Vesper- und Käseplatten zum Bier angeboten, künftig wollen wir Antipasti- und Pastatage einführen", betont Irena Prokop. Auch ein gemeinsames Sommerfest am 7. August ist mit den umliegenden Gaststätten fest eingeplant.
Geplant ist auch die Entwicklung weiterer Biersorten. "Derzeit wird unter den Brauern viel mit Malz experimentiert", erklärt Zdenek Prokop. "Alles ist zurzeit schwierig zu planen, wir bleiben dennoch optimistisch", verspricht Irena Prokop. Und voller Tatendrang. So will das Paar künftig auch digitale Tastings für Firmen anbieten. "Wir wollen auch weitere eigene Biere brauen, die wir dann in einem größerem Rahmen anbieten", nennt Zdenek Prokop seine nächsten Pläne. Und noch einen Traum wollen sich die Gastronomen erfüllen. "Wir waren kurz davor, einen Verein für Bierkultur in Heilbronn zu gründen. Es gab viele Kunden und Bekannte, die gesagt haben, da machen wir mit", sagt Zdenek Prokop. An diesem Ziel wollen die Bierexperten festhalten, wenn das normale Leben nach Corona wieder beginnt.
Mit Snack-Bar weiter gut zu tun: Michael Allmis, Michels Küche

"Ich habe keine Sekunde daran gedacht, das Lokal zuzumachen." Entspannt wirkt Michel Allmis an diesem Nachmittag, eher ungewöhnlich für einen Gastronomen in diesen Zeiten. Doch Allmis hat gerade ein gutes Mittagsgeschäft in seiner kleinen schwäbischen Snack-Bar "Michels Küche" in der Heilbronner Hafenmarktpassage hinter sich. "Es war viel los heute."
Der 46-Jährige darf wie alle anderen nur Gerichte ausliefern oder abholen lassen. Seit November schon gilt der Lockdown. Doch das funktioniert bei ihm, der 2018 hier anfing, überraschend gut. "Viele Stammkunden halten uns die Treue, das hat mich selbst ein bisschen überrascht." Man kann sagen, der Restaurantfachmann, der im Hotel Schloss Heinsheim gelernt hat und später 16 Jahre auf Mallorca in Küchen und Tapas-Bars arbeitete, macht das Beste aus der Corona-Krise. Gleich im ersten Lockdown im April hat er reagiert, einen knallroten Elektro-Roller mit großer Warmhaltebox für Lieferdienste gekauft, der werbewirksam vor seinem 60-Quadratmeter-Lokal steht.
Seine Gerichte mit viel hausgemachten Beilagen und Soßen, Maultaschen, Krustenbraten mit Semmelknödeln, Cordon Bleu mit Fleisch oder vegetarisch, Gulasch oder das Pilzragout, kommen an. Klar hat er Umsatzeinbußen, durch fehlende Getränkeverkäufe, durch weniger Kunden in der Innenstadt. Der Heilbronner beziffert sie mit rund 25 Prozent. Aber: "Damit können wir klar kommen. Meine Frau und ich leben bescheiden. Und wir können weiter auch die Kreditraten bedienen." Mit seiner Frau und einer Angestellten stemmt er das Lokal – das die Öffnungszeiten im Lockdown etwas reduziert hat, werktags über Mittag und am frühen Abend geöffnet ist.
Allmis hört öfter Lob über das Essen, wenn Kunden Teller oder Mehrweg-Essensboxen wiederbringen. "Das tut gut. Schließlich bereite ich alles ab 7 Uhr morgens schon vor." Bestellt wird via Telefon oder über die Internetseite, die er im Lockdown auch zum Bestellen mit Wunschzeit eingerichtet hat. Um Plastikmüll zu vermeiden, gibt er Speisen auch in kompostierbaren Boxen aus Zuckerrohr aus. Beim Essensangebot aber blieb er beim Bewährten: Die Speisekarte ist dieselbe wie vorher.
Wieso er noch vergleichsweise gut da steht? Der 46-Jährige kennt Kollegen, die eine hohe Pacht drückt oder die es mit reinen Getränkelokalen sehr schwer haben. "Offenbar schätzen Kunden unsere Qualität und finden uns auch ganz gut." Er sieht bei sich keine dunklen Wolken am Corona-Horizont aufziehen. "Uns geht es in der Krise noch gut." Wichtig sei, dass man als Wirt "präsent bleibt".
Inzwischen denkt er – Pandemie hin oder her – sogar darüber nach, sich mit einem neuen Lokal zu vergrößern. Gut 38 Sitzplätze hat der 46-Jährige derzeit innen und außen – im Normalfall ohne Lockdown. Im Sommer, als die Snack Bar offen war, hat er aus Platzmangel Gäste auch mal wegschicken müssen. "Ein bisschen größer", umschreibt er seinen Lokalwunsch, so dass er die Arbeit auch noch bewältigen kann. Und auch hier schreckt ihn Corona nicht ab, auf der Suche nach einer geeigneten Adresse weiterzumachen.
Was ihm derzeit am meisten fehlt? Allmis nennt den intensiveren Austausch mit den Gästen. Derzeit sei das ja aufs Ausgeben der Gerichte beschränkt. Und er vermisst Familientreffen mit Feier und gutem Essen. In einer Familie, in der viele in der Gastronomie arbeiten. Da muss auch kein bombastisches Mahl auf den Tisch kommen. Sein Lieblingsgericht ist: Linsen mit Spätzle und Saiten.
Einbrüche
Die Gaststätten zählen zu den von der Corona-Krise am stärksten betroffenen Branchen. Nach der jüngsten Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) geben 70 Prozent der Betriebe im Land an, dass ihre Existenz bedroht sei. Auch die Zahl der Beschäftigten in der Branche ist um 25 Prozent eingebrochen. "Uns macht auch große Sorge, dass wir allein 2020 ein Viertel weniger Ausbildungsverhältnisse haben", sagt Burkhard Siebert, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in der Region Heilbronn.
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare