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Heilbronn

Zivilcouragepreis: Helden des Alltags für Einsatz belohnt

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Am Montagabend wird der Zivilcouragepreis 2017 an zwölf mutige Bürger verliehen. Einige schreckten sogar vor einem Aggressor mit einem Messer nicht zurück, um anderen zu helfen. Initiatoren übergeben insgesamt 2500 Euro Preisgeld.

Von Carsten Friese

Es war ein spontanes Eingreifen, um Menschen in Not vor ihren Peinigern zu schützen. "Für mich sind Sie Helden des Alltags", wählte Polizeipräsident Hans Becker am Montagabend im Großen Ratssaal des Heilbronner Rathauses große Worte. Zwölf mutige Bürger sind dort mit dem Zivilcouragepreis 2017 ausgezeichnet worden und erhielten für ihr mutiges Auftreten in Notsituationen neben einer Urkunde auch ein Preisgeld.

Elf Mal 200 und ein Mal 300 Euro überreichten die Initiatoren des Vereins Sicher im Heilbronner Land, der Bürgerstiftung Heilbronn und der Heilbronner Stimme an die Preisträger. Weil er allein in einer sehr gefährlichen Situation handelte und eine Frau vor ihrem gewalttätigen Ehemann rettete, erhielt Enes Dogan die höchste Einzelsumme.

Gehandelt, statt lange nachzudenken

Der heute 27-Jährige hatte im März 2017 in einem Mehrfamilienhaus leise Hilfeschreie und das Geräusch von Schlägen gehört, war in den Keller hinabgelaufen und hatte die Frau mit den Blutergüssen am Kopf gesehen. Er stieß den Ehemann weg, verhalf der Frau zur Flucht und sah sich plötzlich dem unbekannten Aggressor gegenüber, der ein Messer gezückt hatte.

Dogan ergriff geistesgegenwärtig dessen Handgelenke, konnte das Messer zu Boden bringen und den Täter in eine Ecke stoßen, ehe er sich und seine Mutter in Sicherheit brachte. "Ich habe nicht groß nachgedacht - und würde wieder so handeln", sagte er nach der Preisübergabe.

Sich kümmern um Mitmenschen

Der gebürtige Heilbronner, der damals bei seinen Eltern zu Besuch war, war eigens aus seinem jetzigen Wohnort München zu der Feierstunde angereist. Die Einladung sei "eine schöne Geste", sagte er. Dogan steht stellvertetend für alle anderen, die mit ihrem Einsatz nach den Worten von Heilbronns Bürgermeisterin Agnes Christner gezeigt haben, "dass Ihnen Ihre Mitmenschen nicht egal sind".

Solche Eigenschaften "braucht unsere Gesellschaft mehr denn je", sagte sie. Für Uwe Ralf Heer, Chefredakteur der Heilbronner Stimme, sind solche couragierten Taten "nicht selbstverständlich". Diese Verhaltensweisen mit dem Zivilcouragepreis öffentlich zu machen, sei wichtig, "dann wird es auch Nachahmer geben". Teilnahmslos

Elf weitere Preisträger

Weitere Preisträger sind: Paul Stellwag (Heilbronn), Desiree Dos Santos Carneiro (Bönnigheim), Hüdaverdi Atey (Heilbronn), Olaf Rinnebach (Großerlach), Jan Pfeil (Eppingen), Steffen Hartkopf (Heilbronn), Andreas Otto (Heilbronn), Erwin Brosius (Rosenberg), Paul-Benjamin Korn (Heilbronn), Nikola Antunovic (Heilbronn) und Muhammed Görücü (Beilstein).

Student Paul Stellwag kam einer Frau zu Hilfe, die am Heilbronner Hauptbahnhof von einem unbekannten Aggressor aus heiterem Himmel mit Faustschlägen traktiert worden war, weil sie etwas lauter mit dem Handy telefoniert hatte. Er habe einfach gehandelt, als er die Schreie hörte, und sei zu der Frau hingelaufen, sagte der Erlenbacher. Erschreckend fand der 20-Jährige, dass direkt dabei stehende Passanten nichts unternommen hätten.

 

 

Die Fälle im Einzelnen: Auszeichnung der Einzelpreise „Spontantes Einschreiten“

  1. Junge Passanten schützen Frau vor Angreifer

Auf dem Vorplatz des Heilbronner Hauptbahnhofs telefonierte eine 42-Jährige am Nachmittag des 17.02.2017 mit ihrem Mobiltelefon. Aufgrund der schlechten Verbindung musste sie mehrfach bei ihrer Gesprächspartnerin nachfragen, was einen 48-Jährigen, der unweit entfernt auf einer Bank saß, enorm in Rage brachte. Er stand unvermittelt auf, ging auf die Frau zu, entriss ihr das Telefon und schleuderte es weg. Dann holte er zum Schlag aus und traktierte die völlig verwirrte 42-Jährige mit etlichen kräftigen Fausthieben. Unabhängig voneinander wurden Herr Stellwag und Frau Dos Santos Carneiro (beide 20 Jahre alt) auf den Vorfall aufmerksam und griffen ein. Sie stellten sich schützend vor die Angegriffene und unterbanden so die Schläge. Zwei andere Männer, einer davon ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG, hielten den Angreifer fest, bis die vom Zeugen Stellwag gerufene Polizei eintraf.

Preisträger:

  • Paul Stellwag, Heilbronn, 200 Euro 
  • Desiree Dos Santos Carneiro, Bönnigheim, 200 Euro

 

 

  1. Zeuge schützt Frau vor gewalttätigem Ehemann

Aufgrund massiver Ehestreitigkeiten zog eine 58-jährige Heilbronnerin vorübergehend zu ihrem Sohn in die Nachbarschaft. Als sie am Nachmittag des 12.03.2017 gemeinsam mit ihrem Enkelkind einige Habseligkeiten aus der ehelichen Wohnung holen wollte, traf sie im Keller des Mehrfamilienhauses auf ihren 55-jährigen Ehemann. Dort kam es wiederum zum Streit, in dessen Verlauf sie von ihrem Ehemann mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde. Zudem stieß er ihr mit dem Knie ins Gesicht und trat auf die am Boden liegende Frau ein. Ein 26-jähriger Besucher eines Hausmitbewohners vernahm die Auseinandersetzung und ging dazwischen, wodurch es der Geschädigten gelang, aus dem Haus zu flüchten. Der wütende Ehemann drohte dem 26-Jährigen mit einem Messer in der Hand, worauf hin der junge Mann die Hausausgangstür von außen zuhielt, um der Frau die ungehinderte Flucht zu ermöglichen.

Preisträger:

  • Enes Dogan, München, 300 Euro

 

 

  1. Zeuge hält gewalttätigen Kunden in Schach

Ein 29-jähriger Kunde der Beauty-Lounge in Heilbronn geriet am Nachmittag des 27.01.2017 in Rage, weil er seiner Meinung nach zu lange warten musste. Er beleidigte die Inhaberin der Lounge, weshalb diese ihm die Behandlung verweigerte und den jungen Mann der Geschäftsräume verwies. Dieser verließ schimpfend und auf den Boden spuckend die Lounge, kam dann aber unvermittelt zurück und streckte die Inhaberin mit einem Faustschlag ins Gesicht nieder, wodurch sich diese verletzte. Ein in der Nähe in seinem Fahrzeug wartender 24-jähriger beobachtete die Geschehnisse und ging schützend dazwischen. Beim Versuch den aufgebrachten 29-Jährigen zu besänftigen, erhielt auch der Zeuge einen Faustschlag ins Gesicht. Zudem zog der 29-Jährige ein Taschenmesser, mit dem er Stichbewegungen in Richtung des Zeugen machte. Durch das Zurückweichen des 24-jährigen und die mittlerweile eintreffenden Polizeibeamten konnten weitere Verletzungen verhindert werden. Die Beamten entwaffneten den weiterhin aggressiven Mann und legten ihm Handschließen an.

Preisträger:

  • Hüdaverdi Atay, Heilbronn, 200 Euro

 

 

  1. Zeuge verhindert Schlag mit einer Glasflasche

Die Angestellte einer Bäckereifiliale in Löwenstein bat am Morgen des 12.03.2017 mehrfach einen direkt vor dem Eingang um Almosen bettelten 23-Jährigen, dies zu unterlassen. Da dieser der Bitte nicht nachkam, forderte ein hinzugerufener Fahrer der Bäckerei den Bettelnden erneut auf, den Zugangsbereich des Geschäfts zu verlassen und drohte damit, ansonsten die Polizei zu verständigen. Dies veranlasste den 23-Jährigen dazu, mit den Fäusten nach dem Bäckereiangestellten zu schlagen und zu spucken. Da ihn der Bäckereiangestellte ergreifen wollte, flüchtete der 23-Jährige, ergriff dann jedoch eine auf dem Boden liegende Bierflasche mit der er zum Schlag gegen den Kopf des Fahrers ausholte. Ein 52-jähriger Passant beobachtete die Situation und ergriff geistesgegenwärtig den 23-Jährigen unmittelbar vor dem Schlag. Er brachte den jungen Mann zu Boden und hielt ihn dort fest, bis die Polizei kam. Nur durch das Eingreifen des Passanten konnte eine Verletzung des Fahrers verhindert werden.

Preisträger:

  • Olaf Rinnebach, Großerlach, 200 Euro

 

 

  1. Lehrer verhindert Fahrraddiebstahl

Zur Mittagszeit des 27.03.2017 wollte ein 30-jähriger Lehrer der Mörikerealschule in Heilbronn gerade in sein Auto einsteigen, das auf dem Lehrerparkplatz abgestellt war. Dabei fiel ihm ein Mann auf, der ein Mountainbike ohne Hinterrad vom schulischen Fahrradparkplatz in einen weißen Kastenwagen einlud. Da ihm die Situation merkwürdig vorkam, schaute er nach, ob am Fahrradständer noch ein Hinterrad aufzufinden wäre, was auch zutraf. Der Lehrer nahm Kontakt zu dem Mann mit dem Kastenwagen auf, woraufhin dieser angab, dass er das defekte Rad gefunden habe und zur Polizei bringen wolle. Da diese Aussage wenig glaubwürdig erschien, stellte der Lehrer sein Fahrzeug vor die Parkplatzausfahrt, um ein Wegfahren des Kastenwagens zu verhindern. Anschließend verständigte er die Polizei.

Preisträger:

  • Jan Pfeil, Eppingen, 200 Euro

 

 

  1. Aufmerksamer Taxifahrer verhindert Betrug an Rentnerin

Eine 87-jährige Heilbronnerin erhielt am 06.02.2017 mehrere Anrufe eines angeblichen Polizeibeamten aus Düsseldorf. Dieser bat um Unterstützung bei der Festnahme zweier Syrer, indem die Rentnerin ihr Erspartes vorübergehend über Moneygram auf ein Konto in der Türkei überweisen solle. Nachdem die Getäuschte 3.500 € von der Bank geholt hatte, bestieg sie ein Taxi, um in einem vorher beschriebenen Internetkaffee in Heilbronn den Geldtransfer zu veranlassen. Auf der Fahrt erzählte sie dem Taxifahrer von ihrem Vorhaben, weshalb dieser die 87-Jährige direkt zum Polizeirevier in Heilbronn-Böckingen fuhr, da er geistesgegenwärtig einen Betrug vermutete. So konnte ein Geldtransfer verhindert werden.

Preisträger:

  • Steffen Hartkopf, Heilbronn, 200 Euro

 

 

  1. Taxifahrer verhindert Enkeltrick

Am späten Vormittag des 08.06.2017 erhielt ein 76-jähriger Heilbronner einen Anruf seiner vermeintlichen Enkelin die angab, beim Notar zu sitzen und eine Anzahlung in Höhe von 50.000 € für den Kauf einer Eigentumswohnung zu benötigen. Der Rentner sagte eine Übergabe von 30.000 € zu. Die fingierte Enkelin bestellte dem 76-Jährigen ein Taxi nach Hause, das ihn zur Bank fahren sollte. An einer Zweigstelle der KSK erhielt der Rentner jedoch nur 2.000 € und schimpfte im Taxi über die Bankangestellten. Das machte den 62-jährigen Taxifahrer misstrauisch. Auf Anweisung des Rentners fuhren die beiden zur Hauptfiliale der Sparkasse. Während sich der Rentner in der Bank befand, alarmierte der Taxifahrer die Polizei. Diese observierte daraufhin die Wohnanschrift des Rentners und setzte sich anschließend mit ihm in Verbindung. Nur mit viel Mühe konnte der Rentner überzeugt werden, dass er einer Betrügerin aufgesessen war.

Preisträger:

  • Andreas Otto, Heilbronn, 200 Euro

 

 

  1. Zeuge steht Verkäuferin bei

Am Nachmittag des 29.06.2017 beschwerte sich ein 35-jähriger Mann aus Kamerun bei einer Verkäuferin des Penny-Markts in Neuenstadt. Er beanstandete das Fehlen von Papiertüten zum Transport der dort angebotenen Backwaren. Die angesprochene Verkäuferin bat ihn, andere Tüten zu verwenden, da die Angesprochenen gerade nicht vorrätig seien. Da sich der 35-Jährige nahezu täglich im Supermarkt aufhält und dort regelmäßig durch Beschwerden und Pöbeleien negativ auffällt, sprach ihn die Verkäuferin auf den Umstand an. Darauf reagierte dieser sofort aggressiv, baute sich vor der Verkäuferin auf und bedrohte sie mit dem Tode. Ein unbeteiligter Kunde (mit eindrucksvoller Statur) wurde auf den Vorgang aufmerksam und stellte sich demonstrativ neben die total verängstigte Marktangestellte. Als die Angestellte sagte, dass sie jetzt die Polizei verständigen werde, stellte sich der Kunde sofort als Zeuge zur Verfügung, woraufhin der 35-jährige den Markt verließ.

Preisträger:

  • Erwin Brosius, Rosenberg, 200 Euro

 

 

  1. Gaststättenpersonal unterbindet Messerangriff

Am späteren Sonntagabend des 21.08.2016 saß eine Familie im Bereich der Außenbewirtschaftung der Heilbronner Gaststätte L’Osteria am Marrahaus, um dort Pizza zu essen. Die Familie hatte auch einen jungen Hund dabei, der mehrfach anderen vorbeigehenden Hunden nachbellte. Dies erzürnte einen alkoholisierten 48-jährigen Gast, der unweit der Familie an einem Tisch der Gaststätte saß derart, dass er den Familienvater intensiv und fremdenfeindlich beschimpfte, auf ihn zuging, ein Klappmesser zog und im Laufe der folgenden Auseinandersetzung auf den 41-Jährigen einstach. Bei der Abwehr des Messerstichs verletzte sich der Angegriffene an der Hand. Vor und während des Messerangriffs versuchten die Gastronomiemitarbeiter Korn und Antunovic auf den ihnen als Gast bekannten Angreifer einzuwirken und ihn von dem Familienvater abzudrängen. So konnte dieser die Flucht ergreifen und davonlaufen. Der Angreifer nahm die Verfolgung auf, wurde aber von den beiden Angestellten und dem dazugekommenen Barkeeper, Herrn Görücü, aufgehalten, welcher ihn beherzt festhielt und schließlich auch beruhigen konnte. Ohne das Eingreifen der drei Gastronomiemitarbeiter hätte die Situation weiter folgenschwer eskalieren können. Bei dem Angreifer handelte es sich um einen polizeilich bekannten, gewaltbereiten und ausländerfeindlich motivierten Täter mit sportlich-hünenhafter Statur.

Preisträger:

  • Paul-Benjamin Korn, Heilbronn, 200 Euro
  • Nikola Antunovic, Heilbronn, 200 Euro
  • Muhammed Görücü, Beilstein, 200 Euro

 

 

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