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Wo man sein Frühstücksei im Stall noch selbst entdecken kann

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Urlaub auf dem Bauernhof ist selten geworden, nur vereinzelt gibt es noch das Ferienerlebnis mit Steichelfaktor. Hintergrund ist, dass Vollererwerbslandwirte mit ihrem Betrieb schon alle Hände voll zu tun haben.

Kontakt mit Nutztieren: Gerlinde Wagner vom Kraichgauhof Wagner in Eppingen gewährt jungen und erwachsenen Gästen gerne einen Blick in den Hühnerstall.
Kontakt mit Nutztieren: Gerlinde Wagner vom Kraichgauhof Wagner in Eppingen gewährt jungen und erwachsenen Gästen gerne einen Blick in den Hühnerstall.  Foto: Kühl, Jörg

Vor dem Frühstück beim Füttern helfen, eine Runde mit dem Trecker auf dem Acker mitfahren, liegen gebliebene Kartoffeln ausbuddeln: Urlaub auf dem Bauernhof ist zu Recht vor allem bei Familien mit Kindern beliebt. In der Region sind entsprechende Gastgeber allerdings rar geworden.

Einer der wenigen Höfe, die Urlaub auf dem Bauernhof noch in klassischer Form anbieten, ist der Ferienhof Carle in Züttlingen. In dem Familienbetrieb gibt es noch Kühe, Schafe, Hühner und Schweine zu bestaunen. Bauer Helmut Carle nimmt Kinder gerne auf dem Traktor zum Futtermischen mit. "Die Gäste verbringen viel Zeit auf dem Hof, freuen sich an den Tieren, machen Ausflüge, Fahrradtouren oder genießen einfach die Zeit zum Entspannen und lesen ein Buch", berichtet Gastgeberin Andrea Carle. Der Hof sei immer recht gut ausgebucht. "Ich bin der Meinung, dass mehr Urlaub in Deutschland nachgefragt wird."

Warum der Bauernhof ein prima Lernort in den Ferien ist

Auch der Kraichgauhof in Eppingen bietet Übernachtungen auf dem Bauernhof an. Der Betrieb beschäftigt sich überwiegend mit Ackerwirtschaft, es gibt aber auch einen Hühnerstall, den die Gastgeberin bei Interesse gerne öffnet. "Morgens holen sich die Kinder ihr Hühnerei selbst aus dem Stall", berichtet Gerlinde Wagner. Ihrem Mann, der Bauernobmann der Kraichgaustadt ist, und ihr selbst sei wichtig, den Gästen die Zusammenhänge des bäuerlichen Lebens nahezubringen. Natürlich zählt auch die ein oder andere Treckerfahrt zu den Erlebnissen, die Familien vom Besuch des Kraichgauhofs mit nach Hause nehmen.

Silvia Pfitzenmaier vom Kohlhof bei Untersteinbach hat eine Ahnung, warum Urlaub auf dem Bauernhof immer seltener angeboten wird. Die Nachfrage sei hoch, "aber es gibt in unserer Region immer weniger Vollerwerbslandwirte, die das zusätzlich machen wollen", meint die 50-Jährige. Sie vermietet ihre Zimmer fast nur noch an Monteure. "Die gehen morgens aus dem Haus, Urlauber wollen dagegen unterhalten werden." Dies sei aber gerade im Sommer kaum möglich: "Da haben wir mit dem Obst das meiste Geschäft." Man müsse entweder hauptsächlich auf Urlaub setzen und nur noch im Nebenerwerb landwirtschaftlich tätig sein. Oder man könne Zimmer und Ferienwohnungen nur nebenbei vermieten: ohne Frühstück und Aktionen, Ansprache und Betreuung.

Wie sich Corona in der Saison ausgewirkt hat

Erwin Deißler nennt weitere Gründe, warum Urlaub auf dem Bauernhof für die Anbieter kompliziert geworden ist. Seinen Ferienhof in Sindeldorf gibt es seit 1979. Er brummte lange und war beliebt. Doch in den letzten Jahren hat sich vieles verändert. "Es kommen kaum noch Familien mit mehreren Kindern", klagt der 83-Jährige. Und für zwei bis drei Kinder lohne sich der Aufwand nicht, Kutsch- und Schlepperfahrten oder Programm mit Pferden und anderen Tieren anzubieten. "Im gesamten Sommer 2021 hatten wir nur acht Kinder. Unsere Hauptgäste sind jetzt Rentner und junge Ehepaare, die Natur genießen und ihre Ruhe haben wollen."

Im Juli und August seien die Buchungen sehr gut gewesen, "aber im September geht gar nichts und bis Dezember haben wir keine einzige Anfrage". Auch nicht von Monteuren, die das Geschäft im Corona-Jahr 2020 retteten. Feriengäste konnte er damals an einer Hand abzählen, dafür gab es reihenweise Absagen. 2021 ist mit den Monteuren gut gestartet, von April bis Juni herrschte Flaute, bevor der Betrieb in den vergangenen zwei Monaten gut ausgelastet war. Ein weiteres Problem ist die Infrastruktur: "Der Bäcker neben uns hat zugemacht, ebenso wie die Gastwirtschaft: Das war ein attraktiver Anlaufpunkt für unsere Gäste."

Welch Rolle touristische Attraktionen in der Nähe spielen

Ein ganz anderes Bild zeigt sich auf dem Ferienhof Tannenburg bei Bühlertann. Der große Vorteil dieses Urlaubsziels ist die Stauferburg aus dem 12. Jahrhundert, in der man übernachten kann. Das lässt sich in Verbindung mit dem Bio-Bauernhof prima vermarkten - was Ellen Zipperer (43), die Frau des Sohnes von Chefin Ruth Zipperer, in die Hand genommen hat. Der zweite Trumpf ist, dass die Tannenburg rege für Schullandheimaufenthalte genutzt wird.

In den Schulferien werden die Zimmer dann vor allem an Familien vermietet, die sich auf dem großen Terrain austoben und Bauernleben live erleben können: mit Kälbern und Kühen, Schweinen und Hasen. "Nur im Winter haben wir Monteure zu Gast, ansonsten sind wir immer gut belegt. Letztes und dieses Jahr waren wir in den Pfingst- und Sommerferien ausgebucht", sagt Zipperer. Dies zeigt: Wenn das touristische Angebot im Vordergrund steht sowie Ambiente und Gesamtkonzept stimmen, ist in puncto Landurlaub viel möglich.

 
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