Wird Heilbronn zur Wasserstoff-Region?
Der saubere Sprit fasziniert, doch für den Durchbruch braucht es Vernetzung und Geld. Der Wettlauf um die Fördermillionen hat bereits begonnen.

Detlef Piepenburg nutzte die Chance: Beim 7. Wasserstofftag des DLR in Lampoldshausen am Donnerstag rief der Landrat des Landkreises Heilbronn Vertreter aus Wirtschaft, Forschung und Politik auf, enger zusammenzuarbeiten und sich gemeinsam um Fördermittel zu bewerben. Er formulierte nachdrücklich: "Wir brauchen hier eine Wasserstoff-Region." Eine Projektgruppe aus Audi, DLR, Zeag und Wirtschaftsförderung hat er schon vor gut einem Jahr zusammengebracht. Passiert ist noch wenig.
Wasserstoff und Brennstoffzellentechnik sind seit Monaten im Gespräch als die Alternative zur batteriebetriebenen E-Mobilität - mit zahlreichen Vorteilen. Doch ebenso wie beim Ladenetz für die Batterien kommt der Ausbau der Infrastruktur ebenso langsam voran wie Entwicklung und Produktion von entsprechenden Fahrzeugen. Gleichzeitig ist ein Wettrennen um Fördergeld entbrannt.
Größenverhältnisse haben sich verschoben
Für das regionale Projekt H2Orizon von Zeag und DLR, bei dem mit Windstrom aus dem Harthäuser Wald Wasserstoff produziert wird, gab es immerhin einmal 800.000 Euro vom Land.
Inzwischen geht es jedoch um Millionen. Die EU hat für ihr Programm "Horizon 2020" 20 Millionen Euro für eine Wasserstoff-Modellregion ausgeschrieben. Das Land hat die Kräfte dafür gebündelt in einer erweiterten Metropolregion Rhein-Neckar, zu der auch Firmen aus den Räumen Stuttgart, Karlsruhe und Heilbronn gehören. "Die Federführung liegt in der Region Rhein-Neckar, aber Heilbronn liegt letztlich mittendrin", sagt Dr. Manuel Schaloske, der bei der Landesagentur E-Mobil BW in Stuttgart die Bewerbung koordiniert.
Ende des Jahres entscheidet sich, ob der Rhein-Neckar-Raum künftig als europäisches H2-Valley für sich werben darf. Auch wenn Audi und die Zeag dann dabei wären, so wird man Heilbronn erst einmal nicht an erster Stelle mit dem Wasserstoff verbinden.
Erste Bewerbung als "Wasserstoff-Region" beim Bund läuft
Also gilt es, weitere Fördermöglichkeiten zu nutzen. Dr. Patrick Dufour, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Raum Heilbronn (WFG) und des des Technologie-Transfer-Zentrums (TTZ) Lampoldshausen, hat hier einiges ins Auge gefasst. Derzeit fördert der Bund Wasserstoffregionen im Rahmen des Programms Hyland. Der Antrag für die erste Stufe wurde eingereicht. Interessant sind aber die Stufen 2 und 3, wo es 300 000 Euro für bis zu fünf und dann 20 Millionen Euro für maximal zwei Regionen gibt. Zudem fördert das Wirtschaftsministerium "Reallabore der Energiewende" mit bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr.
Auch das Umweltministerium des Landes möchte für 2020/21 noch einmal gut 20 Millionen Euro für das Thema setzen. Ministerialdirektor Helmfried Meinel wirbt beim Wasserstofftag dafür: "Ich hoffe, dass die baden-württembergischen Firmen die Chancen richtig einschätzen." Engagieren sollten sich insbesondere die Unternehmen einer so innovativen Region wie Heilbronn. Dufour verspricht sofort: "Sie werden eine Bewerbung bekommen."
Eine grüne Wasserstoff-Tankstelle gibt es hier noch nicht
Was alles möglich wäre, da halten sich die Partner bedeckt. An erster Stelle steht aber wohl eine Wasserstoff-Tankstelle, die mit dem grünen Wasserstoff aus Lampoldshausen versorgt wird. Sie ist seit langem im Gespräch, ohne sie ist saubere Mobilität unmöglich. Denn bisher gibt es beispielsweise an der Tankstelle in Bad Rappenau-Bonfeld nur den grauen, aus Erdgas gewonnenen Wasserstoff. Die Kosten sind aber hoch, die Förderung bisher dürftig. Die Umstellung von Bussen im ÖPNV oder die verstärkte Nutzung des grünen Wasserstoffs beim Autohersteller Audi wären weitere Möglichkeiten.
Deutschland nicht konsequent genug
Der Neckarsulmer Audi-Werkleiter Helmut Stettner zeigt sich aufgeschlossen. Allerdings sieht er nicht Audi in der Pflicht, für eine Tankstelle vor den Werkstoren zu sorgen. "Da sind die Energielieferanten gefragt." Die Umstellung auf grünen Wasserstoff sei eine Kostenfrage. "Bislang würden wir für den Wasserstoff aus Lampoldshausen das Dreifache des bisherigen Preises bezahlen." Das sei zu viel. Deshalb müsse grüner Wasserstoff vollständig von Preistreibern wie der EEG-Umlage befreit werden. Hier vermisst Stettner eine konsequente Richtung. "China setzt auch auf Wasserstoff. Dort gibt es bis zu 50 000 Euro Zuschuss für ein solches Fahrzeug."
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Hintergrund: H2Orizon
Noch wird in Lampoldshausen kein Wasserstoff produziert. Die Vorbereitungen laufen jedoch, letzte Abnahmen stehen an. Sobald der Elektrolyseur seinen Betrieb aufnimmt, kann er 14 Kilogramm grünen Wasserstoff pro Stunde herstellen. Zumindest eine kleine Busflotte könnte man damit versorgen, erklärt Thorben Andersen vom DLR. Er ist einer der Leiter des Projekts H2Orizon von DLR und Zeag. "Ich würde mir wünschen, dass wir beim ÖPNV reinkommen." Ein Ausbau der Anlage ist möglich, aber noch nicht geplant. cgl
Kommentar "Fenster fast zu"
Von Christian Gleichauf
Die Region hätte einen Riesen-Vorsprung beim Thema grüner Wasserstoff haben können. Er schmilzt derzeit dahin. Wo stünde Audi heute, hätte sich der VW-Konzern früher um das Thema Brennstoffzelle gekümmert. Wie würde Heilbronn gerade punkten, würden die Buga-Besucher mit grünen Bussen transportiert. Die Kfz-Branche könnte mit einem Wasserstoff-Cluster ein Stück Zukunft sichern. So vieles hätte gepasst - die Chance ist fast verpasst.
Nun reicht es nicht mehr, hinter den Kulissen zu netzwerken, wie es Landrat Piepenburg bereits getan hat. Sein Aufruf beim Wasserstofftag richtet sich deshalb an die gesamte Raumschaft. Wer mit Wasserstoff etwas vorhat, der sollte sich sputen, denn das Fenster schließt sich. Fördergeld wird nicht nach Proporz verteilt. Wer einmal nicht bedacht wurde, dessen Chancen sinken. Sollten die 20 Millionen Euro von der EU wirklich in den Rhein-Neckar-Raum fließen, dann kann immerhin auch im Landkreis Heilbronn noch ein Windkraft-zu-Wasserstoff-Projekt umgesetzt werden. Dann hätte mit etwas Glück auch noch ein ÖPNV-Projekt eine Chance. Wer dann erst zu planen beginnt, hat aber jetzt schon das Nachsehen.


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