Wie sich unser Alltag durch die Corona-Krise verändert hat
Wahrscheinlich gibt es inzwischen niemanden mehr in der Region, der von den Auswirkungen der Corona-Krise nicht in irgendeiner Art und Weise betroffen ist. Hier erzählen aktuell wieder Menschen aus der Region, was für sie anders ist.
Seit Mitte März fragen Stimme-Autoren Menschen in der ganzen Region nach ihren Erfahrungen. Hier sammeln wir die Gesprächsprotokolle.
Karl Knoll, Buchhändler aus Eppingen

16.3.2020: Mein Eindruck: Am Samstag waren in der Eppinger Innenstadt nicht auffallend mehr oder weniger Leute unterwegs als sonst. Für mich war es vom Umsatz her einer der stärksten Tage der vergangenen Wochen. Bevor die Schulen schließen, decken sich Eltern mit Lesestoff für sich und ihre Kinder ein.
Mal-, Bastel- oder Rätselbücher gingen besonders gut, eben alles Dinge, die zur Beschäftigung dienen. Allerdings ist überhaupt nicht absehbar, wie es diese Woche weitergeht und welche Aufgaben die Lehrer ihren Schülern mitgeben. Der Verkauf von Literatur für den Unterricht ist für uns ein wichtiger Teil des Geschäfts.
Mitunter werde ich derzeit nach bestimmten Titeln gefragt. Dean Koontz hat 1981 in seinem Thriller „The Eyes of Darkness“ von einem Virus namens „Wuhan-400“ geschrieben – ein Zufall, aber so etwas ist Futter für Verschwörungstheoretiker. Im antiquarischen Handel erzielt das Buch derzeit Höchstpreise. Ein Buch über Influenza-Viren liegt bei mir seit 1999 rum. Jetzt wurde es verkauft.
Heide Böllinger, kaufmännische Angestellte aus Bad Friedrichshall

17.3.2020: Ich war mit meiner Hündin Emilie in den Weinbergen unterwegs – hier ergeben sich immer spontane, nette Gespräche mit anderen Hundebesitzern. Das Wetter war angenehm, und ein laues Frühlingslüftchen wehte. Eigentlich das richtige Wetter, um unbeschwert und fröhlich die Natur zu erleben und den Tag zu genießen. An diesem Tag war aber alles ganz anders. Ich nahm eine seltsame Stimmung wahr – ein Unbehagen überkam mich, wenn mir Menschen begegneten.
Jeder schlich mit gesenktem Kopf an mir vorbei, Hunde wurden abgerufen, jeder versuchte, dem anderen zu entkommen. Ja, man spürte die Unsicherheit der Menschen – das Virus hat unser Leben, unser Zusammenleben verändert. Doch dann ergab sich eine nette Begebenheit, die mich fröhlich stimmte: Ein junger Mann kam uns entgegen – er lächelte und grüßte mit einem fröhlichen „Hallo“. Als er bei mir ankam, sagte er nur einen einzigen Satz, der es aber in sich hatte: „Hier ist die Welt noch in Ordnung.“ „Fast“ sagte ich und wir liefen weiter.
Allen Menschen, die mir danach begegneten, rief ich ein fröhliches „Hallo“ zu und siehe da – es kam ein fröhliches „Hallo“ zurück. Heide Böllinger ist Heimatreporterin auf dem Bürgerportal Meine.Stimme. Hier geht es zum ungekürzten Beitrag.
Ovidiu Craciun, Taxifahrer aus Heilbronn

18.3.2020: Mein Geschäft als Taxifahrer ist zu 75 Prozent durch die Corona-Krise zurückgegangen. Die Hotels sind leer, ältere Menschen gehen weniger weg, Geschäftsleute kommen nicht mehr, auch Krankenfahrten sind weniger geworden, weil Kliniken planbare OPs verschieben.
Wir Taxifahrer sind Einzelunternehmer, wir machen uns große Sorgen um unsere Existenz. Wir haben ja Fixkosten. Mein Auto ist noch nicht abbezahlt, Versicherungskosten laufen weiter. Wenn man dann drei, vier Stunden auf eine Zehn-Euro-Fahrt warten muss, wird es schwierig.
Ich bin seit zehn Jahren selbstständiger Taxiunternehmer, so extrem war es noch nie. Wenn das noch zwei Monate weitergeht, wäre es eine Katastrophe. Im Alltag ergreife ich Schutzmaßnahmen. Ich lasse die Fahrgäste hinten einsteigen, als Schutz für mich und sie.
Ich habe Desinfektionsspray dabei und desinfiziere regelmäßig die Hände, aber auch Autogriffe und den Gurt. Ein bisschen komisch fühlt sich das alles schon an. Aber unser Vorteil ist ja, dass wir wenige Personen im Taxi sind – im Gegensatz zu Bussen und Bahnen.
Andreas Rebel, Vorsitzender Musikverein Rohrbach, aus Eppingen

19.3.2020: Kommendes Wochenende wollten wir unser Jahreskonzert mit dem österreichischen Dirigenten Otto Schwarz veranstalten. Das haben wir schweren Herzens abgesagt. Es war abzusehen, dass die Einschränkungen für Veranstaltungen höher werden würden. Dazu kam, dass der Komponist auch selbst absagen musste. Das war ein herber Schlag, denn wir haben in den letzten vier, fünf Monaten intensiv geprobt.
Wir haben uns im kleinen Rahmen erste Gedanken gemacht, wann wir das Konzert nachholen. Einen Termin im Spätjahr oder erst im nächsten Frühjahr haben wir ins Auge gefasst. Wenn allerdings alles zur Normalität zurückkehrt, wird es im vollen Veranstaltungskalender der Stadt kaum noch eine Lücke geben. Nachdem der Blasmusikverband es angeraten und die Stadt zwischenzeitlich angeordnet hat, haben wir auch die Proben abgesetzt. Unser Vereinsleben ist damit komplett zum Erliegen gekommen.
Die finanziellen Einbußen wegen des abgesagten Konzerts halten sich zum Glück in Grenzen. Wir haben in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und können das kompensieren. Anders würde es aussehen, wenn unser Fest nach der Fronleichnamsprozession ausfallen müsste. Ich hoffe, dass sich die Lage bis nach Ostern normalisiert und dass die Maßnahmen wirken.
Brigitte Emrich, Krankenschwester aus Flein
20.3.2020: Hätte mich vor einem Jahr jemand gefragt, ob Deutschland Grenzen schließt, es leere Regale im Supermarkt gibt, Läden geschlossen werden: Das hätte ich mir nie vorstellen können.
Ein positiver Aspekt von Corona ist, wir hatten noch nie so gründlich gewaschene Hände und passen auf, uns nicht zu nahe zu kommen. Und da sind wir schon bei der täglichen Arbeit als Krankenschwester im ambulanten Dienst. Wir pflegen und betreuen die Risikogruppe Senioren.
Wir beachten dabei hygienische Standards zum Schutz von unseren Klienten und von uns. Einige Haushalte haben die Hausbesuche aus Furcht vor dem Virus abgesagt. Unser Team stärkt sich gegenseitig. Wünschen würde ich mir, dass die Geschäfte mit Schutzausrüstungen im Internet unterbunden werden, damit Mundschutz und Desinfektionsmittel für die Berufsgruppen zur Verfügung stehen, die sie brauchen.
Brigitte Emrich ist stellvertretende Pflegedienstleiterin bei der Diakonie-Sozialstation Flein-Talheim
Sandra Albrecht, Pflegedienstleiterin aus Abstatt

20.3.2020: Für viele Angehörige pflegebedürftiger Heimbewohner ist es eine sehr bedrückende Situation, dass Pflegeheime aufgrund des Coronavirus keine Besucher mehr ins Haus lassen dürfen. Gerade für diejenigen, die bisher täglich zu Besuch kamen, ändern sich ihr ganzer Tagesablauf und ihre Lebensgewohnheiten. Doch wo wahre Liebe im Spiel ist, finden Menschen neue Wege, um in Kontakt zu bleiben.
So erhielt ein Bewohner unseres Seniorenlandhauses Fridericke von seiner fürsorglichen Ehefrau einen ganz liebevollen Kartengruß, in dem sie ihm schreibt, er möge sich doch mit ihr gemeinsam an die alten Zeiten vor 53 Jahren erinnern, als er bei der Bundeswehr war und sie sich auch nur schriftlich ihre Gedanken mitteilen konnten.
Das brachte mich auf die Idee, die Betreuungskräfte könnten doch mit jedem einzelnen Bewohner einen Brief oder eine Karte an die Angehörigen schreiben, um in diesen kontaktarmen Zeiten die alte, schöne Sitte des Briefeschreibens wieder aufleben zu lassen.
Diesen Text hat das Seniorenlandhaus Fridericke auf dem Bürgerportal Meine.Stimme eingestellt.
Wolfgang Seybold, Rentner und freier Stimme-Mitarbeiter aus Beilstein

21.3.2020: Im April wollte unser Sohn Christian mit seiner Familie aus Israel kommen. Wir sehen uns ein- bis zweimal im Jahr, doch daraus wird nun nichts. Seine Firma hat ihm untersagt, in dieser Zeit ins Ausland zu reisen. Erst hat Israel ein Einreiseverbot für deutsche Touristen und Menschen aus weiteren coronabelasteten Ländern verhängt.
Kommen durfte nur, wer sich für zwei Wochen in private Quarantäne begeben kann. Dann wurden sämtliche Flüge gestrichen. Wir haben uns so gefreut, unsere Enkelkinder zu sehen: Yuli wird im April drei Jahre alt, Mila kam im Januar zur Welt. Jetzt ruhen unsere Reiseplanungen. Videoanrufe und Whatsapp-Nachrichten sind unser Notbehelf, das ist besser als zu telefonieren.
Wir befolgen die durch Corona notwendigen Maßnahmen. Wir sind zuversichtlich, dass alle Familienmitglieder die Krise gesund überstehen. Vielleicht wird sich dann irgendwann im Laufe des Jahres eine Möglichkeit zu einem Wiedersehen ergeben.
Claudia Senghaas, Büchereileiterin aus Kirchardt

21.3.2020: Wegen Corona hat die Bücherei geschlossen, die Menschen können keine Bücher ausleihen. Ich habe darum die öffentlichen Bücherschränke in allen drei Ortsteilen neu aufgefüllt und habe vor, dies einmal die Woche zu wiederholen, sofern es keine Ausgangssperre gibt. Beim Einstellen trage ich Handschuhe, wische den Schrank vorher nass und desinfiziere ihn. Die Bücher habe ich alle abgewischt. In manche habe ich „Leseeindrücke“ gelegt, damit der Leser einen Anhaltspunkt hat, was ihn erwartet.
Ich denke, zu lesen ist eine gute Beschäftigung für daheim, die einen ein wenig glücklicher machen kann. Bücher sind mentale Reisen in eine andere Welt, das tut einfach gut. Man kann sich beim Lesen ablenken und die Psyche stärken, das brauchen wir alle. Online kann man natürlich rund um die Uhr Lesestoff ausleihen, aber ein Buch in der Hand zu halten ist einfach eine wunderbare Sache. Und jeder kann sich beteiligen.
Heike Hartmann aus Berwangen wies mich gerade darauf hin, wie wichtig es sei, dass auch Kinder viel Lesestoff in den Schränken finden. Eine gute Idee, die ich sofort umgesetzt habe. Alle können wie bisher mit der nötigen Hygiene gut erhaltene Bücher einstellen. In Kirchardt steht ein Leseschrank vor der Bücherei, in Berwangen im Vorraum des Treffs und in Bockschaft beim alten Feuerwehrhaus auf dem Dorfplatz.
Maren Ferber, Harfenistin und Musikschulleiterin aus Bad Rappenau

23.3.2020: Eigentlich ist jetzt alles anders. Ein Schülerkonzert und ein eigenes Konzert habe ich abgesagt. Unterricht darf ich derzeit ja auch nicht geben. Lange gab es keine Vorgaben für private Einrichtungen, nur für die städtischen war alles geklärt. Bei uns Privaten kommt ja noch hinzu, dass es keine Lohnfortzahlung gibt, da wir nur dann Geld verdienen, wenn wir auch arbeiten.
Meine Schüler haben sich immer wieder akribisch vor und nach dem Unterricht die Hände gewaschen. Die Situation schmerzt, und im Supermarkt zu sehen, wie Leute sich mit bloßer Hand Backwaren aus den Brötchenfächern nahmen, macht es nicht besser. Kürzlich hörte ich von einer Harfenistin, die einen Online-Workshop anbot. Ich nahm spontan teil und hatte großen Spaß. Jetzt probiere ich diese Unterrichtsform über Internet auch mit Schülern aus, die bereits zugesagt haben.
Das Unterrichten wird wohl ein bisschen komplizierter, denn ich muss mich und das Instrument so platzieren, dass wir für den Schüler sichtbar sind. Und auch den Unterrichtsinhalt muss ich völlig anders aufbereiten. Die derzeitige Situation erfordert von allen Offenheit sowie den Willen, im jetzt Neuen auch Positives zu erkennen. So fand ich es zum Beispiel sehr schön, neue Kontakte zu anderen Harfenisten über den Workshop knüpfen zu können.
Man selbst kann auch ein wenig denen helfen, die wegen der Corona-Krise aktuell kein Einkommen haben. Ich habe zum Beispiel das Eintrittsgeld für ein Konzert, das abgesagt wurde, nicht zurückgefordert. Das ist zwar eine kleine Summe und ein kleines Signal, das aber einem anderen Menschen hilft.
Manfred Hartrampf, Schwimmlehrer aus Heilbronn
23.3.2020: Ich bin nicht überängstlich, ich hätte die Schwimmkurse schon weitergemacht. Samstags hatte ich bis zur Schließung des Hallenbads Soleo ab 8 Uhr morgens fünf Kurse für Kinder hintereinander. Ich bin 82 Jahre alt, aber ein Naturbursche, viel draußen beim Wandern, mache Wechselduschen, um mich abzuhärten.
Schwimmen lernen ist sehr wichtig für Kinder, und das in der Schule nachzuholen, ist schwierig. Auch die Jugend kann jetzt nicht mehr Wasserhandball oder Schwimmen trainieren, das ist sehr schade. Ich verstehe aber die besorgten Eltern, zwei haben ihre Kinder schon das letzte Mal nicht zum Unterricht gebracht.
Die Maßnahmen der Regierung halte ich für richtig. Das Hallenbad ist bis zum 19. April zu, ich rechne aber mit einer Verlängerung. Ich biete dann an, die Kurse ins Freibad zu verlegen. Eine Notlösung, denn die Jüngeren fangen dort nach zehn Minuten an zu frieren. An meinem freien Samstag arbeite ich jetzt auch im Garten. Ich versuche, den Alltag mit meiner Frau trotz allem so gut es geht zu genießen.
Christel Leiensetter, Gärtnermeisterin aus Horkheim

24.3.2020: In unserer Gärtnerei läuft der Betrieb erstmal weiter, auch wenn die Kundschaft verunsichert ist. Viele wissen nicht, dass wir weiterhin geöffnet haben dürfen. Von denen die kommen, erhalten wir aber viel Zuspruch.
Die Produktion an Frühlingsblumen für den Großhandel ist zum Glück bereits überwiegend verkauft. Aber wir haben auch Einbußen und sind genau wie viele andere Branchen von zahlreichen Absagen betroffen. Zum Beispiel werden Aufträge für Geburtstagsfeste oder Hochzeiten storniert, für die wir die Blumen-Dekoration liefern sollten. Da kommt es sogar zu berührenden Erfahrungen.
Kunden haben in zwei Fällen angeboten, dass sie gerne für die bereits erfolgte Beratung bezahlen wollen. Das nehmen wir natürlich nicht an, aber schon der Gedanke daran tut in diesen Tagen gut. Und die Kunden haben versprochen, dass sie wiederkommen wollen, wenn die Feste dann tatsächlich stattfinden werden.
Das Ostergeschäft wird vermutlich flachfallen. Normalisieren wird es sich frühestens nach den Feiertagen. Es ist eine schwierige Zeit für uns alle. Ich weiß nicht, wie sich der Umsatz entwickelt. In unseren Gewächshäusern waren einige Investitionen geplant, die ich jetzt zurückstellen muss. Ich gebe die Hoffnung aber nicht auf, dass alles wieder gut wird und halte es wie schon früher mein Vater mit Martin Luther: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“
Heiko Neuweiler, Tankstellen-Betreiber aus Fürfeld

25.3.2020: Es ist gerade wirklich keine einfache Zeit. Und die zieht sich jetzt schon eine ganze Weile hin: Vergangenes Jahr gab es in Fürfeld die Straßen- und Kanalsanierungsarbeiten der Bundesstraße durch den gesamten Ort, was ein Dreivierteljahr massive Einschränkungen auch für unsere Tankstelle brachte. Nachdem wir dann zwei Monate wieder ganz normal arbeiten konnten, kam Corona.
Morgens bis um acht oder halb neun läuft erst einmal alles ganz normal, aber danach ist so gut wie nichts mehr los. Und es ist ja nicht so, dass Leute extra, um etwas einzukaufen, zur Tankstelle gehen. Auch dass der Benzinpreis gerade recht niedrig ist, weil der Erdölpreis runterging, bringt momentan keine Kundschaft, denn es ist ja besser, daheim zu bleiben.
Wir schließen darum aktuell nicht wie normal um 22 Uhr, sondern machen zwei Stunden früher Schluss. In der Werkstatt merke ich allerdings wenig von Corona, die Reparaturen laufen ganz normal weiter. Insgesamt ist die Situation für uns schon happig, denn wir müssen ja weiter Löhne zahlen, und die Banken wollen auch weiter ihr Geld. Aber unsere Mitarbeiter halten zu uns, und alle kommen zur Arbeit. Bis auf meine Mutter, die zur Risikogruppe gehört. In der Tankstelle haben wir jetzt an der Kasse Spuckschutz, also eine Plexiglas-Scheibe, angebracht, haben Desinfektionsmittel bereit und achten darauf, dass die Kunden genügend Abstand halten.
Ron Huber, Profi-Musiker aus Duttenberg

27.3.2020: Ich habe die Auswirkungen der Corona-Krise relativ früh am eigenen Leib erfahren. Seit vielen Jahren arbeite ich fast ausschließlich als Live-Musiker und die Konzerte mit meiner Band Stahlzeit sind sogenannte Großveranstaltungen. Doch in der zweiten Märzwoche ging es mit Corona los – und innerhalb weniger Tage mussten sämtliche anstehenden Auftritte der nächsten drei Monate abgesagt werden; inzwischen ziehen sich die Absagen bis weit in den Sommer hinein.
Meine Frau und ich sind beide berufstätig und haben unsere Arbeitszeiten sorgfältig aufeinander abgestimmt, um unseren knapp einjährigen Sohn durchgängig betreuen zu können. Unser Haushaltseinkommen hat sich durch die aktuelle Lage erheblich reduziert, weil meine Einkünfte von heute auf morgen auf Null reduziert wurden und ich keine Möglichkeit habe dies kurzfristig zu kompensieren.
Obwohl ich optimistisch bin, dass wir alle diese Krise überwinden werden, zweifle ich daran, bald wieder wie gewohnt mit meiner Band Konzerte geben zu können. Deshalb muss ich meine berufliche Ausrichtung für die kommenden Monate – vielleicht für das ganze restliche Jahr – überdenken. Mein geschäftlicher Alltag ist durch Corona also derzeit schlichtweg nicht mehr existent.
Jutta Räbiger, Sozialpädagogin beim Kinderschutzbund Heilbronn

28.3.2020: Als fünfköpfige Familie auf einmal auf sich gestellt zu sein, das hat mir erstmal Angst gemacht. Aber es ist eine tolle Chance, Zeit miteinander zu verbringen und sich miteinander auseinanderzusetzen. Sonst flüchtet jeder ja mal gerne: der Mann in die Arbeit, die Mädels zu ihren Freundinnen, ich für ein Abendessen – jetzt geht nix mehr, und es tut uns erstaunlicherweise gut. Die Kinder finden Homeschooling toll, die Kleine verbringt ganze Tage in ihrer magischen Welt.
Es wird gebastelt, gebacken und stundenlang gespielt, oft genug auch gestritten. Mein Mann arbeitet im Krankenhaus an der Front, mit der harten Realität sind wir also jeden Tag konfrontiert, deshalb halten wir uns auch strikt an das Kontaktverbot, ohne Ausnahme. Manchmal bin ich erstaunt, wie gut es läuft. Aber ich weiß: Wir sind als Familie ein tolles Team, leben mit viel Platz in und ums Haus herum und bleiben von finanziellen Schwierigkeiten wohl verschont. Dafür bin ich dankbar, das ist ein großes Geschenk in Corona-Zeiten.
Mir war sofort klar, dass die Situation jetzt in vielen Familien, zur Belastungsprobe wird und wir vom Kinderschutzbund helfen müssen. Wir wissen ja, was Familien umtreibt. Deshalb haben wir eine Hotline ins Leben gerufen und merken schon nach wenigen Tagen, dass die absolut gebraucht wird. Finanziell wird das Projekt vom Verein Menschen in Not unterstützt. Ich arbeite derzeit im Homeoffice, helfe Menschen am Telefon. Vielleicht, während die Kinder mal mit einer Schale Chips vorm Fernseher sitzen. Dabei darf ich lernen, auch mal alle Fünfe gerade sein zu lassen.
Dr. Inka Knittel, Schulleiterin des Abendgymnasiums, aus Flein

30.3.2020: „In den Wochen vor dem Abitur ist meine Hauptaufgabe als Schulleiterin des Abendgymnasiums – neben dem rein Organisatorischen – speziell für die Abiturienten da zu sein, Mut zuzusprechen und Zuversicht zu verbreiten. Schwierig, wenn dies plötzlich nicht mehr persönlich geht, sondern nur noch im schriftlichen Chat oder per Videokonferenz. Schwierig, wenn ich als Schulleiterin keinen klaren Rahmen geben kann, weil ja keiner weiß, wie sich die nächsten Wochen entwickeln.
Schwierig, wenn technische Probleme auftauchen, die uns alle vor Herausforderungen stellen. Aber auch sehr beglückend, wenn ich spüre, wie die Schüler sich gegenseitig beistehen. Wenn sich das Kollegium in beispielloser Weise einsetzt, dass der Unterricht digital erteilt wird. Wenn Lehrkräfte die Möglichkeiten unserer Kommunikationsplattform entdecken. Und wenn mich plötzlich Abendgymnasiasten fragen, wie ich diese ganze Situation eigentlich aushalte.
Erwachsene, die auf dem zweiten Bildungsweg einen Schulabschluss nachholen, stehen in dieser Zeit vor ganz besonderen Herausforderungen. Aber wenn ich sehe, wie sie, und zwar nicht nur unsere Abiturienten, sondern ganz viele unserer Abendgymnasiasten, arbeiten, sich um die Familie kümmern, lernen, die Unsicherheit aushalten und dabei den Kopf nicht hängen lassen, ist mir nicht bange vor der Zukunft.“
Vera John, Physiotherapeutin, aus Lauffen

31.3.2020: „Wir bekommen die Corona-Krise in unserer Praxis stark zu spüren. Bei den Behandlungen gibt es einen Rückgang um 60 Prozent. Das liegt auch daran, dass Orthopäden Operationen zurückstellen, die nicht unbedingt sein müssen. Die meisten Hausbesuche haben wir abgesagt, ebenso Therapien, die zum Beispiel nur zur Kräftigung wichtig sind. Viele Patienten kommen auch gar nicht an ihre Rezepte. Zum Glück hat die Krankenkasse die Fristen verlängert, das heißt, Behandlungen können unterbrochen oder später begonnen werden.
Viele Patienten haben Angst vor einer Infizierung. Manchmal fällt es mir schwer, mich von der Panik nicht anstecken zu lassen. Die Aussichten sind gerade ziemlich düster. Man kann nicht absehen, wie lange die Situation noch so bleibt. Der ausbleibende Nachschub an Flächendesinfektionsmitteln für unsere Liegen und Therapiegeräte bereitet uns zum Glück keine Sorgen und auch um Toilettenpapier müssen wir nicht bangen: Beides haben uns Patienten mitgebracht. Das ist doch wunderbar. Insgesamt ist die Gastronomie viel schlimmer dran als unsere Branche. Wir dürfen zumindest noch in in einem reduzierten Maße schaffen.“
Thomas Ochs, Leiter der Katholischen Fachschulen, aus Neckarsulm

Elena Thimm, Rentnerin, aus Heilbronn

Ulrike Gebhard, Schneiderin, aus Kirchheim

Frank Dignaß, Wirt des Lokals Nordbahnhöfle, Bad Friedrichshall

Mechthilde Raff-Eming, Pfarrerin, aus Brackenheim-Hausen

Luise Schadt, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, Dekanat Heilbronn-Neckarsulm

Stimme.de
Kommentare
am 10.04.2020 15:25 Uhr
wie lange sich die Bevölkerung, nach der PK von Prof. Streeck vom Donnerstag zu den Ergebnissen von Heinsberg, noch am Nasenring durch die Manege führen lässt. Im vorauseilenden Gehorsam äußert bereits heute, Karfreitag, die SZ "Kritik und Zweifel an der Studie", untermauert von "unabhängigen Experten" des RKI. Man beachte: am Eingang des RKI prangt der Bundesadler - soviel zu Thema unabhängig.