Weniger Mehrwertsteuer macht Heilbronner Händlern mehr Arbeit
Die Heilbronner Händler erwarten nur einen geringen Effekt von der Mehrwertsteuersenkung, die ab 1. Juli vorübergehend in Kraft tritt. Der Grund für die gedämpften Erwartungen? Die Konsumlaune ist in der Bevölkerung nach wie vor verhalten.

Wer sich im regionalen Einzelhandel umhört, erhält fast überall die gleiche Antwort: Die Mehrwertsteuersenkung ist für Händler vor allem mit erheblichem Mehraufwand verbunden - etwa in der Warenwirtschaft und der Buchhaltung. Die Erwartungen an einen zusätzlichen Umsatz sind dagegen nicht sehr hoch. Johannes Nölscher von Schuh Kaufmann in Heilbronn, geht davon aus, dass "die Kosten für Mehrarbeit den Großteil des möglichen Umsatzplus auffressen".
Ab 1. Juli gelten für Konsumgüter 16 Prozent statt bisher 19 Prozent Mehrwertsteuer. Für Lebensmittel sind es fünf statt bisher sieben Prozent. Ein Großteil der Händler gibt die Mehrwertsteuersenkung an die Kunden weiter.
Nur 2,52 Prozent statt 3 Prozent
Was vielen Kunden dabei nicht klar ist: Selbst wenn Händler die Senkung in vollem Umfang weitergeben, sinkt der Ladenpreis etwa für Kleider, Schuhe oder Elektroartikel nicht um drei Prozent, sondern nur um 2,52 Prozent. Die Mehrwertsteuer wird vom Nettopreis erhoben. "Das ist vielen Kunden nicht klar", erklärt Chantal Lang von der Heilbronner Stadtinitiative. Das Modehaus Palm hat ein Infoblatt verfasst, um Kunden gegebenenfalls aufzuklären, warum nicht drei Prozent abgezogen werden.
Modehändler Axel Palm sieht den Effekt für seine Branche eher marginal. "Für große Anschaffungen kann es helfen, den Konsum anzukurbeln." Im Textilbereich dagegen erwartet er kaum, dass Kunden extra deswegen in die Stadt kommen. Dort sei sowieso bereits im großen Stil der Rotstift angesetzt. Viele Modehändler haben ihre Ware stark reduziert, rote "Sale"-Schilder in der Fußgängerzone zeugen von Schlussverkaufsstimmung.
Kundenfrequenz hat sich noch nicht wieder erholt
Trotz der umfangreichen Rabatte hat sich zumindest in Heilbronn die Kundenfrequenz noch nicht wieder erholt. "Wir liegen noch nicht wieder auf dem Niveau von vor Corona", erklärt Axel Palm. Auch Schuhhändler Johannes Nölscher sieht die Frequenz in seinem Geschäft "noch weit unter der Normalität". Die Zielkäufer seien da, "aber es fehlen uns Lustkäufer, die einen erheblichen Anteil am Umsatz ausmachen".

Auf neue Etiketten haben Händler in der Innenstadt in der Regel verzichtet, die Differenz zum alten Mehrwertsteuersatz wird meist direkt an der Kasse abgezogen. Jedoch gibt es dazu keine Verpflichtung. Der Handel muss die Steuersenkung nicht an die Kunden weitergeben.
Sporthändler Thomas Gauß etwa sieht das Geld gut beim Handel selbst aufgehoben - der während des Lockdowns erhebliche Kosten zu tragen hatte. Deshalb geht er mit seinen Sportgeschäften einen anderen Weg und bietet den Kunden drei Optionen an: Wer will, bekommt die 2,52 Prozent abgezogen. Möglichkeit zwei: Kunde und Händler teilen sich den Betrag. Nummer drei: "Der Kunde kann entscheiden, ob er uns die 2,52 Prozent Rabatt schenkt und damit den lokalen Handel unterstützt", erklärt Gauß.
Das sei eine "super faire Lösung". Für den Vorsitzenden der Stadtinitiative schafft die Konjunkturmaßnahme ohnehin kein großes, zusätzliche Nachfragepotenzial.
Spende fließt ans Kinderhilfswerk
Bei Karl-Josef Jochim von Tee Gschwendner hat die Franchise-Zentrale eine ungewöhnliche Entscheidung getroffen: Die Mehrwertsteuersenkung fließt als Spende an das Deutsche Kinderhilfswerk. "Wenn Kunden darauf bestehen, bekommen sie den Betrag aber ausbezahlt", sagt Jochim. Den Spendenzweck findet der Teehändler gut, weil viele Kinder unter der Corona-Krise stark gelitten hätten. Allerdings sagt auch er: "Es ist mit viel Verwaltungsarbeit verbunden."
Auch für die Gastronomie gilt: Es bleibt Wirten selbst überlassen, wie sie mit dem neuen Satz verfahren. Angesichts massiver Umsatzverluste rät Gastronom Thomas Aurich seinen Kollegen aber dringend davon ab, die Senkung an die Gäste weiterzugeben.
Im Fleiner Edeka-Markt von Thorsten Frank hängen jetzt Schilder mit krummen Preisen an den Regalen. Für Lebensmittel gelten jetzt fünf statt sieben Prozent Mehrwertsteuer. Am vergangenen Sonntag hat er mit zehn Mitarbeitern acht Stunden lang die Preisschilder ausgetauscht: "So sieht der Kunde gleich die neuen Preise." Dort, wo elektronische Etiketten die Ware auszeichnen, gibt es auch im Media Markt ab 1. Juli krumme Preise.
Kommentar von Bärbel Kistner: Zwiespältig
Für die Händler bringt die Mehrwertsteuersenkung zunächst einmal eine Menge Bürokratie und viele ungeklärte Fragen. Ob der Mehraufwand am Ende auch mit mehr Umsatz belohnt wird, ist fraglich. Selbst wenn einige Experten die Rückkehr der Konsumlaune beschwören, zeichnen viele Händler ein anderes Bild. Nach wie vor sind die Frequenzen in den Innenstädten geringer. Selbst die hohen Rabatte vor allem im Modebereich haben nicht dazu geführt, die Massen zurück in die Fußgängerzonen und Einkaufsgalerien zu holen.
Die Maskenpflicht mag nach wie vor ein Grund sein für einen verhaltenen Spaß am Shoppen. Doch bei vielen stellt sich derzeit gar nicht die Frage, wann ihre Lust auf Konsum zurückkehrt. Einigen Selbstständigen und Freiberuflern fehlt selbst dann der finanzielle Spielraum, wenn sie ein paar Euro Mehrwertsteuer sparen.
Und schließlich hat die Corona-Krise mit all ihren drastischen Folgen ein Nachdenken über unsere Konsumgewohnheiten und unseren Lebensstil in Gang gesetzt. Die Herkunft und die Herstellung von Produkten – ob Textilien oder Elektrogeräte – wird gerade von einer eher kaufkräftigen Klientel stärker hinterfragt. So mancher will nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern stattdessen bewusster und nachhaltiger konsumieren.


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