Was steckt eigentlich hinterm Buß- und Bettag?
Protestanten feiern an diesem Mittwoch einen unbequemen kirchlichen Feiertag, den Buß- und Bettag. Pfarrer Matthias Treiber aus Sontheim erklärt die Hintergründe und macht einen mutigen Vorschlag.

Mitte November begehen Protestanten traditionell den Buß- und Bettag. Außenstehende können damit wenig anfangen. Pfarrer Matthias Treiber aus Sontheim erklärt im Stimme-Gespräch, was es damit auf sich hat.
Was feiern Protestanten eigentlich am heutigen Buß- und Bettag?
Matthias Treiber: Es heißt ja, dass man Protestanten daran erkennt, dass sie sich für alle Not in der Welt schuldig fühlen. Spaß beiseite. Tatsächlich gab es in evangelischen Ländern in Notzeiten immer wieder allgemeine Bußtage, die das Volk zur Umkehr bewegen sollten. Der Mittwoch im November als einheitlicher Bußtag wurde in Preußen 1893 eingeführt, erst 1934 wurde er ein gesetzlicher Feiertag. Ausgerechnet unter den Nazis.
Aber deshalb wurde er als Staatsfeiertag nicht abgeschafft, oder?
Treiber: Nein, er wurde 1995 zugunsten der Einführung der allgemeinen Pflegeversicherung als arbeitsfreier Tag gestrichen. Dennoch ist er weiterhin ein kirchlicher Feiertag, im Bundesland Sachsen sogar immer noch staatlich.
Viele bedauern das bis heute.
Treiber: 1995 war ich über die Abschaffung noch empört, aber heute muss ich sagen: Es hat unseren Buß-Gottesdiensten nicht geschadet. Heute kommen abends nicht weniger Besucher als damals vormittags.
Buße tun. Ist das noch zeitgemäß?
Treiber: Der Begriff wohl nicht, aber dass sich jemand für etwas verantwortlich oder schuldig fühlt, beobachte ich häufig, vor allem im persönlichen Bereich. Man merkt, dass man sich anderen gegenüber falsch verhalten hat; dass man aufbrausend ist oder zu lasch; fragt, ob man bei der Erziehung der Kinder alles richtig gemacht hat oder fühlt sich mies, weil im Leben manches schief gelaufen ist. Dass Menschen von einem anderen, besseren Leben träumen und über das, was daran hindert, nachdenken, das ist auch heute noch zeitgemäß.
Und warum muss man dazu in die Kirche gehen?
Viele Gottesdienste
In vielen Gemeinden finden heute Gottesdienste statt, auch um 17 Uhr in der Kilianskirche. Dort predigt auf Einladung der Diakonie Dekan Christoph Baisch über "Die Hoffnung nicht aufgeben!" Diakonie und Pfarrer Hans-Jörg Eiding laden danach zum Empfang.
Treiber: Müssen muss man nicht, aber es hilft, mit diesen Schuldgefühlen oder Fragen nach Schuld vor dem Altar zu stehen anstatt nur in den Spiegel zu starren. Gott vergibt − und das macht mich zu einem glücklicheren Menschen und führt zu einem erfüllteren Leben. Hoffe ich jedenfalls. Umkehr ist möglich.
Sollte er also doch wieder ein gesetzlicher Feiertag werden?
Treiber: Das ist nicht nötig und das fände ich auch nicht gut. Feiertage sollen die Menschen in unserem Staat zusammenbringen, auch die Nicht-Christen und Nicht-Religiösen. Meine persönliche Meinung wird Sie vielleicht etwas überraschen. Ich würde die konfessionellen und regionalen christlichen Feiertage als arbeitsfreie Tage zugunsten einheitlicher staatlicher Gedenktage streichen.
Ganz schön mutig, was Sie da als Pfarrer sagen. An welche neuen Gedenktage denken Sie denn?
Treiber: 27. Januar als UN-Gedenktag an den Holocaust, 8. Mai als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, 23. Mai als Tag des Grundgesetzes und selbstverständlich den 9. November in der ganzen Vielfalt des Erinnerns an diesem Tag. Die vier wären es wert, staatliche Feiertage zu sein. Und es wäre ein Zeichen von Demut und Buße, wenn wir von der Kirche für die Gemeinsamkeit unseres freiheitlichen Staates aus Alteingesessenen und Zuwanderern, aus Christen und Nicht-Christen auf nicht ganz so zentrale arbeitsfreie christliche Feiertage verzichten würden.
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare