Was macht Kokain zur beliebten Droge?

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Drogen sind ein Spiegelbild des Zeitgeists. Es hat Gründe, warum Kokain auf dem Vormarsch ist. Doch der Konsum führt sehr schnell in die Abhängigkeit. Ein ehemaliger Kokain-Konsument berichtet über die Abwärtsspirale.

Peter Bremmer (Name geändert) ist 18, als er mit dem Koksen anfängt. Zu dem Zeitpunkt ist er häufig in der Partyszene unterwegs. Ist Kokain verfügbar, nimmt er was, "wenn nicht, dann nicht". Einige Jahre geht das so. "Kokain wirkt euphorisierend", erzählt Bremmer, er fühlt sich gut. Dann läuft es im Beruf nicht mehr rund. Abends greift er zu Alkohol. Trinkt, um den stressigen Tag und die fiesen Kollegen zu vergessen. Morgens braucht er etwas, um auf Touren zu kommen. Kokain. Ein Teufelskreis. Dann der Absturz. Heute macht der 38-Jährige eine Langzeittherapie. "Ich muss mir mein Leben von null an aufbauen."

Helena Resch. Foto: Kinkopf
Helena Resch. Foto: Kinkopf  Foto: Kinkopf

Kokain ist beliebt. Deutschlandweit steigt im vergangenen Jahr die Zahl der Straftaten im Zusammenhang mit dem weißen Pulver um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Holger Münch, Chef des Bundeskriminalamts, warnt: Es handele sich nicht mehr um eine Elite-Droge. Obwohl Koks teuer ist. Ein Gramm gibt es in der Region für etwa 90 Euro. Je nach Qualität kostet es zwischen 70 und 120 Euro, sagt Helena Resch, Leiterin der Suchtberatungsstelle Heilbronn. Unter den Konsumenten seien beruflich erfolgreiche Menschen, "da kommt in bestimmten Kreisen abends was auf den Tisch". Inzwischen schnupfen aber auch Schüler Kokain.

LSD und Heroin sind nicht mehr in

"Drogen spiegeln den Zeitgeist wider", sagt Resch. Psychedelische Mittel wie LSD seien in den 70er Jahren beliebt gewesen. Auch das in den 80er Jahren häufig konsumierte Heroin sei etwas aus der Mode gekommen. Heute fühlten sich Studierte und Menschen, die in ihren Firmen eine gehobene Position inne haben, groß und leistungsfähig, sagt Resch. Die Droge verhelfe ihnen dazu, Verhaltensweisen an den Tag zu legen, "die wir gesellschaftlich gut finden". Resch skizziert das Bild des selbstbewussten Machers. Managertypen, die sich schon mal über Regeln hinwegsetzen und auf Konventionen pfeifen. Leistungsfähig und entgrenzt - auch in der Sexualität. "Die sexuelle Enthemmung spielt für sie eine Rolle", sagt Resch. Dass Kokain-Konsumenten zudem mehr Alkohol vertragen, spiele ihnen in die Karten.

"Kokain hat es mir ermöglicht, handlungsfähig zu bleiben", blickt Bremmer zurück. Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, nimmt er Alkohol und Kokain in immer größeren Mengen zu sich. Seine damalige Partnerin macht die selbstzerstörerische Sucht irgendwann nicht mehr mit. Die Beziehung geht in die Brüche. Bremmer wird arbeitslos. Er macht Dinge, auf die er im Nachhinein nicht stolz ist und über die er nicht sprechen möchte. "Damit muss ich leben." Er sei aber nie kriminell geworden. Darauf legt er Wert. Um die Sucht zu finanzieren, nimmt er Gelegenheitsjobs an, hilft bei Umzügen und auf Baustellen. Mit dem nächsten Hunderter in der Tasche zieht er los, um Drogen zu kaufen. "Ich war ein Sklave meiner Sucht."

Drogen sind leicht zu beschaffen

An Stoff zu gelangen, ist nicht schwer. Bremmer lebt eine Zeit lang in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen. Er hat schnell raus, wo die Dealer anzutreffen sind. Er findet jemand, der ihm den Stoff nach Hause liefert.

Die Verfügbarkeit von Kokain auch in der Region Heilbronn hält Helena Resch für groß. Das Internet erleichtert den Kauf. Dann kommt der Schnee im neutralen Päckchen frei Haus. Den Weg zu Helena Resch und ihrem Team in die Beratungsstelle an der Heilbronner Kaiserstraße finden die beruflich erfolgreichen und finanziell gut gestellten Konsumenten nur selten. "Der Kokser sieht sich nicht als suchtkrank." Hilfe annehmen - das passt nicht ins Selbstbild. Wenn überhaupt, suchen die Kokain-Konsumenten einen Arzt auf oder gehen zum Psychotherapeuten. Zu Resch kommen all jene, die zum Beispiel bei einer Straßenverkehrskontrolle oder beim Dealen mit Drogen erwischt werden.

Vier Mal entgiftet, vier Mal rückfällig geworden

Peter Bremmers Familie drängt auf eine Therapie. Vier Mal entgiftet er, vier Mal wird er nach kurzer Zeit rückfällig. Es dauert lange, bis er einen Therapieplatz bekommt. Ohne Kokain fühlt er sich antriebslos, depressiv, schlapp. "Das Leben ist scheiße", fasst er die Stimmungslage während des Entzugs zusammen. Kokain steigert die stimulierenden Botenstoffe Dopamin und Serotonin im Gehirn und sorgt für den Kick. Schnell jedoch führt die Substanz in die Abhängigkeit. "Kokain ruft eine starke psychische Abhängigkeit hervor", sagt Resch. Kokain schädigt außerdem den Körper. Konsumenten bekommen Probleme mit Herz und Kreislauf. Das Schlaganfallrisiko nimmt zu.

Häufig bleibt es wie im Fall von Bremmer nicht beim Konsum eines Suchtmittels und nur hin und wieder. Eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang. Konsumenten koksen, um sich gut zu fühlen. Sie stellen jemanden dar, der sie ohne Stoff nicht sind. Um vom Trip wieder runterzukommen, greifen sie zu dämpfenden Mitteln. "Die Probleme werden schwerwiegender", sagt Resch. Die Sucht gehe ins Geld. Die Süchtigen machen Schulden.

Peter Bremmer lernt in der Therapie zwei Dinge: Zum einen ergründet er, warum er für Suchtmittel so empfänglich ist. Zum anderen muss er lernen, ohne Drogen zu leben. Ein Prozess, der nie endet. "Ich bleibe mein Leben lang suchtkrank." Zurzeit versucht er, beruflich wieder Fuß zu fassen. Zig Bewerbungen habe er geschrieben. Er denkt daran, sich selbstständig zu machen und wünscht sich "ein normales Leben".

Oxycodon nimmt Fahrt auf

Wenn Drogen ein Spiegelbild der Zeit sind, wie Resch sagt, dann scheint der Weg für die nächste Substanz bereits bereitet zu sein: Opiate in Form von Medikamenten. So wie mancher Kokser als der tollste Hecht im Teich wahrgenommen werden will, brauchen andere Menschen Substanzen, um sich selbst auszuschalten, zu dämpfen, wie Resch sagt. Der Stoff: Oxycodon. Das Opioid findet sich in Schmerzmitteln und wirkt sedierend.

 
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