Was ein Udo-Lindenberg-Double antreibt
Rudi Wartha aus Lauda-Königshofen sieht nicht nur aus wie Udo Lindenberg, er kennt den bekannten Musiker sogar persönlich. Dessen Songs geben ihm Kraft, denn Warthas Leben stand mehr als einmal auf Messers Schneide.

Er ist gerade mal Anfang 30, als er erfährt, dass seine Niere kaputt ist. Es folgen Jahre, in denen Rudi Warthas Leben manchmal auf Messers Schneide steht. Sieben Jahre dauert es, bis er ein Spenderorgan erhält. Seit der Nierentransplantation sind zehn Jahre vergangen. Im Interview spricht der 52-Jährige aus Lauda-Königshofen im Main-Tauber-Kreis über Zuversicht und was der Musiker Udo Lindenberg und dessen Songs für ihn bedeuten.
Nierenversagen, Dialyse, warten auf eine Organspende: Was macht das mit einem?
Rudi Wartha: Für mich ist jeder Tag ein Geschenk. Dafür bin ich meinem Organspender sehr dankbar. Ich habe auch schon vor der Diagnose gedacht, man muss jeden Tag leben, wer weiß, was morgen ist.
Was heißt das konkret für Sie?
Wartha: Ich lebe so, als ob es morgen vorbei sein könnte. Vielen ist das nicht bewusst. Jeder denkt, ihn erwischt es nicht. Ich bin früher Tourenski gefahren und ich war beispielsweise in der Sahara, in Libyen, Namibia, Algerien. Wenn ich die Gelegenheit habe, so etwas mit Freunden zu machen, nehme ich sie wahr.
Stecken Sie auch mal den Kopf in den Sand?
Wartha: Natürlich gibt es Tage, an denen man down ist. Aber es muss weitergehen. Deshalb hatte ich vor der Nierentransplantation auch keine Angst. Ich sagte mir, diese Niere ist für mich. Die Operation wird gelingen und alles wird gut.
Und wurde alles gut?
Wartha: Es gab dann doch Komplikationen. Doch man darf den Glauben daran, dass alles gut wird, nicht verlieren. Bei mir war der Funke Hoffnung immer da.
Was gibt Ihnen Kraft?
Wartha: Mein Glaube an Gott, meine Familie, Udo Lindenberg und meine Freunde. Sie kenne ich schon seit meiner Jugend, zusammen gehen wir durch dick und dünn. Sie standen auch in meinen schweren Zeiten zu mir.
Welche Spuren hat die Nierenerkrankung hinterlassen?
Wartha: Was meinen Körper angeht, bin ich sehr sensibel geworden. Sobald irgendetwas nicht stimmt oder ich merke, ich fühle mich nicht wohl, gehe ich sofort zum Arzt. Ich höre heute auf meinen Körper. Bevor ich krank wurde, habe ich solche Sachen ignoriert. Wenn ich müde war, dachte ich, das kommt davon, dass ich viel arbeite. Früher habe ich mich viel ehrenamtlich engagiert. Katholische Junge Gemeinde Lauda, Jugendarbeit im Angelsportverein, ich war im Pfarrgemeinderat, Vorsitzender im Schalke-Fanclub Taubertal, habe Ferienfreizeiten geleitet, immer alles mit Engagement.
Und dann kommt so eine Diagnose. War Ihnen eigentlich sofort klar, was das bedeutet?
Wartha: Es war so, dass ich von einer Ferienfreizeit kam und es mir nicht gut ging. Ich bin zum Arzt, der die Ursache aber nicht fand. Also ging ich weiter zur Arbeit und suchte einen anderen Arzt auf. Der schickte mich ins Krankenhaus Bad Mergentheim, wo es dann hieß, Herr Wartha, Ihre Niere ist kaputt. Ich fragte, was das heißt. Bekomme ich Tabletten und dann wird es wieder gut?
Sie wussten also nicht, was auf Sie zukommt.
Wartha: Nein. Zunächst musste ich die Ernährung umstellen auf eiweiß-, salz- und kaliumarme Kost. Kartoffeln zum Beispiel musste ich viele Male abkochen, damit das Kalium rausgeht. Ich habe mich alle paar Stunden selbst einer Dialyse mit Katheter über den Bauch unterzogen. Diese Jahre waren schlimm, aber ich habe es geschafft.
War Organspende vor Ihrer Erkrankung ein Thema für Sie?
Wartha: Ja, wir hatten in der Familie schon früher darüber gesprochen. Beim Abendessen etwa sagten wir, wenn irgendwann mal etwas sein sollte und jemand fragt, meine Mutter und ich sind Organspender. Mein Vater hatte einen Ausweis. Dass ich selbst ein Organ brauchen würde, daran habe ich nicht gedacht. Wichtig ist, dass man in der Familie darüber spricht. Damit die Angehörigen wissen, was sie tun sollen, wenn wirklich mal etwas passiert.
Haben Sie damals mit Ihrem Schicksal gehadert?
Wartha: Ich habe mich schon gefragt: Warum? Warum ich? Das fragt sich sicher jeder, der krank wird. Aber darauf gibt es keine Antwort. Natürlich hat mir das mit Anfang 30 auch gestunken. Ich wollte ja leben, meine Träume realisieren. Ich wusste aber auch, wenn ich aufgebe, wird das nichts. Und wenn ich alles gebe, habe ich eine Chance, dass ich wieder leben kann. Ich habe mich nicht aufhalten lassen. Ich bin zum Beispiel an den Edersee in Hessen zum Angeln gefahren. Bin mit dem Boot rausgefahren und für die Dialyse wieder ans Ufer zurück. Dafür hatte ich mir extra einen VW-Bus gekauft. Nach der Dialyse ging es wieder raus auf den See und abends in die Pension. So habe ich das auch bei der Tournee mit Udo Lindenberg gemacht.
Wie kam es eigentlich dazu?
Wartha: Ich bin seit frühester Jugend Udo-Lindenberg-Fan. Ich finde die Musik gut, ich mag Udo Lindenberg, weil er ehrlich ist und sagt, was er denkt. Er hat sich in der Friedensbewegung engagiert, macht Rock gegen Rechts, setzte sich für den Mauerfall ein, gegen Atomkraft und für eine bessere Welt. Für mich ist Udo Lindenberg ein Vorbild.
Und wie ist der enge Kontakt entstanden?
Wartha: Das war 2003. Ich war in Weimar auf seinem Konzert und Udo holte mich auf die Bühne, damit ich was singe. Das gefiel ihm und er lud mich hinterher in das Hotel Elephant ein, in dem er übernachtete. Wir tauschten die Telefonnummern aus und daraus ist eine Riesenfreundschaft entstanden.
Welche Rolle spielt Lindenberg in Ihrem Leben, das ja nun nicht so leicht war und ist?
Wartha: Udo gibt mir Kraft. Auch mit seinen Songs wie „Das Leben“ oder „Mein body, du und ich“. Bei ihm in Hamburg habe ich erstmals das Lied „Durch die schweren Zeiten“ gehört, noch bevor es rauskam. Da hatte ich Tränen in den Augen. Ich dachte, es ist wie für mich geschrieben. Udo ruft manchmal an, fragt: Wie geht’s? Was machen die Nieren? Das ist schon toll.
Seit wann treten Sie als Udo-Lindenberg-Double auf?
Wartha: Als Udo-Double bin ich schon als 17-Jähriger aufgetreten. Wenn ich draußen unterwegs bin, habe ich immer den Hut auf. Es ist schon so, dass ich angesprochen werde. Und auf der Autobahn winken die Leute manchmal aus den Autos zu mir rüber.
Ihre Auftritte sind körperlich anstrengend. Wie schaffen Sie das?
Wartha: Ich mache Gymnastik, gehe ins Fitnessstudio und mache Walking. So halte ich mich fit. Wir alle, mein gesamtes Team, das Udopium-Orchester, sind nach einem Auftritt fix und alle, aber wir sind glücklich.
Was bleibt von einem Auftritt?
Wartha: Ich nehme die Freude mit. Ich versuche, den Leuten Udos Botschaft zu vermitteln. Ich sehe den Glanz in den Augen der Zuschauer, wenn es ihnen gefällt. Das gibt mir wiederum Kraft auf der Bühne. Danach brauche ich eine Erholungsphase.
Würden Sie sagen, Sie haben ein erfülltes Leben?
Wartha: Ja, ich hatte auch Glück in meinem Leben. Ich habe in der Vergangenheit viel Unterstützung erfahren. Und ich bin dankbar, dass ich als Udo-Lindenberg-Double auftreten darf. Ich bin zufrieden, wenn ich so weiterleben kann. Ein Tipp vom Panik-Paten: Wenn du aufgibst, weißt du nie, ob du es morgen geschafft hättest.
Zur Person
Rudi Wartha stammt aus Lauda-Königshofen, wo er von Geburt an lebt. Nach einer Bäckerlehre arbeitet er zunächst einige Jahre in diesem Beruf, bevor der heute 52-Jährige den Job wechselt und in einer Fabrik für Schulmöbel tätig wird. Als Udo Lindenberg tritt Wartha auf, seit er 17 Jahre alt ist. Vor zehn Jahren erhält er eine neue Niere. Wartha engagiert sich in der Udo-Lindenberg-Stiftung, die in Afrika unter anderem Schulen und Wasserleitungen baut, sowie in der Deutschen Nierenstiftung. Wartha geht auch in Schulen, um über Organtransplantationen aufzuklären.
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